Ein Raumschiff im Bregenzerwald

Ende Juni ist es soweit. An einem Mittwoch Nachmittag. Tag Nummer Sechsundzwanzig des sechsten Monats im Jahr. Kurz nach Sommeranfang. Die Asche der Sonnwendfeuer wird gerade mal ausgekühlt sein, wenn wir unser Zelt in Lingenau aufschlagen.

Einem Dorf an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland, das eine Stimme hat – und viele Geschichten. Lingenau erzählt … heißt das Projekt, das uns gerufen hat. Unseren bunten Haufen aus Story-verrückten Menschen. Marketiers, Branding- und Film-Spezialisten, Organisationsentwickler, Coaches, HR-Dealer, Teamleiter, Führungskräfte, Unternehmenssprecher, Kommunikationsarchitekten, Künstler, Drehbuchautoren, Erzähler, Zuhörer. Menschen, die das Wasser, in dem sie schwimmen, nicht mehr länger verdrängen, sondern kosten. Und durch dieses Kosten auf eine Reise gehen, die ein großes Lernen ist.

Ich trage ein buntes Bild in meinem Kopf. Das Bild von einem Zirkus, das die Vielfalt der Zugänge, Kompetenzen, Angebote und Menschen, die wir dort erwarten, wunderbar transportiert.

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Dieses Zirkusbild wird jedoch hartnäckig von einem anderen überlagert. Dem Bild eines Raumschiffs, das dort landen wird. Es bewahrt mich vor vorschnellen Vereinnahmungen und Idyllisierungen dessen, was wir selbstvergessen Landleben nennen. Da bleibe ich lieber zunächst in der Nähe des Raumschiffs, an der Brücke – wo die mich begleitenden Narrative mit denen des Dorfs und den Menschen, die aus vielen Teilen der Welt kommen, sich berühren. An einem Zwischenraum, der nicht belastet ist von vorgefertigten Positionierungen entlang des abgenutzten Stadt/Land-Schemas, sondern im umsichtigen Miteinander von Menschen entwickelt wird, die eine besondere Nähe zu Geschichten zusammengebracht hat.

Wir wissen nicht, was in Lingenau passieren wird. Was wir, als BST-Team und Veranstalter tun können, ist, den Rahmen sorgfältig zu zeichnen und bereitzustellen, damit dieser offene Raum zu pulsieren beginnt. Und die Geschichten, die wir in uns tragen, Beine, nein, Flügel bekommen.

Lingenau: Wir freuen uns auf dich!

 

Übrigens: Es gibt noch eine Handvoll Restkarten!
Für alle, die noch aufspringen wollen auf unsere illustre Zirkusgemeinschaft oder Raumschiff-Crew: Mehr Infos zum StoryCamp in Lingenau vom 26. bis 29. Juni 2019 finden Sie unter www.beyondstorytelling.com

Key Facts

  • Date: June 26th, 4pm – June 29th, 1pm
  • Tickets: We limited participants numbers to 40 tickets and we are nearly sold out. Make sure to book yours soon – also because the options we put on the hotel rooms in the village are running out with mid of may.
  • Accomodation: Please communicate directly with Sarina Berchtold from the local Tourist Office – Mail: tourismus@lingenau.at or phone: +43-5513-6321 – to get options and prices for booking. Your code word is #storycamplingenau.
  • Community: Meet fellow Story Workers from 10+ countries around the globe, working with stories across different professions and industries
  • Location: A temporary camp, set up in one of the first European Storytelling villages: Lingenau / Austria.
  • Purpose: Time to co-create, reflect and network through Story Circles, jointly hosted sessions and communal dinners
  • What else? Welcome package including some inspirations from our creative department
  • How much? 320 € + VAT including admission, three dinners, snacks and coffee

„Von wo ich mich sehe“ – eine Ausstellung geht auf Reisen

Geträumt haben wir von fairMATCHING davon, als wir die Ausstellung, meisterlich fotografiert von Enrique Pasquali, für das Charity Dinner im Dezember konzipierten. Seit Anfang Jänner ist der Traum einer Wanderausstellung Realität geworden, mit der boulderbar Salzburg als erster Station. Und da beginnt unser nächster Traum, dass sich im Laufe des Dialogjahres 2019 weitere Gesichter mit weiteren Geschichten dazugesellen. Geschichten? Andeutungen. Mehr nicht. Ein zwei Sätze, die in Kombination mit den Bildern gegen jede vorschnelle Kategorisierung stemmen und aus ihrer Individualität heraus immer neue Energie entfalten.

Was war es? Was ist es? Eine Ausstellung? Oder doch vielmehr ein Erzählprojekt, mit dem wir Brücken schlagen wollen zwischen Heimat und Flucht? Wir ahnten, dass es eine Gratwanderung wird, wenn wir Menschen, mit denen wir ein Stück Weg gemeinsam gegangen sind, zum Foto-Shooting und damit auf die Bühne bitten – und wir mit ihnen gemeinsam den Raum durchmessen, von dem aus sie sich sehen und gesehen werden wollen. Kein rigides Fragenkorsett. Stattdessen Präsenz und Dialog und Augenhöhe, um das auszudrücken, was mitunter schwer in Bilder und Worte zu fassen ist.

Es ist uns irgendwie gelungen. Weil wir uns Zeit nahmen. Für jede/n Einzelne/n. Weil wir in den Dialog gingen. Neugierig. Behutsam. Schritte versuchten. Über die Tretminen der Traumatisierung hinweg. Reaktionen spürten. Erschütterungen. Weiterverhandelten um den Weg. Sätze ausloteten. Worte auf die Waagschale legten. Und von allen Seiten anschauten. Und immer wieder miteinander lachten. Trotzdem lachten. Vertrauen schenkten. In beide Richtungen. Dankbar waren. Für die Nähe über die Ferne hinweg. Es ist uns irgendwie gelungen. Die Reaktionen der Betrachter_innen legen es nahe. Das Ergebnis sind Sätze und Bilder, die Geschichten andeuten, die im Auge und Herzen der Betrachterin weitererzählt werden. Gänsehaut ist garantiert.

Schaut euch das an!

 

Eine Weihnachtsgeschichte?

Es ist vier Jahre her und ich erinnere mich an vieles nur noch verschwommen. Damals war mein Töchterchen ein halbes Jahr alt, das weiß ich genau. Und es war kurz vor Weihnachten. In Wien. Am Westbahnhof. So um 17 Uhr.

Der Bahnsteig war leer. Es war Abend. Kurz vor sechs. Keine Menschen. Und auch vom Zug, der uns heimbringen sollte, war nichts zu sehen. Mein Töchterchen war gerade am Einschlafen und so fuhr ich mit dem Kinderwagen in Schlangenlinien immer wieder diese feinen Rillen im Boden kreuzend, die Blinden den Weg weisen, langsam den Bahnsteig auf und ab, weil ich wusste, dass sie diese minimalen Erschütterungen liebte, während sie auf ihren Elefanten stieg, um in den Schlaf zu reiten. Wird schon kommen, dachte ich mir mit meiner kostbaren Fracht und summte ein Liedchen für uns.

Dann fuhr der Zug ein mit einem metallenen Schnauben und spukte Menschen aus, die alle – kaum hatten sie den Bahnsteig betreten – sogleich Fahrt aufnahmen. In Richtung Ausgang. In Richtung Stadt. Ohne zu zögern. Ihr Leben wieder aufnahmen, ohne auch nur eine Masche fallen zu lassen.

hansberndl

thanx to Photographer Hans Berndl: https://www.instagram.com/hansberndl/

Ich war gerade dabei, den Kinderwagen im dafür ausgewiesenen Abteil abzustellen, als ein Mann neben mir stand, der mir bereits am Bahnsteig aufgefallen war. Er war schwankend und irgendwie schief vor einer Wagenstandsanzeige gestanden, mit seinem langen Mantel, den zerbeulten Schuhen und einer soweit verschlissenen Hose, dass ich nicht so recht wusste, wo ich ihn ablegen sollte, als sich unsere Blicke weniger begegneten als streiften. Nun also stand er vor mir und wandte sich direkt an mich, zeigte mit seiner verkrüppelten Hand auf den einzigen Solositz in diesem Waggon und wollte wissen, ob er sich hier hinsetzen könnte. Ich meinte mit einem Lächeln, dass das hier ein Abteil für Eltern mit Kleinkindern und für Behinderte wäre, und demnach dieser Platz für ihn gleichsam reserviert sei. So nahm er Platz. Zögernd. Unsicher. Und gleich nochmal den Schaffner fragend, als er durch unser Abteil ging.

Ich war mit meinem kleinem Mädchen beschäftigt, das gerade aufgewacht war, es waren nur noch wenige Minuten bis zur Abfahrt, als meine Frau pünktlich und mit einem breiten Lächeln das Abteil betrat. Erleichterung. Wir waren komplett. Es konnte losgehen. Wir freuten uns, umarmten uns. Waren ausgelassen? Nicht ganz. Denn das Glück, das wir versprühten, beschämte mich ein wenig – jetzt, wo dieser Mann neben uns saß, der so offensichtlich die andere Seite des Glücks bewohnte. Von uns nur durch einen schmalen Gang getrennt. Und ich fühlte mich gleichzeitig hingezogen zu diesem Menschen, von dem ich nichts wusste, außer dem, was mein taxierender Blick mir zustecken wollte. Er war nicht der adrette Behinderte von Nebenan. Er war von einem nachlässigen Äußeren, hatte lange, schmutzige Fingernägel. Aber seine Augen, die leuchteten, oder bildete ich mir das nur ein, weil ich mein eigenes Glück in diesem Moment nur als strukturelle Schuldigkeit begreifen konnte, die mir irgendwie unangenehm aufstieß.

Wie auch immer – wir kamen ins Gespräch. Ich erfuhr, dass er nur für einen Tag in Wien war und er nicht nur einen Freund besucht hatte, sondern auch eine Miró- und eine Velazquez-Ausstellung, die gerade liefen. Ich erfuhr auch, dass er Ricardo Muti bei den Pfingstfestspielen in Salzburg gesehen hatte und dass er dem Bild der drei Philosophen, das Giorgone Anfang des 16. Jahrhunderts geschaffen hatte, eine eigene Deutung gab. Nicht als Kunsthistoriker, wie er betonte, sondern als interessierter Laie.

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die Farben zu diesem Meisterwerk gibt es unter diesem Link: https://artsandculture.google.com/asset/three-philosophers/BgHUbgqFqIwtjA?hl=de

Heute ertappe ich mich wieder einmal dabei, dass ich das Bild von Giorgone betrachte und irgendwie auf der Suche bin. Einem Geheimnis auf der Spur. Mein Blick wandert von Gesicht zu Gesicht. Sind es wirklich Aristoteles, Thales und Phytagoras, die auf dem Bild zu sehen sind? Oder ist es nur eine Allegorie, wie der geheimnisvolle Mann damals über den Gang hinweg nahelegte? Ein Spiegel, den der Betrachter auf sich selber richtet? Ich erkenne mich wieder, als der mit dem Zirkel in der Hand, der nur scheinbar das Außen vermisst. Als einen, der sich wehrlos wundert und sich am Wunder verwundet. Glück gehabt. Es war nur ein Streifschuss. Ein ganzes Studium lang.

Als der Zug in Salzburg stehenblieb und wir ausstiegen, hatte ich die Behinderung dieses Mannes beinahe vergessen. Umso schmerzlicher schlug sie mir entgegen, als er sich erhob und nach unserer Verabschiedung am Bahnsteig als Verkrüppelter zurückblieb. Nicht weil er stand, sondern weil er sich in meinem Rücken so langsam vorwärtsschleppte, dass es mir innerlich wehtat. Mich zerriss. „Du bist nicht für ihn verantwortlich“ – sagte eine Stimme in mir, als wir in den Aufzug stiegen und ich überlegte, ob ich mit meinem Fuß für ihn die Tür am Schließen hindern sollte. Ich wusste, dass ich recht hatte, weil mein Leben gerade anderes von mir verlangte. Was ich in diesem Moment nicht wusste, war, wo meine Verantwortung begann, wenn sie begann. Und warum nicht hier, auf dem Bahnsteig – zwischen den Welten?

Wer werde ich sein – in der Geschichte, die ich dir erzähle?

Buchpräsentation: Best-of-Gangart

Der Schiffwirt in Abtenau war bis auf den letzten Platz gefüllt als wir, der Manfred Wallinger und ich, zur Buchpräsentation luden und die Gelegenheit beim Schopf packten, den Menschen vor und hinter dem Projekt “Danke” zu sagen. Auszug aus meiner launisch, nachdenklichen Bilanz:

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Auf dem Weg zu einer neuen Gangart: Lesebuch für die stille Zeit. Almblitz-Verlag. 260 Seiten. € 19,80.– Bestellungen an: office@almblitz.com

„Wenn ich die zurückliegenden 10 Gangart-Nummern jetzt vor meinem geistigen Auge aufreihe, dann hab ich das Gefühl, dass jede Nummer etwas Besonderes war. Wie ein Werkstück, an dem man arbeitet und feilt. Das man von einer Hand in die andere nimmt. Von allen Seiten anschaut. Was ich sagen will ist, es war weit weg von Routine, weil alles irgendwie sehr grundsätzlich war und wir nie wussten, wie die nächste Nummer ausschauen, sich anfühlen wird. Zum Schluss war es immer ein Herumgeschiebe und Herumgefeile. So ist nach der dritten Nummer, die vierte gekommen, und nach der vierten die Fünfte. Und so haben wir uns vorgestatet. Schritt für Schritt.

Und dann haben wir gesagt, wenn es so ein Werkstück ist, so etwas Besonderes jedes Mal, dann müssen wir das auch zelebrieren, wenn es fertig ist. Auch, weil sowieso viel zu wenig gefeiert wird im Leben. Damit wurde die gangart-Verkostung und -Lesung ein fixer Bestandteil jeder Nummer –, was uns recht war, weil wir ja von Anfang an nicht nur eine Zeitung sein wollten, sondern auch eine Plattform, auf der Dialoge stattfinden.

So haben wir mit jeder Nummer das Gefühl gehabt, dass diese kleine Community aus gangart-Freunden und -Komplizen wächst, und dass auch rundherum – etwas weiter weg vom Zentrum – etwas am Wachsen ist; dass dieser Dialog, den wir hier anstoßen, neue Gespräche provoziert. Ja, provozieren wollten wir auch, um uns selbst und die anderen aus der Komfortzone herauszulocken. Wir wollten politisch sein und kämpferisch, aber nie partei-politisch. Wir wollten wichtige – scheinbar kleine und unscheinbar große – Themen auf eine etwas andere Art und Weise behandeln und: wir wollten Menschen in ihrer Eigenart porträtieren, damit sie zu leuchten beginnen. Deren Licht hinter dem Scheffel hervorholen, damit wir alle besser sehen können. Aber das Entscheidende von Anfang an war, dass wir nicht im eigenen Saft schmoren wollten, sondern immer ein MEHR im Auge hatten, das wir irgendwo hinter dem Tellerrand vermuteten. Wir wollten neue Verbindungen schaffen, und neue Verbindlichkeiten.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass die vorläufig letzte Nummer den Schwerpunkt Heimat hat. Wir haben damals im Vorwort geschrieben: „Heimat ist eine Hütte, vor der wir Rast machen.“ Und vielleicht war das auch der Grund, dass wir im Thema so drinnen waren, dass wir nach der letzten Verkostung uns angeschaut und gesagt haben, dass vielleicht auch wir eine Pause brauchen. Zum Atemholen, wie wir sagten. Und wir haben schon irgendwo gespürt, dass das gefährlich ist. Sobald man einmal aufschaut, von seinem Werkstück und darüber nachdenkt, was man da eigentlich tut, besteht die Gefahr, dass man es dann nicht mehr tut. Sobald man Abstand nimmt zu den Dingen, die sich als normal einzuschleifen drohen, kann es sein, dass man plötzlich merkt, dass man etwas anderes tun will. Tun soll. Die Gefahr besteht. Und macht das Leben aus.

Und genau so ist es uns ergangen, mit der gangart. Wir haben sie von allen Seiten angeschaut und erinnerten uns mit einem Male daran, dass wir ja irgendwann die Idee eines BEST-OF hatten. Und weil man mit dem Manfred ja nicht einfach still sitzen und Atem holen kann, ist dieses Buch entstanden. Und jetzt, wo es da vor mir liegt, freue ich mich sehr, dass diese 5 Jahre so eine Gestalt angenommen haben.

Lesebuch. Ich weiß, das klingt irgendwie staubig. Unzeitig. Überholt. Und doch auch provozierend. Denn ein Lesebuch ist ja streng genommen ein Pleonasmus. Also so etwas wie ein weißer Schimmel oder ein runder Kreis. Wobei es ja auch Schimmel geben soll, die nicht weiß sind. Sagt man. Und Bücher, die nicht nur zum Lesen sind, sondern auch zum Atemholen, Innehalten, Sich-Zurück-Lehnen. So ein Buch wollten wir machen. Eines, das neben dem Kopfkissen liegt. Und das man aufschlagen kann, wo man will und wenn es passt. Ein Buch, das wie ein guter Freund und immer offen ist. Ein Buch, das neue Räume schafft und neue Leichtigkeiten.

Ein „Lesebuch für die stille Zeit“ ist es geworden: Ein Buch, das uns einmal um die Welt herum führt – mit Schwerpunkten über das Glück und die Bildung, die Flucht und die Genügsamkeit, über das Träumen und das, was wir Heimat nennen. Angereichert mit dichten Portraits aus dem Salzburger Land – von Menschen, Gestalten und Landschaften, die durch ihre Eigenart punkten. Mit philosophischen Miniaturen und schneidigen Satiren. Mit Gedichten, Bildern und Orten der Einkehr, des kulinarischen Genießens, Atemholens.

Wie es weitergeht, wissen wir nicht. Aber wir spüren, dass es weitergeht. Und dass wir uns neu erfinden müssen. Dialog ist ansteckend. Bestenfalls.“

Angst vor der digitalen Revolution?

Manchmal scheint es so, dass man ein Wort nur oft genug in den Mund zu nehmen braucht, um jeden Sinn aus ihm „rauszuholen“. Und wenn ich „rausholen“ sage, denke ich nicht an Anreicherung oder Aufladung mit Sinn, sondern an einen perfiden Vorgang der Entladung, sodass am Ende kein Sinnrest mehr übrig ist.

Die „Digitale Transformation“ ist so ein Wortungetüm, das anfänglich angsteinflößend vor den Unternehmenstüren stand, heute aber viel von seinem Schrecken verloren hat. Nicht, weil Unternehmen sich der Herausforderung stellen, sondern weil mittlerweile wieder der Alltag eingekehrt ist und man mit dem „Monster in the House“ – als das Michael Müller die Digitalisierung in unserem BST-READER 2018 bezeichnet – zu leben gelernt hat. Und solange es still hält und es niemand aufschreckt, gelingt das in vielen Fällen erstaunlich gut. Als ob es schon reichen würde, es auf jeder zweiten Powerpoint-Präsentation einzufolieren, um den disruptiven Schrecken zu bannen, der dahinter lauert.

Plötzlich sehe ich jemanden winken, von weit her und ziemlich verschwommen, und erkenne Deng Xaoping, der Chinas Geschicke von 1979 bis 1997 bestimmte und glaubte, die Marktwirtschaft einführen zu können, ohne den Menschen aus der volkswirtschaftlichen Bevormundung zu entlassen. Die Deng Xiaopings in den heutigen Unternehmen glauben – ähnlich pragmatisch –, die Digitaliserung auf prozess-technische Maßnahmen reduzieren zu können, ohne die kulturelle Disruption mitzudenken. Dabei ist das Eine ohne das Andere nicht zu haben. Auch wenn man mit Stäbchen und Pinzetten vorsichtigst versucht, die rein technischen Aspekte wie Rosinen aus dem Digitalisierungskuchen zu picken.

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Das Bild zeigt Denq Xiaoping mit US-Präsident Gerald Ford, Foto: ©Reuters

Vor diesem Hintergrund ist auch die neue Arbeitswelt, die seit gut 10 Jahren gern gesehener Gast ist, wenn es um die Besetzung von Keynotes geht, nur ein Reflex auf das Gespenst der Digitalisierung. Weil die digitale Revolution, von der wir so leichtfertig sprechen, sich eben nicht nur in der Automatisierung von Prozessen und Dialogen im Namen der künstlichen Intelligenz erschöpft, sondern auch angestammte Hierarchien porös werden lässt. Mit der Folge, dass auf der Rückseite der harten Prozesse eben auch weiche Dinge wie Führung, Loyalität, Zusammenarbeit und Innovation neu definiert werden müssen.

In der Praxis reagieren Unternehmen jedoch gerne, indem sie auf alte Muster oder Narrative aufspringen: Indem sie Flexibilität nur in eine Richtung denken, indem sie von Eigenverantworung sprechen, wenn sie ihre Mitarbeiter alleine lassen und indem sie solange neue Compliance-Regeln definieren, bis auch der letzte Innovationsfunke aus dem Unternehmen entwichen ist. Was dabei übersehen wird, ist, dass Innovation der Regelbruch per se ist, dass Eigenverantwortung nur auf dem Boden des Vertrauens wächst und dass „Führung“ heute weniger eine Rolle bezeichnet als eine situative Qualität, die nur im Hier und Jetzt erfahren werden kann.

Sebastian Purps-Pardigol, der nicht zufällig mit dem Gerhirnforscher Gerald Hüther eine längere Wegstrecke gemeinsam zurückgelegt hat, bringt auf den Punkt, warum Zuhören-Können eine Management-Kategorie des neuen Jahrtausends ist und welche Rolle sinnstiftende Geschichten spielen könnten – auf unserem Weg durch das Dickicht, das sich Zukunft nennt.

Mit diesen Geschichten im Gepäck könnte es Führungskräften auch gelingen, die Unsicherheit, was die eigene Rolle angeht, zuzulassen und damit neue Potenziale in den Mitarbeitern freizusetzen. Ein Zusammenhang, den Bradley Owens, Professor für Business Ethics an der Marriot School (USA, Utah), in seinen Studien zur „Demut von Führungskräften“ eindrucksvoll bestätigt sieht.

„Die Ordnung der Vergangenheit“ ist jetzt als Film zu sehen

Vor etwas mehr als einem Jahr gab es das erste Screening in Potsdam. Jetzt ist der Film auch im Internet zu sehen, was ich Ihnen nicht vorenthalten will. Darüber hinaus sind die Erfahrungen eines experimentellen Workshops, den Wilhelm Singer und ich gemeinsam in Hamburg anlässlich der BEYOND STORYTELLING KONFERENZ im Juni 2018 anboten, in einen Text (About The Constructiveness of Life) geronnen, der im Frühjahr als Teil des Buches „Transforming organizations. Narrative and story-based Approaches“ im Springer Verlag erscheinen wird.

Zum Ansehen des Films einfach das Bild klicken.

Die Personen, die auftreten, sprechen für Familienmitglieder und Personnagen des Künstlers/Regisseurs/Beobachters Wilhelm Singer, der dem Stück seines Lebens beiwohnt, wie einem modernen Theaterstück, in dem das Publikum auf der Bühne Platz genommen hat. Als Beobachter ist er Teil des Stücks und kommuniziert bewegungs- und stimmlos mit den Gesichtern aus seiner Vergangenheit. Eines davon bin ich, der in einer geheimen Parallelmission ebenfalls in seiner Kindheit geschürft, Texte abgetragen und zu einer Figur verdichtet hat. Sie beschreiben eine Haut, die sich über multiple Biographien spannt. Wir teilen uns brüderlich diese Rolle: Alma – ein 15-jähriges Mädchen, das ich niemals war, das mir aber nachträglich die Form verleiht, in die ich mich gieße und verliere.

Ich erwache in einer fremden Welt, die ich bin und mir niemals ganz gehört. Ich beginne zu gehen, zu laufen – die Vergangenheit als Begrenzung hinter mir lassend. In der Collage aus vielen Gesichtern komme ich zu mir. Beginnen die Personnagen, die mich umgeben und formen, zu kommunizieren. Miteinander. Und wie durch Glasscheiben „unantastbarer Motive“ hindurch. Die Gesten, zu denen sie sich dabei hinreißen lassen, wirken wie an dünnen Fäden gezogen. Wir sind wie Re-Präsentanten eines Films, den unser Leben dreht. Sein Plot sind die Geschichten, die wir über uns erzählen. Oder mit den Worten Almas:

Die Entdeckung des Vorhandenseins ist ein Ereignis.“

A Reader’s Travel

First it was not more than a vague idea. About a book that is able to prolong and enspirit the conversations we will have during and after the conference in Hamburg on a different level. Nothing heavy, nothing academic, but something very human. Something that can provoke, surprise and make us laugh. A pillow book, one can open and crossread between night and day dreams.

Then the team jumped up the READER TRAIN and the project picked up pace. We started to collect, to choose, to sort out and to outline a bigger picture. And over time the monomanie in our heads has started breathing.

Now that the conference is already an event we have to turn around to see it on our timeline, we feel that the READER´s time is just coming – as it is being passed on and read now also outside the participants circles. And as our baby starts coming around – from New Zealand to Canada, from India to the US – we think that the time has come to offer it as a PDF, publicly and free for everyone who is interested and caring. Here is the link for download!

By the way: I found my feather last week. Of course, in a rocky terrain. Have a look. The new READER will be co-written with this feather.