Buchpräsentation: Best-of-Gangart

Der Schiffwirt in Abtenau war bis auf den letzten Platz gefüllt als wir, der Manfred Wallinger und ich, zur Buchpräsentation luden und die Gelegenheit beim Schopf packten, den Menschen vor und hinter dem Projekt “Danke” zu sagen. Auszug aus meiner launisch, nachdenklichen Bilanz:

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Auf dem Weg zu einer neuen Gangart: Lesebuch für die stille Zeit. Almblitz-Verlag. 260 Seiten. € 19,80.– Bestellungen an: office@almblitz.com

„Wenn ich die zurückliegenden 10 Gangart-Nummern jetzt vor meinem geistigen Auge aufreihe, dann hab ich das Gefühl, dass jede Nummer etwas Besonderes war. Wie ein Werkstück, an dem man arbeitet und feilt. Das man von einer Hand in die andere nimmt. Von allen Seiten anschaut. Was ich sagen will ist, es war weit weg von Routine, weil alles irgendwie sehr grundsätzlich war und wir nie wussten, wie die nächste Nummer ausschauen, sich anfühlen wird. Zum Schluss war es immer ein Herumgeschiebe und Herumgefeile. So ist nach der dritten Nummer, die vierte gekommen, und nach der vierten die Fünfte. Und so haben wir uns vorgestatet. Schritt für Schritt.

Und dann haben wir gesagt, wenn es so ein Werkstück ist, so etwas Besonderes jedes Mal, dann müssen wir das auch zelebrieren, wenn es fertig ist. Auch, weil sowieso viel zu wenig gefeiert wird im Leben. Damit wurde die gangart-Verkostung und -Lesung ein fixer Bestandteil jeder Nummer –, was uns recht war, weil wir ja von Anfang an nicht nur eine Zeitung sein wollten, sondern auch eine Plattform, auf der Dialoge stattfinden.

So haben wir mit jeder Nummer das Gefühl gehabt, dass diese kleine Community aus gangart-Freunden und -Komplizen wächst, und dass auch rundherum – etwas weiter weg vom Zentrum – etwas am Wachsen ist; dass dieser Dialog, den wir hier anstoßen, neue Gespräche provoziert. Ja, provozieren wollten wir auch, um uns selbst und die anderen aus der Komfortzone herauszulocken. Wir wollten politisch sein und kämpferisch, aber nie partei-politisch. Wir wollten wichtige – scheinbar kleine und unscheinbar große – Themen auf eine etwas andere Art und Weise behandeln und: wir wollten Menschen in ihrer Eigenart porträtieren, damit sie zu leuchten beginnen. Deren Licht hinter dem Scheffel hervorholen, damit wir alle besser sehen können. Aber das Entscheidende von Anfang an war, dass wir nicht im eigenen Saft schmoren wollten, sondern immer ein MEHR im Auge hatten, das wir irgendwo hinter dem Tellerrand vermuteten. Wir wollten neue Verbindungen schaffen, und neue Verbindlichkeiten.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass die vorläufig letzte Nummer den Schwerpunkt Heimat hat. Wir haben damals im Vorwort geschrieben: „Heimat ist eine Hütte, vor der wir Rast machen.“ Und vielleicht war das auch der Grund, dass wir im Thema so drinnen waren, dass wir nach der letzten Verkostung uns angeschaut und gesagt haben, dass vielleicht auch wir eine Pause brauchen. Zum Atemholen, wie wir sagten. Und wir haben schon irgendwo gespürt, dass das gefährlich ist. Sobald man einmal aufschaut, von seinem Werkstück und darüber nachdenkt, was man da eigentlich tut, besteht die Gefahr, dass man es dann nicht mehr tut. Sobald man Abstand nimmt zu den Dingen, die sich als normal einzuschleifen drohen, kann es sein, dass man plötzlich merkt, dass man etwas anderes tun will. Tun soll. Die Gefahr besteht. Und macht das Leben aus.

Und genau so ist es uns ergangen, mit der gangart. Wir haben sie von allen Seiten angeschaut und erinnerten uns mit einem Male daran, dass wir ja irgendwann die Idee eines BEST-OF hatten. Und weil man mit dem Manfred ja nicht einfach still sitzen und Atem holen kann, ist dieses Buch entstanden. Und jetzt, wo es da vor mir liegt, freue ich mich sehr, dass diese 5 Jahre so eine Gestalt angenommen haben.

Lesebuch. Ich weiß, das klingt irgendwie staubig. Unzeitig. Überholt. Und doch auch provozierend. Denn ein Lesebuch ist ja streng genommen ein Pleonasmus. Also so etwas wie ein weißer Schimmel oder ein runder Kreis. Wobei es ja auch Schimmel geben soll, die nicht weiß sind. Sagt man. Und Bücher, die nicht nur zum Lesen sind, sondern auch zum Atemholen, Innehalten, Sich-Zurück-Lehnen. So ein Buch wollten wir machen. Eines, das neben dem Kopfkissen liegt. Und das man aufschlagen kann, wo man will und wenn es passt. Ein Buch, das wie ein guter Freund und immer offen ist. Ein Buch, das neue Räume schafft und neue Leichtigkeiten.

Ein „Lesebuch für die stille Zeit“ ist es geworden: Ein Buch, das uns einmal um die Welt herum führt – mit Schwerpunkten über das Glück und die Bildung, die Flucht und die Genügsamkeit, über das Träumen und das, was wir Heimat nennen. Angereichert mit dichten Portraits aus dem Salzburger Land – von Menschen, Gestalten und Landschaften, die durch ihre Eigenart punkten. Mit philosophischen Miniaturen und schneidigen Satiren. Mit Gedichten, Bildern und Orten der Einkehr, des kulinarischen Genießens, Atemholens.

Wie es weitergeht, wissen wir nicht. Aber wir spüren, dass es weitergeht. Und dass wir uns neu erfinden müssen. Dialog ist ansteckend. Bestenfalls.“

Angst vor der digitalen Revolution?

Manchmal scheint es so, dass man ein Wort nur oft genug in den Mund zu nehmen braucht, um jeden Sinn aus ihm „rauszuholen“. Und wenn ich „rausholen“ sage, denke ich nicht an Anreicherung oder Aufladung mit Sinn, sondern an einen perfiden Vorgang der Entladung, sodass am Ende kein Sinnrest mehr übrig ist.

Die „Digitale Transformation“ ist so ein Wortungetüm, das anfänglich angsteinflößend vor den Unternehmenstüren stand, heute aber viel von seinem Schrecken verloren hat. Nicht, weil Unternehmen sich der Herausforderung stellen, sondern weil mittlerweile wieder der Alltag eingekehrt ist und man mit dem „Monster in the House“ – als das Michael Müller die Digitalisierung in unserem BST-READER 2018 bezeichnet – zu leben gelernt hat. Und solange es still hält und es niemand aufschreckt, gelingt das in vielen Fällen erstaunlich gut. Als ob es schon reichen würde, es auf jeder zweiten Powerpoint-Präsentation einzufolieren, um den disruptiven Schrecken zu bannen, der dahinter lauert.

Plötzlich sehe ich jemanden winken, von weit her und ziemlich verschwommen, und erkenne Deng Xaoping, der Chinas Geschicke von 1979 bis 1997 bestimmte und glaubte, die Marktwirtschaft einführen zu können, ohne den Menschen aus der volkswirtschaftlichen Bevormundung zu entlassen. Die Deng Xiaopings in den heutigen Unternehmen glauben – ähnlich pragmatisch –, die Digitaliserung auf prozess-technische Maßnahmen reduzieren zu können, ohne die kulturelle Disruption mitzudenken. Dabei ist das Eine ohne das Andere nicht zu haben. Auch wenn man mit Stäbchen und Pinzetten vorsichtigst versucht, die rein technischen Aspekte wie Rosinen aus dem Digitalisierungskuchen zu picken.

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Das Bild zeigt Denq Xiaoping mit US-Präsident Gerald Ford, Foto: ©Reuters

Vor diesem Hintergrund ist auch die neue Arbeitswelt, die seit gut 10 Jahren gern gesehener Gast ist, wenn es um die Besetzung von Keynotes geht, nur ein Reflex auf das Gespenst der Digitalisierung. Weil die digitale Revolution, von der wir so leichtfertig sprechen, sich eben nicht nur in der Automatisierung von Prozessen und Dialogen im Namen der künstlichen Intelligenz erschöpft, sondern auch angestammte Hierarchien porös werden lässt. Mit der Folge, dass auf der Rückseite der harten Prozesse eben auch weiche Dinge wie Führung, Loyalität, Zusammenarbeit und Innovation neu definiert werden müssen.

In der Praxis reagieren Unternehmen jedoch gerne, indem sie auf alte Muster oder Narrative aufspringen: Indem sie Flexibilität nur in eine Richtung denken, indem sie von Eigenverantworung sprechen, wenn sie ihre Mitarbeiter alleine lassen und indem sie solange neue Compliance-Regeln definieren, bis auch der letzte Innovationsfunke aus dem Unternehmen entwichen ist. Was dabei übersehen wird, ist, dass Innovation der Regelbruch per se ist, dass Eigenverantwortung nur auf dem Boden des Vertrauens wächst und dass „Führung“ heute weniger eine Rolle bezeichnet als eine situative Qualität, die nur im Hier und Jetzt erfahren werden kann.

Sebastian Purps-Pardigol, der nicht zufällig mit dem Gerhirnforscher Gerald Hüther eine längere Wegstrecke gemeinsam zurückgelegt hat, bringt auf den Punkt, warum Zuhören-Können eine Management-Kategorie des neuen Jahrtausends ist und welche Rolle sinnstiftende Geschichten spielen könnten – auf unserem Weg durch das Dickicht, das sich Zukunft nennt.

Mit diesen Geschichten im Gepäck könnte es Führungskräften auch gelingen, die Unsicherheit, was die eigene Rolle angeht, zuzulassen und damit neue Potenziale in den Mitarbeitern freizusetzen. Ein Zusammenhang, den Bradley Owens, Professor für Business Ethics an der Marriot School (USA, Utah), in seinen Studien zur „Demut von Führungskräften“ eindrucksvoll bestätigt sieht.

„Die Ordnung der Vergangenheit“ ist jetzt als Film zu sehen

Vor etwas mehr als einem Jahr gab es das erste Screening in Potsdam. Jetzt ist der Film auch im Internet zu sehen, was ich Ihnen nicht vorenthalten will. Darüber hinaus sind die Erfahrungen eines experimentellen Workshops, den Wilhelm Singer und ich gemeinsam in Hamburg anlässlich der BEYOND STORYTELLING KONFERENZ im Juni 2018 anboten, in einen Text (About The Constructiveness of Life) geronnen, der im Frühjahr als Teil des Buches „Transforming organizations. Narrative and story-based Approaches“ im Springer Verlag erscheinen wird.

Zum Ansehen des Films einfach das Bild klicken.

Die Personen, die auftreten, sprechen für Familienmitglieder und Personnagen des Künstlers/Regisseurs/Beobachters Wilhelm Singer, der dem Stück seines Lebens beiwohnt, wie einem modernen Theaterstück, in dem das Publikum auf der Bühne Platz genommen hat. Als Beobachter ist er Teil des Stücks und kommuniziert bewegungs- und stimmlos mit den Gesichtern aus seiner Vergangenheit. Eines davon bin ich, der in einer geheimen Parallelmission ebenfalls in seiner Kindheit geschürft, Texte abgetragen und zu einer Figur verdichtet hat. Sie beschreiben eine Haut, die sich über multiple Biographien spannt. Wir teilen uns brüderlich diese Rolle: Alma – ein 15-jähriges Mädchen, das ich niemals war, das mir aber nachträglich die Form verleiht, in die ich mich gieße und verliere.

Ich erwache in einer fremden Welt, die ich bin und mir niemals ganz gehört. Ich beginne zu gehen, zu laufen – die Vergangenheit als Begrenzung hinter mir lassend. In der Collage aus vielen Gesichtern komme ich zu mir. Beginnen die Personnagen, die mich umgeben und formen, zu kommunizieren. Miteinander. Und wie durch Glasscheiben „unantastbarer Motive“ hindurch. Die Gesten, zu denen sie sich dabei hinreißen lassen, wirken wie an dünnen Fäden gezogen. Wir sind wie Re-Präsentanten eines Films, den unser Leben dreht. Sein Plot sind die Geschichten, die wir über uns erzählen. Oder mit den Worten Almas:

Die Entdeckung des Vorhandenseins ist ein Ereignis.“

A Reader’s Travel

First it was not more than a vague idea. About a book that is able to prolong and enspirit the conversations we will have during and after the conference in Hamburg on a different level. Nothing heavy, nothing academic, but something very human. Something that can provoke, surprise and make us laugh. A pillow book, one can open and crossread between night and day dreams.

Then the team jumped up the READER TRAIN and the project picked up pace. We started to collect, to choose, to sort out and to outline a bigger picture. And over time the monomanie in our heads has started breathing.

Now that the conference is already an event we have to turn around to see it on our timeline, we feel that the READER´s time is just coming – as it is being passed on and read now also outside the participants circles. And as our baby starts coming around – from New Zealand to Canada, from India to the US – we think that the time has come to offer it as a PDF, publicly and free for everyone who is interested and caring. Here is the link for download!

By the way: I found my feather last week. Of course, in a rocky terrain. Have a look. The new READER will be co-written with this feather.

Helsinki Games

Some months ago we have been shooting in beautiful and vibrant Helsinki at NextGames. It was cool to talk to people who are just defining the future of game play in terms of augmented reality. Nowadays games are services provided through the cloud. Especially when they are location based and played globally, there seems no other option to dynamically inject events into the game and interact with the players in real time.

And regarding the realism of the game, you just have to look around to see that the walkers eventually become part of our life. Whether you are a player or not.

Hamburg – one month later

First, it had the shape of an idea. Then, it became a location, a structure, a content. At the end, it was “a place to gather”, the relationships we have been able to build. When I am re-membering the conversations, the laughter and the secret insights carried by and made possible through this community @BST18 it feels painfully far away from a reality I am thrown into again – not having found my feather yet.

Europe! What a sparkling and sad name. The bewitching Phoenician princess, kidnapped and violated by conquerors, murders, dictators, slave traders and transnational companies to serve their inhumane interests. Protected and encouraged by illiterate and blinkered politicians in Rome, Munich, Vienna and Budapest who stand up to defend the prosperity gained on the back of others, proudly erecting the walls of a new fortress called Europe and cutting the last rescue bridges for refugees.

The wonderful and sharp-witted writer Christoph Ransmayr has recently called Europe “the heart of darkness”. In his speech he tells a story about his quest for the last Gorillas in the border region between Uganda, Ruanda and Kongo. A small wispy girl in a shredded dress, barefoot in the middle of nowhere, hefting a massive water can through the wildness without an obvious destination passes the travel group while changing the tires of their truck. This was the first encounter of being seen from far away. The second one was finally with a silverback, after hours of an arduous ascent, not less mysterious than the first one. He “looked at us, so long and deep down into our souls – or whatever Europeans might hold in their chests – that we suddenly felt like one of them.”

It is a different story about Europe. It’s a sliver of a story about the power of community.


More harvesting on BST2018 you can find on: https://www.beyondstorytelling.com/harvest-bst-2018

Schwerpunkt Heimat. Die neue „gangart“ zum Nachlesen

 

Heimat kann ein unscheinbares Bankerl sein oder ein Ritual, das weit in die Kindheit reicht. Eine Melodie. Ein Geruch. Die feuchte Erde nach dem letzten Schnee und vor der ersten Gülle. Ein Gefühl der Geborgenheit, aber auch ein Gefühl der Enge, wenn das Gewand zur Uniform wird, hinter der man sich versteckt oder andere bevormundet. Alles, was echt ist. „Ein jeder hat ein anderes Gesicht, aber alle haben den gleichen Hut auf, weil sie das gleiche Hirn haben“, heißt es bei Herbert Achternbusch, dem streitbaren Poeten in Sachen Heimat. Heimat als penibler Ordnungsbegriff. Heimat als Bastion gegen den Kitsch. Zwischen Blut und Boden. Alles, was recht ist. Zucht und Ordnung geben sich die Hand. Heimat – zwischen Tracht und Prügel.

heimat-coverZUM LESEN EINFACH DAS COVERBILD KLICKEN. DEN SCHWERPUNKT ÜBER DIE HEIMAT FINDEN SIE AUF DEN SEITEN 12ff.

Zehn „gangart“-Ausgaben sind es nun, seit wir uns auf den Weg gemacht haben. Die Richtung stimmt, das Ziel kennen wir nicht. Heimat ist eine Hütte, vor der wir Rast machen und uns neu orientieren.

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Und zur Verkostung erbat ich mir diesmal mit dem Rauhnacht-Trio Verstärkung aus meiner geografischen Heimat. Sie kamen und der Schmäh lief. Auch dass kann Heimat sein, dass man nach Jahren dort ansetzt, wo man stehengeblieben ist. Danke Franz, Christian und Ernst! Und danke auch Sandro für die Fotos und die Kastanie in deinem Hosensack!