Zwischen den Stühlen

„Glück ist eine Oase, die zu erreichen nur träumenden Kamelen gelingt“. Das ist keine Binsenweisheit, sondern eine Beduinenweisheit, die Omar Khir Alanam mit leichter Hand aber alles andere als beiläufig in sein neues Buch streut. Wie so vieles ganz ohne Ausrufezeichen, aber mit der Empathie und Neugier dessen, der sich seine Heimat neu bauen muss, neu bauen darf, neu bauen will. Heimat – ein großes Wort, das sich im Kleinen versteckt. Sie zu suchen bedeutet die Welt, die vor einem liegt, neu entdecken. Egal, woher du kommst. Mit einem Blick, der zugleich nach vorne und zurück schaut.

Omar zu Gast bei unserem fairMATCHING Charity Dinner 2019, Foto: Enrique Pasquali

Ich habe das Glück, Omar seit einigen Jahren zu kennen. Als wir uns das erste Mal trafen, ich weiß es noch ganz genau, es war vor dem Eingang der Academy Bar in Salzburg – wir veranstalteten einen Abend zum Thema „Heimat 2.0“, ich durfte den Abend moderieren und er war als Bühnengast und Autor eingeladen. Mit seinem druckfrischen Erstlingswerk „Danke! Wie Österreich meine Heimat wurde“ unterm Arm setzte er sich vor der Veranstaltung zu mir an den Tisch, der in meiner Erinnerung mitten am Gehsteig stand. Wir stellten uns vor und begannen zu reden. Und die Worte kamen auf uns zu. Ungezwungen. Leichtfüßig. Den ganzen Abend lang.

Omar kam vor 6 Jahren nach Österreich. Über Umwege von Damaskus nach Graz. Sein Buch „Danke!“ ist so etwas wie eine Annäherung an seine neue Heimat in einzelnen Stationen. Mit viel Witz und Empathie nimmt er uns bei der Hand und bringt uns dorthin, wo wir unsere Welt aus seinem Blick erfahren. Und merken, wie sich dadurch auch neue Fenster in die arabische Welt öffnen. Mit Omar lernen wir, in zwei Richtungen gleichzeitig zu schauen. Und dieses Lernen passiert wie von selber. Nicht im Kopf, sondern dort, wo das Leben zwischen den Kulturen angreifbar wird.

Es wäre längst an der Zeit, Danke zu sagen. Danke, dass er unser Land und unser Denken seit Jahren bereichert. Doch Omar ist schon wieder weiter gezogen. Hat Poetry Slams gerockt und Gedichte geschrieben – auf seiner Reise im Dazwischen. Wunderbare Gedichte, deren Zeilen mich nicht mehr loslassen:

„Die Verlierer
sind die, die am häufigsten über den Sieg sprechen.
Lernte ich in Syrien.
Die Sicheren
sind die, die am meisten Angst haben.
Lernte ich in Österreich.“

Omar Khir Alanam: Auf der Reise im Dazwischen

Jetzt hat er auch noch einen Bestseller draufgesetzt, mein Freund. „Sisi, Sex und Semmelknödel“ ist keine Annäherung mehr. Es ist eine literarische Reflexion aus der Mitte des Landes heraus, wenn zwei Kulturen aufeinanderprallen. Bei Omar ist dieses Zusammenstoßen niemals laut oder brutal. Auch nicht abstrakt ideologisch. Sondern immer konkret, mit einer Prise Humor und mitten aus dem Leben. Er lebt und denkt und fühlt und liebt in diesem Land. Ist meiner Grazerin zusammen und mittlerweile stolzer Vater eines kleinen Jungen mit österreichischem Pass.

In dem Drehbuch, das ich gerade schreibe, lasse ich Omar am Anfang aus dem Fenster eines Taxis blicken. Die Landschaft zieht draußen vorbei und seine Stimme sagt folgendes, ohne dass er den Mund bewegt: „Mein Name ist Omar Khir Alanam. Ich bin der, der immer noch seinen Reisepass versteckt. Ich bin Flüchtling. Und ich werde es immer sein. Ich bin der, den jeder Politiker kennt. Ich bin in seiner Rede die Einleitung, der Hauptteil und der Schluss. Ich bin ein Muslim, der 70 Frauen hat. So hat es mir mein Nachbar erzählt. Meine Frau ist eine Grazerin. Sie hat mir einen Sohn geschenkt. ‚Woher kommst du, kleiner Mann?‘, frage ich ihn. ‚Von einem anderen Stern?‘“

Ich bin sehr dankbar, diesen Film-Essay mit und über Omar machen zu dürfen. Er wird „Zwischen den Stühlen“ heißen und in Salzburg gedreht werden. Im Schloss Leopoldskron, in dem der große Max Reinhardt die Salzburger Festspiele erfand. Der Film erzählt die Geschichte einer unmöglichen Begegnung – über Orte und Zeiten hinweg – und das Umkreisen und Hinterfragen des eigenen Standpunkts – zwischen den Kulturen.

„Kultur ist etwas“, schreibt er, „das fast überall drinsteckt. Oder sollte. Im Körper. Im Geist. Im Verhalten. In der Kreativität. Im Boden eines Ackers. Ganz egal. Kultur ist Kraft. Zwei verschiedene Kulturen sind zwei verschiedene Kräfte. Wir können sie verwenden, um einander damit zu beschimpfen. Auszugrenzen. Zu hassen. Zu beschießen. Und zu töten. Oder wir können sie zu einer gemeinsamen Kraft bündeln. Wie einen Lichtstrahl, der aus vielen dünnen zu einem dicken wird und auf einen kleinen Mann auf eine Bühne fällt, der seine Beine nicht spürt.“

Ich kenne einen Seefahrer, der hat in seinem Hosensack immer eine Kastanie von zuhause eingesteckt. Manchmal, wenn er Heimweh hat, holt er sie heraus, und knetet sie in seiner Handfläche. Der Druck, den er damit erzeugt, lindert den Druck, der auf seinem Herzen lastet. „Wer niemals von zuhause weg war, weiß nicht, was Heimat ist“, meint er, „und braucht es auch nicht zu wissen.“

Das Glück ist eine Oase, die ich mit geschlossenen Augen am besten sehen kann.

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Die Bücher von Omar Khir Alanam:
> Danke! Wie österreich meine Heimat wurde. edition a, 2018
> Auf der Reise im Dazwischen. Edition Thanhäuser, 2019
> Sisi, Sex und Semmelknödel. Ein Araber ergründet die österreichische Seele. edition a, 2020

PS: Wir sind noch mitten in der Finanzierung dieses filmischen Abenteuers. Der Film soll im Frühjahr 2021 im Rahmen von ‚100 Jahre Salzburger Festspiele‘ auf ORF III ausgestrahlt werden. Wer diese Arbeit und damit auch das Tun von fairMATCHING unterstützen will, ist herzlich willkommen!

Am Schreiben gehen …

Ein Mann schreibt seiner Frau einen Brief. Obwohl er sie täglich sieht, obwohl er tagein, tagaus die Möglichkeit hat, mit ihr zu sprechen, setzt er sich eines Abends an seinen Schreibtisch und beginnt einen Brief an sie. Ohne etwas Bestimmtes mitteilen zu wollen. Schon der Gedanke, sein Wort an sie als eine Abwesende zu richten, nährt in ihm eine kindliche Aufregung.

Vielleicht weil er auch sich in diesem Moment als abwesend denkt und allein der Gedanke an die Möglichkeit, nicht da zu sein, seine Gefühle in einer nicht erwarteten Art und Weise intensiviert, das Feuer, das in ihm mitunter nur mehr ziellos flackerte, auflodern lässt.

Dabei sieht er sie morgens nichtsahnend zum Postkasten gehen, ihn öffnen und dann diesen Brief in der Hand halten, mit seinem Namen als Absender, der ihr Herz schneller schlagen lässt – aus einem Gemisch aus Vorfreude und Angst. Was mag passiert sein? Wer schreibt schon einen Brief nach 30 Jahren? Und dann – zunächst zögerlich, doch schon gleich mit heißem, pochendem Blut – über die Zeilen fliegt, die ein Mann ihr geschrieben hat, ihr Mann, von dem sie vergessen hat, dass er einmal ihr Liebhaber war.

Vielleicht ist das der erste Grund, um mit dem Schreiben zu beginnen, denkt er: der therapeutische. Alles weitere wird sich zeigen. Vielleicht kann er mit dem Schreiben das abfangen, was er den Verfall nennt, das Ausfransen und das Verhärten seiner Persönlichkeit, eine in sich widersprüchliche Entwicklung, die mit dem Drama des Lebens so eng verwoben scheint. Einem Drama, an derem Ende man umso verbitterter um sich schlägt, je weniger man sich selbst geworden ist. Dieser sprachlosen Kränkung zu entgehen hoffte er beim Schreiben. Auch dieser andauernden Gereiztheit des Zu-Kurz-Gekommenen, die er nun als Schrift über die Zeilen jagte.

Er bräuchte dann nicht mehr darauf zu warten, dass ihm jemand, das heißt natürlich seine Nächste, sein Lebensmensch, Gehör schenkt, er müsste nicht mehr um Verständnis betteln und sein Selbstbild daran heften, weil er das, was nicht gehört oder beständig überhört werden will, einfach niederschreibt in ein Heft oder einen losen Zettel, nur um ihn am Ende vielleicht zu verbrennen oder viel wahrscheinlicher in einer Ecke des Zimmers zu vergessen.

Weil er kein Tagebuch schreiben wollte, glaubte er lange, etwas erfinden zu müssen. Das blockierte ihn, weil er dachte, dass es ihm an Imagination mangelte. Doch sobald er dieses Fremdwort ins Deutsche übersetzt und damit als ‚Einbildungskraft‘ auf den Boden geholt hatte, war es etwas, von dem er genug in sich verspürte. Manchmal sogar mehr als genug. War es nicht seine Einbildungskraft, die ihn daran laufend hinderte, aus seiner Welt herauszutreten, in der alles immer nur persönlich genommen werden konnte? Aus seinen Vorgefasstheiten herauszufinden, die ihm mitunter sein Leben zur Höhle (sic!) machten? Wie sehr er doch angewiesen war, eine Projektionsfläche zu erzeugen, eine linierte in Gestalt der Schrift. Um sich dort, wo Therapie und Einbildungskraft zusammenfallen, als Gefäß zu begreifen, das jedem Tag aufs Neue ausgeschüttet werden will, um nicht allmählich seiner Farbe und seines Inhalts verlustig zu gehen und am Ende selbst für ihn seinen letzten Reiz einzubüßen.

Vielleicht könnte der Prozess des Schreibens ja auch einen besseren Menschen aus ihm machen, dachte er. Einen, der nicht mehr wie ein halbstarker Kohlhaas anrennt gegen das Unrecht der Welt. Und vielleicht besäße er dann auch irgendwann die Freiheit und Ruhe, seiner Frau ins Gesicht (in die Seele?) zu blicken und zu sehen, was sie wirklich bewegt. Dann wäre er vielleicht auch imstande, ihr jenen Raum zu geben und jene Nähe, die sie brauchte und deren Mischungsverhältnis sie jeden Tag aufs Neue bestimmte. Dann wäre er vielleicht auch fähig, über diesen Beziehungsgrat zu tanzen, mit Anmut und Leichtigkeit, weil es da einen anderen Raum gäbe, der ihn auffangen konnte, den Möglichkeitsraum der Zeichen und ihrer Bedeutungen, von dem er solange getrennt war.

Dann würde er auch nicht mehr nach Schuldigkeiten suchen, wie einer, dem es an Orientierung mangelt. Und würde vielleicht allmählich damit beginnen, all die Dinge zu buchstabieren, die sein Herz schneller schlagen lassen.

Schnee von morgen

Unterwegs am Schneibstein Ostgrat, Oktober 2020, Hagengebirge

Früher – in einem anderen Leben, das nur wenige Monate zurückliegt – ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich beim Gang durch die Stadt manchmal stehenblieb, nur um erstaunt inne- und festzuhalten, wie in diesem vermeintlichen Chaos alles so gut funktionieren konnte. Dass hier jede und jeder wusste, wann sie oder er das Haus verlässt, in den Bus oder Zug steigt, die Kinder versorgt, zur Arbeit geht, sich mit Freunden trifft, kocht, lacht, abhängt, trainiert, sich weiterbildet, schläft, Liebe gibt oder einfach mal rumsteht.

Heute ist das anders. Heute blicke ich auf die vermeintliche Ordnung und habe das Gefühl, dass dieser Eindruck eine Chimäre ist, dahinter eigentlich nur mehr sehr wenig funktioniert. Vieles wirkt plötzlich irgendwie gespielt, aufgesetzt, künstlich am Leben gehalten – vor meiner Corona-Brille. Es wuselt rundherum, mehr oder weniger sinnbefreit, und jeden Tag werden wir mit wenig aussagekräftigen Absolutzahlen der Neuinfizierten bombardiert und sozusagen „am Laufenden gehalten“. In einer Bewegung wohlgemerkt, die den Stillstand prolongiert. Weil wir mittlerweile bei allem die Möglichkeit mitdenken, dass das, was wir planen, nicht stattfinden oder umgesetzt werden kann. So tun wir, was uns erlaubt wird. Wir treten auf der Stelle und versuchen dieser Bewegung Anmut zu verleihen.

Was tun? Wie weiter? 

Wenn sich das Außen gegen uns stellt, sollten wir uns dem zuwenden, was innen ist. Auch im Unternehmenskontext. Der Blick nach innen verlangt ein Innehalten. Und dass wir einen Moment die Geschäftigkeiten vergessen, die Betriebsamkeit suggerieren, jedoch keinen Sinn machen. Das Abarbeiten von Task-Listen vergessen, die nur dazu da sind, den Leuten im Home-Office das Gefühl zu geben, dass sie (noch) gebraucht werden. Vergessen Sie das, was bislang fraglos funktionierte und wenden Sie sich (endlich) den Fragen zu, für die Sie bislang keine Zeit hatten. Vergessen Sie die Idee, dass es nur darauf ankommt, das alte Offline ins neue Digitale zu übersetzen. (Der Digitalisierungsschub, von dem viele im Zusammenhang mit Corona und Home-Office sprechen, ist – verzeihen Sie – ein „Lercherlschas“ im Möglichkeitenland).

Natürlich ist vieles machbar, aber darum geht es nicht (mehr). Das Machbare ist obsolet geworden. Es geht um das Wünschbare und das Sinnvolle. Dem sollten wir uns zuwenden. Besser heute als morgen. Und um das zu ergründen, sollten wir in uns gehen. Als Menschen genauso wie als Unternehmensorganismen, die ja auch nur durch die Menschen Atem holen, die in ihnen Atem holen.

Atem holen

Das Zauberwort dazu heißt Resonanz, wie der Soziologe Hartmut Rosa, es nennt. Dabei geht es im Wesentlichen darum, die eigenen Schwingungen mit denen der Welt in Einklang zu bringen. Resonanz beschreibt den Modus, wie Subjekt und Welt zueinander in Beziehung treten. In einer Zeit, in der die Welt als abweisend erlebt wird, ist es besonders wichtig, die innere Schwingung ernst zu nehmen und zu gestalten.

Als narrative Organisationsentwickler sorgen wir für entsprechende Resonanzräume, in denen wir uns „aufs Spiel setzen“ und verwandelnd neu erfinden können. Damit Innovation nicht im Äußerlichen verkümmert.

Dank Corona sind wir auf unsere Kreativität zurückgeworfen.

Nutzen wir sie!

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PS: Übrigens: mit der Kreativität verhält es sich so wie mit dem Schnee. Sie ist nicht einfach herstellbar, immer zugänglich, jederzeit verfügbar. Dazu der bereits zitierte Hartmut Rosa: „Wenn wir den Schnee in die Hand nehmen, zerrinnt er uns zwischen den Fingern, wenn wir ihn ins Haus holen, fließt er davon, und wenn wir ihn in die Tiefkühltruhe packen, hört er auf, Schnee zu sein. … In unserem Verhältnis zum Schnee spiegelt sich das Drama des modernen Weltverhältnisses wie in einer Kristallkugel: Das kulturelle Antriebsmoment jener Lebensform, die wir modern nennen, ist die Vorstellung, der Wunsch und das Begehren, Welt verfügbar zu machen. Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung aber entstehen aus der Begegnung mit dem Unverfügbaren. Eine Welt, die vollständig gewusst, geplant und beherrscht wäre, wäre eine tote Welt. Das ist keine metaphysische Einsicht, sondern eine Alltagserfahrung.“

Der Mut des einsam wandelnden Nashorns

Ich suche ein Buch. Seit Tagen. Es muss da sein. Aber es versteckt sich. Und legt den Blick auf etwas anderes frei. Meine Diplomarbeit[1] von 1988 über den Aktionisten und Schriftsteller Rainald Goetz, der wenige Jahre zuvor beim Wettlesen in Klagenfurt den Literaturbetrieb mit einem Skalpell herausforderte. Ich schlage sie auf, zufällig beim Kapitel 3.2.: Das Geschwätz und die Entscheidung – und lese hinein. Es beginnt passend mit einem Zitat von Nietzsche: „Dass die Lämmer den Raubvögeln gram sind, das befremdet nicht: nur liegt kein Grund darin, es den Raubvögeln zu verargen, wenn sie sich kleine Lämmer holen.“

Das Interessante an diesem Text: Er kreist um Themen, die mich auch heute noch berühren. Der Streit zwischen sinnlicher Welt und abstraktem Denken begleitet mich mein Leben lang. Nur ist er heute entschieden – zugunsten des Narrativen. Einfacher, präziser ist es dadurch nicht geworden. Aber poetischer, lebendiger, abenteuerlicher und: menschlicher.

Hier das ungekürzte Kapitel, das ich vor mehr als 30 Jahren wie eine Flaschenpost an mich verschickte. Eine Hybris, geschleudert in den schwer verhangenen Studentenhimmel. Ich sehe gut, von wo ich damals auf die Welt blickte. Meine große Abneigung gegenüber jeder Form der Beliebigkeit. Mein Weg von dort in das Leben, das ich heute führe, könnte verschlungener nicht sein. Ein Grenzgang zwischen den Diskursen.

xxxxxxxxxxxxxx READY? xxxxxxxxxxxxxxx

Wahrheit im Allgemeinen beschränkt sich nicht allein auf die Sinnhaftigkeit der ihr zugrunde liegenden Aussagen bzw. ihre Kommunizierbarkeit. Der Sinn ist neben dem Gehalt nur eine wichtige Bedingung traditioneller Wahrheitstheorien, wobei sie zu diesem sogar in einem reziproken Verhältnis stehen kann, sodass mitunter Analytizität, das ist die (empirische) Gehaltlosigkeit allein universelle Wahrheit garantiert. Ein Umstand, der auch Rückschlüsse zulässt auf die Verfasstheit einer Kommunikationsgemeinschaft, deren vordergründige Tugend sich in der Universalität der behandelten Gehaltlosigkeiten (Plattheiten) erschöpft. Rückschlüsse nicht zuletzt auf ein Verstehen, unter dessen totalisierendem Zugriff das Außergewöhnliche, das Fremde als solches zum Untergang verurteilt ist und zum Echo eines sich selbst reproduzierenden, besserwissenden Denkens verkommt, das an die Stelle des Anderen nur sich selbst in endlosen déjà vus umkreist.

Gegen diese Apokalypse der totalen Nivellierung „wird (bei Goetz) auf der Wahrheit bestanden, dass die Indifferenz des produzierten, simulierten ‚Big Sinns‘ Lüge ist.“ (Oberschlepp, 1987, S.173) „Die  Rede kennt keine Widerlegung der Rede, jedes Gegenargument ist eine Zustimmung zu dem, wogegen es sich wehren will, Rede ist wehrlos verbindlich, noch der Hassausbruch ausgesprochen eine Liebeserklärung.“ (Goetz, Blut/Hirn, S.183)

Die radikale Gegenposition zum universalistischen Diskurs der Vernunft, der in seiner pragmatischen Version in letzter Konsequenz ein Diskurs des Geredes, der (bloßen!) Meinungen ist, beruht wesentlich auf jenem parasitären Sprung im Diskurs, der den Fluss der Kommunikation unterbricht, und eine Wahrheit ins Recht setzt, deren Gehalt sich einem universellen Zugriff entzieht, weil ihre Sinnhaftigkeit immer gebunden ist an ein Moment der Entscheidung. Die Totalität jener sich im Kleid des Universalismus immunisierenden Beliebigkeit durchbrechen, heißt, auf dem Partikulären, Besonderen, letztlich auf jener unversöhnlichen Differenz beharren, welche sich den Umarmungen eines repressiv, toleranten Verstehens verschließt.

Aus dieser Perspektive erscheint der viel beschworene Pluralismus als ein Synonym für Denkfaulheit und jene Differenz als Indiz für ein Denken, das statt der Gemeinsamkeiten die Unterschiede betont, anstelle von Kompromissen Entscheidungen fordert, und gegen das handlungshemmende Sowohl-als-Auch ein klares, tätiges Entweder-Oder setzt. Denken heißt Trennen, und „Trennen ist eine herkuleische Leistung gegen das animalische Streben von allem immer alles zu sein.“ (Blut/Hirn, S.193)

Diesem Streben kann nur entrinnen, wer die Neutralität jener übergeordneten Position, die dadurch eigentlich keine Position mehr ist, verlässt und sich selbst – aus der „Perspektive des Kampfes, des Überlebens oder des Sieges“ – durch die Einnahme eines bewusst parteilichen, einseitigen Standpunktes in eine asymmetrisches Recht setzt: sich zu einem Anwalt des Partikularen, Besonderen, Unterdrückten macht.

Mobilisiert wird das schlechthin Partikulare im Kampf Einzelner (Einiger) gegen das Ganze (das System). In der terroristischen Position kulminiert ein geschichtsphilosophisches Konzept, das den historischen Diskurs subversiv wendet gegen das positive Recht, indem es auf den Dissens beharrt, der das Verhältnis von Legalität und Legitimität bedroht. Die historische Verstrickung gipfelt in einer Theorie und Praxis kurzschließenden Philosophie der Tat, welche die gordische Verschränkung von Verantwortung und Schuld im Augenblick des Terrors auf den Punkt bringt. Als Ausdruck der höchsten Ausprägung und tiefsten Krise eines Denkens wird eine Genealogie der Verantwortung und eine Genealogie der Schuld erschrieben, worin diese Konzeptionen zugleich auf die Spitze getrieben sind. „Alles meine Schuld“ (Fleisch/Hirn, S. 69) sagt nur Einer, der sich für alles verantwortlich fühlt.

Die Schuldhaftikeit der terroristischen/revolutionären Tat (jeden Handelns) zu kompensieren gelingt nur über eine Moral, die im Kontrast zur universalistisch sich setzenden eine Moral des Partikularen, des Einzeltäters ist, der dem Stillstand, der Agonie und der Dummheit (gedacht als sklavisch sich unterwerfendes Bewusstsein) den Krieg erklärt. Die Ambivalenz dieser Moral beschreibt Brückner in Variation zu einer These Adornos: „Zwar stabilisiert Moral – als ‚Kampfmoral‘, Mut, ‚Bekenntnis‘ – den Schein, als ginge es noch moralisch, also geschichtlich zu. Insofern wäre Zivilcourage Theaterdonner, der dem Spektakel der dominierenden Struktur zu Buch schlägt. Doch nur eine solche Moral des Mutigen, des ‚Bekennenden‘ kann in der Realität des Posthistoire noch das Besondere, die Qualität, verteidigen und damit den einzigen Haltegriff in der bröckeligen Glätte der Normalität. Dieses ‚Besondere‘ ist nur noch in Teilen das spezifische Interesse einer Klasse: Revolutionär, Dialektiker, kann der Mutige nicht mehr ganz sein. Er ist eben Dissident, und sein Mut ist der des einsam wandelnden Nashorns.“

Einsam – in unserem Fall – deshalb, weil es noch einmal jenes gnostisch-dualistische Denken der Realität durchspielt und zur Spitze treibt, das nur über die striktesten Entgegensetzungen zu sich kommt – gut oder böse, Freund oder Feind, … Mensch oder Schwein.

In einem als ‚Heiliger Krieg‘ ausgezeichneten Unternehmen wird mit wissenschaftlicher Akribie versucht, das Problem der Wahrheit durch die Besinnung auf seine gesellschafts-politische Dimension in seinen kriegerischen Rahmenbedingungen bloßzustellen. In dem Maße, wie Wissenschaft rückgebunden wird an die Frage der Macht, wird sie zur ‚Angriffswissenschaft‘ (Krieg, S.77) bzw. zur Revolutionstheorie.

Hervorragender Repräsentant dieser Disziplin ist der Existentialontologe Heidegger – der ebenso wie Stammheimer und Stockhausen nichts ist als der abstrakte Signifikant seines Namens –, in dem die wissenschaftliche Treue zum Detail und der geschichtsphilosophische Blick auf das Ganze, die große revolutionäre Perspektive, zusammengehalten werden nur durch den Hass. (vlg. Krieg, S.72) Zwischen dem Mythos der Reinheit (der gekoppelt ist an den Mythos der Revolution) und dem Mythos der Empirie (der gekoppelt ist an den Mythos des Einzelnen) hin- und hergerissen, lebt diese Wissenschaft als Verschwörungstheorie allein aus der paranoiden Geste, die ihre Wahrheit ist. Der reinen Wissenschaft bedeutet Material Verunreinigung, „maximale Wirrniss“ (Krieg, S.73), Dreck, die drohende Vereitelung der Abstraktion (in der revolutionären Tat).

„Die Drohung des einzelnen ist gigantisch, die Drohung der Masse der einzelnen Dinge, der Krieg zwischen ihnen, der Lärm, die vom Feldherrnhügel aus überblickbare Endlosigkeit der Heerscharen der Dinge … erschöpft, aufgelöst, weinend sitzt schließlich der rasend quälend rastlos Getriebene, natürlich zusammengebrochen unter seiner, wirklich die unübersehbare extensiv unendliche Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit ins Auge fassenden und erschöpfend in allen ihren individuellen Bestandteilen beschreibenden, also tatsächlich als Wirklichkeitswissenschaft getriebenen Wissenschaft, fünf seiner besten Jahre am Fenster und starrt in nackte Baumkronen, stumpf, stumpfend.“ (Blut/Hirn, S.182)

Dagegen wird im Augenblick des Denkens ein Ich errichtet, genau über jenem Riss, jener Zäsur innerhalb des Wahrnehmungsstroms (der Geschichte) als Befreiung von dem Druck der Dinge (der Vergangenheit), deren Ziel nicht der befreite Mensch ist, sondern die notwendige, zerstörerische Tat. Keine Rede von Dialektik, kein Warten auf Versöhnung, es zählt allein der Moment der Entscheidung, denn „ununterbrochen ist Krieg, sich zu errichten, für einen Augenblick.“ (Krieg, S.119)

Auf der Spitze der Moderne spricht dieses hier vorgestellte Denken von ihrem Ende, an dem die Geschichte zurückkriecht in den Schoß des Mythos, aus dem sie entsprang. Bezeugt wird das durchgehend Zirkuläre (Aporetische) eines Denkens, das seinen systematischen Anspruch nicht mehr einzulösen weiß, und in der nicht auflösbaren Verschränkung von erkenntnistheoretischen, soziologischen und geschichtsphilosophischen Kategorien die einzelnen Pole unvermittelt nebeneinander hält, Widerspruch an Widersprüchen reihend: „Die Konsequenz jedes konsequenten Denkens ist Weltvernichtung“ (Hirn, S.148); „Widerspruch muss auf Erden Widerspruch bleiben.“ (Hirn, S.187)

In Anlehnung an Horstmanns Philosophie der spekulativen Menschenflucht finden wir hier jene aufklärerische Konzeption von Wahrheit, die sich vor allem auszeichnet durch ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Glück, auf ihren anthropofugalen Begriff gebracht.

“Außerdem ist es grundsätzlich besser, wenn Dinge, die nicht zusammengehören, getrennt werden, als wenn umgekehrt Differentes nicht diskriminiert und nicht getrennt wird, Grenzauflösung die Verdummungsparole schlechthin, da Diskriminierung und Trennung des Differenten Voraussetzung ist für die Handhabung der Differenz zu Erkenntnisgewinn.“ (Hirn, S. 189)

Wenn es affirmative Kritik gibt, dann sicherlich in den Kriegstexten von Rainald Goetz, der das (Denk-)System immer ernster nimmt, als es sich nehmen darf, und unerbittlicher sieht, als es von anderen gesehen werden will – ein unbrauchbarer Anhänger, ein revolutionärer Polizist, der noch in seinen Devotionen unaufhörlich den humanitären Schleier zerreißt.


[1] Wer kennt Rainald G.? Über die diskursive Position des Literaten an der Grenze von Literatur.

Zeit für Neues ?!

Viel war in den letzten Monaten die Rede davon, dass es so nicht weitergehen kann. #corona stellte uns allen die Rute ins Fenster, durch die plötzlich greifbar war, was alles möglich ist, wenn es darauf ankommt. Dass dieses Mögliche sich darauf beschränkte, das System, so wie wir es kannten, im Namen des Lockdown herunterzufahren und im Kampf gegen einen äußeren Feind auf kontrollierte Gleichschaltung zu setzen, war der pandemischen Realität geschuldet. Der eigentliche Möglichkeitsraum – im Innen und Außen – blieb davon vorerst unberührt.

Mittlerweile ist #corona Teil unseres Alltags geworden. Wir lernen langsam, mit der Bedrohung zu leben. Und wir lernen, dieser Bedrohung den Ort zuzuweisen, der ihr gebührt. Erste vorsichtige Umarmungen zeigen es. Die neue Normalität ist die alte, die sich dabei über die Schulter sieht. Wir bewegen uns einfach etwas bewusster, das heißt, wir schauen uns bei der Bewegung zu. Wir vermeiden die Nähe zu Fremden und entscheiden sehr genau, wo wir das Risiko des Hautkontakts in Kauf nehmen. Was es nicht oder kaum mehr gibt, ist gedankenlose Nähe. Was es mehr gibt, ist vorsätzliche Nähe. Zufällige Verdichtungen in Gestalt von Ansammlungen sind verpönt, weil sie die Möglichkeit in sich tragen, nachträglich als #cluster stigmatisiert zu werden.

Nichts mehr erwarten

Der Sommer ist bald vorüber. Es war ein schwammiger Sommer, wie Christiane Bertolini in einem klugen Brief, der den Weg in meine Inbox fand, festhält. Nicht Fisch noch Fleisch. Auch die wieder zunehmenden Kondensstreifen am Himmel, die zeigen, dass das milliardenschwer unterstütze Alte keine Schwerkraft besitzt, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass gedankenloses Fliegen wohl der Vergangenheit angehört. „Ich war nicht ganz rund mit dem Sommer, solange ich überlegt hab, ob ich was und was ich von ihm will,“ schreibt sie. „Seit ich beschlossen hab, mir nichts von ihm zu erwarten und einfach bei mir in meinem üblichen Umkreis das zu machen, was ich sowieso vorhatte, bin ich tiefenentspannt. Es ist in den besonderen Umständen noch empfehlenswerter als sonst sowieso auch schon immer, dort zu sein, wo das Klima in jeder Hinsicht für einen passt.“ In jeder Hinsicht! – eine starke Ansage. Das Glück besteht in diesem schwebenden Dazwischen, das sich Sommer nennt, besteht darin, die Erwartungen zurückzuschrauben und das, was man hat, wertzuschätzen.

Mittlerweile steht der Herbst vor der Tür und man muss kein Prophet sein, wenn man diese Tage als Ruhe vor dem Sturm liest. Denn im Herbst wird sich zeigen, wie es um den neuen Alltag bestellt ist. Wenn unsere Kinder in die Schule gehen und die erste Grippewelle die Symptome neu mischen wird. Wenn viele von uns verschnupft sind und husten, wird kaum zu sagen sein, wo die Grippe aufhört und wo #corona beginnt. Eine Frage rollt auf uns zu, die wir nicht mit Ein- und Ausschließungen beantworten werden können. Denn das Virus, das wissen wir längst, kommt nicht mit dem Auto aus Kroatien, auch wenn es sich die populistisch verseuchte Politik gerne so einfach machen würde.

Der Unterschied in uns

Der Herbst wird auch zeigen, wer bereit ist, das Neue zu denken. Das Neue wohlgemerkt, und nicht belanglose Neuigkeiten oder halbherzige Innovationen, die am Ende alles beim Alten belassen. Gregory Bateson sprach vor bald 50 Jahren vom „Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Ich lese hinein in ein Buch, das vor 30 Jahren mein treuer Begleiter war. ‚Rayuela‘ von Julio Cortázar. Darin träumt der grübelnde Held Oliveira von einem Zufluchtsort, den er den „Kibbuz des Verlangens“ nennt und verbindet die Kibbuz-Idee mit dem Bild vom Kinderspiel Himmel und Hölle, in dem man ein Steinchen geschickt von einem Kreidefeld zum anderen kickt, bis es zuletzt glücklich im letzten, dem Himmelsfeld, landet. Dass Himmel und Hölle auf einer Ebene und nur einen kleinen Kick voneinander entfernt sind, kann kein Zufall sein. Wer das Spirituelle fassen will, muss „durch das Arschauge hindurch“, wie er es nannte. Als ob wir dort, wo wir uns vom Unverdaulichen trennen, Augen hätten. Das Tor in den Möglichkeitsraum steht jedenfalls nicht sperrangelweit offen.

So wird es auch mit dem Neuen sein, denke ich mir, das hinter dem Ornament und unter der beschönigenden Phrasierung im Ungeschminkten zu finden ist. Vor diesem Hintergrund ist „Design Thinking“, der langsam an der Visions-Workshop-Decke verhallende letzte Schrei im Reich des Kreativen nur eine Fingerübung für Mutlose. Warum? Weil es nicht ausreicht, dass man andere Sinne hereinbittet und Manager basteln oder malen lässt. Wenn die Öffnung nicht stattfindet, wird mit anderen Mitteln nur das wiederholt, was man kennt bzw. kann. Und das um so sicherer, je ungewöhnlicher das Metier ist. Weil niemand sich bloßstellen oder blamieren will, bleibt das Lernen und mit ihm das Neue auf der Strecke. Wir bleiben im Modus des Downloading, wie Otto Scharmer es nennen würde, indem wir gekonnt auf alte Muster zurückgreifen und unsere Vermeidungsstrategien beklatschen.

Nur, um das wirklich Andere fernzuhalten, das uns zwingen würde, die liebgewordenen und gemütlichen Denkbahnen zu verlassen. In seinem Backwards-Brain-Bycycle-Experiment zeigt Destin Sandlin, was das in der Praxis heißen kann. Und dass Wissen oft nicht weiterhilft, wenn es darum geht, etwas anders zu tun.

Gerne vergessen wir die tiefgreifende Dimension, die jeder Veränderung innewohnt. Und dass sie ohne Verlust nicht zu haben ist. Wer Veränderung ernst nimmt, weiß, dass Visionen eine Öffnung des inneren Horizonts vorausetzen und sich nicht in fünf Minuten abrufen lassen.

Und wer Öffnung ernst nimmt, wird sich und anderen Raum geben für das Unbekannte, das Ungewisse, das Überraschende, das Experiment, das Abenteuer. Diese Öffnung in Richtung Phantasie muss durch uns hindurchgehen, um am anderen Ende die Sprache zu finden, die sich gegen den bestehenden Diskurs wendet. Phantasie und Widerstand gehören zusammen. Das Hasenloch, das uns ins Wunderland führt, liegt nicht am beschilderten Weg, der sich im Status Quo verliert. Es sind die Brüche in der Oberfläche, die zufällige Irritation in einer glatten Welt, die uns vom Erwarteten zum Unerwarteten führt.

Das Neue wird ein Beben sein

Und dabei drehen wir uns um uns selbst. Formen uns, indem wir Form geben. Gestalten uns neu, indem wir gestalten. Gewissheit ist dabei der schlechteste Berater. Wer vorher weiß, was herauskommen soll, kann zuhause bleiben. So beginnt Kreativität, indem wir aussteigen. Aus unseren täglichen Geschäftigkeiten. Und auf die Bremse steigen. Bis wir anhalten und hören und sehen. Und darauf warten, dass uns Hören und Sehen vergeht. Da geht es nicht um Innovation. Da geht es um die Bedingungen der Möglichkeit von Imagination oder Vorstellungskraft, die eine Art geheime Quelle für Ideen ist. Um einen Ort, wo sich der Riss öffnet und das Licht des metaphorischen Raums eintritt.

Dieser Ort ist ein Ort des Staunens, der Nullpunkt des Neuen in der Welt. Ein Ort, wo wir nicht mehr wissen, was wir jemandem schulden oder was jemand uns schuldet, wie der Mythologe Joseph Campbell festhält: “Du musst einen Ort haben, an den du gehen kannst, in deinem Herzen, in deinem Geist oder in deinem Haus, einen Ort, wo du nicht weißt, was deine Arbeit ist oder für wen du arbeitest, wo du nicht weißt, mit dem du verheiratet bist und wer deine Kinder sind.

Erst, wenn wir diesen Ort gefunden haben, werden wir uns berühren und von dem, was wir gestalten, berührt sein. Von dort aus können wir beginnen, die Welt neu zu denken. Das Neue wird ein Beben sein, oder es wird nicht sein. Was der Surrealist André Breton über die Schönheit sagte, gilt auch für das Neue in uns und in der Welt.

Haben wir Zeit dafür?

Totgesagte leben länger?

Bevor etwas untergeht, gibt es meist eine Phase des Aufbäumens, des überdimensionierten Auslebens dessen, was zum Untergang verurteilt ist. Das lehrt uns die Geschichte.

Als die neue Beschleunigung im Zuge der Industrialisierung immer größere Bereiche der Gesellschaft erfasste und sich anschickte, omnipräsent zu werden, gab es in Paris eine Schildkrötenmode, in der es schick war, Schildkröten als Haustiere zu halten und sie beim Gassi-Gehen flanierend durch die Stadt zu begleiten. Das passierte im Jahr 1838, einen Frühling lang, wie man dem Passagenwerk von Walter Benjamin entnehmen kann, und ward nie wieder gesehen.

Heute ist dieses Industriezeitalter selbst am Untergehen. Und mit ihm ein Managementmodell, das auf Kontrolle, Gehorsam und Gleichschaltung baute. Jeden Tag lesen wir von der Wiedererfindung dessen, was Unternehmen sind und sein können (Fréderic Laloux) und von neuen Führungs- und Organisationsmodellen, die ohne Hierarchie auskommen (Holacracy, Soziokratie, Open Culture). Und weil diese theoretischen Diskurse mittlerweile durch viele Best Practices gestützt sind, sind wir umso erstaunter, wie klassisches Management an vielen Orten noch einmal für kaum denkbar gehaltene Wucherungen sorgt.

Und das nicht erst seit #corona. Natürlich gab und gibt es die uns als Digitalisierungsoffensive verkaufte Aufwertung des Home-Office. Aber was, frage ich Sie, hat sich damit geändert? Außer vielleicht, dass die informellen Informationsflüsse, die eine hierarchisch sanktionierte Verordnungskultur unterwandern könnten, noch schwieriger geworden sind. Weil Selbstdenken und Eigenverantwortung in vielen Fällen immer noch als störend empfunden werden, gerinnt das vielgepriesene Home-Office-Wunder zum digitalen Dienst nach Vorschrift, während das Neue auf der Strecke zu bleiben droht. Abarbeiten von Tasklisten ist angesagt.

Aber wie lange kann das gut gehen?

Parallel dazu treibt Mikromanagement, das so ziemlich das Niederträchtigste ist, was einem im Unternehmensalltag zustoßen kann, groteske Blüten. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Wie schnell es gehen kann, dass man als selbständig denkender Entrepreneur seiner Arbeit und seines Lebens am eigenen Leib spüren muss, wie ein monströser und bis ins Detail exekutierter Kontrollwahn jede Motivation und jede Eigeninitiative mit Füßen tritt. Und wie viele, die in den Einflussbereich dieses Management genannten Totalverlust des Vertrauens kommen, die darin unausgesprochen vollzogene Abwertung zu bestätigen. Der Hypnotherapeutiker Gunther Schmidt nennt diesen Zustand, in dem die Mitglieder des Systems ihr Verhalten in Richtung Systemstabilisierung ausrichten, „Regeltrance“.

Regeltrance. Das ist der Zustand, in dem #corona viele Menschen und Unternehmen gefangen hält.

Wir wissen, dass alles anders werden muss, tun aber ein bisschen so weiter, als ob nichts gewesen ist. Ich will die Krise nicht herbeireden, aber sie hat sich schon längst in unseren Köpfen breitgemacht. Wir wissen, dass da was faul ist – Stichwort #commerzialbank, Stichwort #wirecard –, aber wir denken, dass das schon passen wird, wenn es außer uns niemand sieht. So machen wir weiter in unserem kleinen überschaubaren Regeluniversum, obwohl wir wissen, dass jetzt nur die großen Würfe zählen. Doch wir fühlen diese Müdigkeit in unseren Gliedern, wie der träge gemachte Frosch im langsam erhitzten Druckkochtopf, der seine Kräfte nicht mehr bündeln und das System verlassen kann.

Was mich trotzdem wach und am Leben hält, sind die Momentaufnahmen in meinem Kopf, dass es auch anders geht. Dass es die Sehnsucht gibt nach einem glücklichen Leben. Ich denke an den Film SANS SOLEIL von Chris Marker, der mein Leben nun schon seit vielen Jahren begleitet. Er beginnt mit einer Vulkanlandschaft auf Island. Und mit Kindern, die durch das Bild laufen. Dazu spricht eine hingehauchte Frauenstimme aus dem Off die folgenden Sätze: “The first image he told me about was the three children on a road in Island. In 1965. He said that for him it was the image of happiness and also that he tried several times to link it to other images. But it never worked. He wrote me: ‘One day I have to put it all alone on the beginning of a film. With a long piece of black leader. If they don’t see happiness in the picture, at least they’ll see the black.’”

Wenn solche Bilder ihre Kraft entfalten, kommt der Mut, es jetzt und endlich ganz anders zu machen, von allein.

Über die Macht der Worte

Mitte Juli traf ich Günther Wagner im Hotel Heffterhof, um ein Gespräch zu führen für seinen „Out-of-the-Box“ Podcast. Oder sollte man besser sagen „Beyond-the-Box“ –, um dem Missverständnis zu begegnen, dass dabei ready-made-Gedanken „aus einer Box“ geklaubt worden sind?

Das Schöne an diesem Gespräch war, dass wir ins Miteinander-Bauen gingen und dabei über jede Menge Untiefen, Einsichten und Überraschungen stolperten. Weil wir uns gegenseitig immer wieder dazu einladeten, aus den abstrakten Höhen herunterzusteigen und am Erfahrungsgrund zu verweilen. Dort, wo Geschichten ganz konkret sind, wo Bilder sich die Hand geben und wo Worte, in die wir unsere Erfahrungen kleiden, „lichthaft“ und damit mächtig werden.

Die Stunde verging jedenfalls wie im Flug.

Den Podcast gibts hier zum Anhören.

Web: https://lnkd.in/gC53wqW
Spotify: https://lnkd.in/gfTZN_A
iTunes: https://lnkd.in/gM6T2fj

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Just big enough?

I began to work the clay of my own life again,
to mold the territory of my own belonging.
David Whyte

It all begins with stepping out of our every day life’s business and busyness. With breathing. Decelerating. And then, stepping into a world that is no longer codifying the story of analysis and separation. Leaving behind the never ending black and white. At the altar of gobal connectedness we sacrifice our local intimicy. And this not just since #corona.

Our new pillow book POWER OF STORY I STORIES OF POWER is trying to de-construct discoursive dominance, and re-construct the value of the plural of creation. Change starts with reflexivity. That we have learned. And that we suffer from.

Collectively, we find ourselves in a boxing ring without spectators, frozen in a fighting mode: We secure our borders to create fortresses against migration, we are at war with a virus, we fight against unemployment and climate change. It seems that “war stories” are central to our way of world making.

Making home
Without refuge, in moments of crisis and fear, we run backwards to old stories of the past. But the grand narratives of the 20th century do no longer provide a shelter. Closing borders or othering people based on single traits, defining enemies to fight against, will not save us.

Climate change and SarsCoV-2 show us forcefully, that we can not live against the world but need to find a way to live with it. And feeling home is probably not bound to the place we were born or one single story, but something that is constantly in motion like the world that surrounds us.

The Austrian writer Christoph Ransmayr sees home as a “narrow stretch of land that leads through childhood and through the hearts. Beyond it, everyone is a stranger, a foreigner or a refugee and depends on the help and support of natives.” We get what we give. And the question is if we show up as colonizers or refugees. We will be welcomed accordingly.

It is about the stories we use to make stories. Stories of diversity, multitude – breathing stories – that accommodate the changing dynamics of life. Local stories, small stories, just big enough stories. Stories of interconnectedness and synchronicity. Stories without copyright, fluid stories. Ready to be shared like seeds, planted along the curves of COVID-19, creating edible gardens. Serve yourself, there is enough food for everyone.

Openings
As people concerned with transformation and change, our concern is and should be about the flow of the story and restoring the ability to maneuver, to act, to set one foot before the other, unearthing the potential to remove obstacles for development and new insights:

Sometimes it needs a name for a story not yet written, to clear the path, to open doors into the unknown, to think, feel and act differently. In some cases, this naming can be a first step to leave the story behind, to heal and to move on. In some cases, it needs a re-naming of an all-to-familiar story, to find a different opening, a different meaning in it. And sometimes we have to resist the naming and suspend the meaning, so that different doors are unlocked.

Being present with the process of not-naming, naming, and re-naming is the work. Opening cracks, so that light can shine. Opening passages, opening doors. Story-Work.

Enjoy our offerings in this big enough book!
You can order it in our bookstore

 

 

 

 

 

 

Schatten und Licht

Anlässlich des ECU Awards unseres Films „SHADOWS OF LIGHT“ als BEST EUROPEAN DOCUMENTARY (und um die Wartezeit zum Film-Release zu verkürzen) mein Portrait von Barth für die „gangart“, mit dem für mich alles begonnen hat.

Die okkulten Welten des Bartholomäus Resch entziehen sich seit Jahren den vorschnellen Einordnungen der Talbewohner. Dass da oben am Berg nicht alles mit rechten Dingen zugeht, darüber sind sich auch die wohlwollendsten unter ihnen einig. Auch wenn sie es mit einem Augenzwinkern sagen und der Überzeugung, dass die herkömmlichen Kategorien von rechts und links im Augenschein dessen, was da passiert, ohnehin zerbröseln – wie das wehrlose Holzscheit im wilden Tanz des Feuers.

© Foto: Miriam Häusl

Einmal im Jahr rund um die Sommersonnenwende wird die Neudegg Alm am Fuße des Tennengebirges für drei Tage zum Nabel der Black-Metal-Welt. Oder war es die Black-Trash-, Speed-Death- oder doch die Funeral-Doom-Welt? Egal. Googeln Sie nicht! Was sie im Wiki-Netz dazu finden, versucht sich in trüben Zuweisungen und wird dem nicht gerecht, was dort oben auf der Neudegg Alm an Heidnischem, Spirituellem und Sphärischem unter dem strengen und achtsamen Blick des Abtenauer Zeremonienmeisters Bartholomäus Resch eine ganz individuelle Prägung erfahren hat.

Und auch Barth, wie die Einheimischen ihn nennen, scheint sich jedenfalls herzlich wenig um die landläufigen Einordnungen zu kümmern. Er will Bands hierher holen, die eine epische Breite mitbringen und keinem monotonen Schema folgen. „Stell dir vor, du sitzt allein in einer Almhütte und draußen greifen 30.000 Bären an. Und jetzt stell dir eine Musik vor, die diese Bären aufhält. Dann weißt du, was hier im besten Fall über die Bühne geht. Ein Musiker ist ein Krieger im Dienste der Transformation.“ Auf meinen Einwand, dass das für einen normal sterblichen Talbewohner wahrscheinlich nicht leicht zu verstehen ist, bringt Barth überraschender Weise ein Beispiel aus der russischen Programmmusik: „Nimm Mussorgski: Eine Nacht auf dem kahlen Berge – das ist Brutalität pur und mehr als hundert Jahre alt. Das hat schon auch was mit Ignoranz zu tun, dass die Leute glauben, sie können alles sofort verstehen, auch wenn sie sich 30 Jahre nicht mit Musik beschäftigt haben. Instant-Music aus der Dose gibt es hier heroben nicht.“

Die Hexen, die in der Musik Mussorgskis in der Johannisnacht tanzen, sind ihm wichtig, weil sie Trägerinnen geheimen Wissens sind und als solche immer schon verfolgt wurden – von denen, die für sich das Licht pachteten. Barth hat immer schon die Schatten gesehen, in das Dunkle geschaut. Schon als Ministrant wusste er, dass es da etwas anderes gibt. Und er hat die Angst der Menschen gesehen, die Dinge zu hinterfragen und sich auf das einzulassen, was unter der oft scheinheiligen Oberfläche brodelt: das Mystische, das Magische, das Heidnische, Unverfälschte.

Wenn Barth spricht, kommt es vor, dass er – sich selbst überholend oder in Frage stellend, so genau weiß man das nicht – immer wieder ganze Worte verschluckt. Ist es, weil eigentlich ohnehin zu viel geredet wird auf dieser Welt, wie er sagt? Oder ist es das Mikrofon auf dem Tisch, das dem Wort eine Bedeutung verleiht, die ihm nicht zukommt? Barth beschönigt und frisiert nichts. Er liebt das Ungeschliffene, wo die Materie zum Vorschein kommt. Heutzutage, in der jeder etwas gilt, der in einer ansprechenden Form Banalitäten von sich gibt, ist einer wie er – mit einer Kartoffel im Mund, der aber hinter der Kartoffel unendlich viel zu sagen hat – eine latente Provokation. Seit Jahren kocht er hier heroben auf der Neudegg Alm sein eigenes Süppchen und steckt die ganze Energie, die er in sich trägt, in die Entwicklung dieses Orts und seinem Festl, wie er es nennt, weil ihm der Langbegriff „Festival“ schon wieder affig und gekünstelt vorkommt.

Blindness will transform into vision …

Mit dem „House of the Holy“ hat der „Funkenflug“ – als Initiationsritus zur Sonnwende – 2017 eine neue Stufe erreicht. Nicht was die Besuchszahlen angeht, sondern in punkto Spiritualität. Mit den paar Hundert Leuten, die auch dieses Jahr aus allen Teilen Europas den Weg auf die Neudegg Alm gefunden haben, ist dieses alpine Metal-Open-Air am Zenit, was die Kapazität angeht und auch, weil dem Barth eine gute Nachbarschaft zum Winterer Bauern wichtig ist, der seinen Wiesen für die Metal-Camper zu Verfügung stellt. „Und die Tiere rundherum? Haben die nicht ein ganzes Jahr daran zu knabbern an dieser 3-tägigen Brutalbeschallung?“, frage ich ihn. Barth lacht und schüttelt energisch den Kopf: „Den Tieren taugt es, die Kühe kommen sogar näher zur Musik heran, wenn es beginnt. Und in der Nacht sehe ich die neugierigen Lichter des Wilds. Wir dürfen nicht unsere Kategorien über alles werfen. Die Tiere, die kennen die Mächte der Dunkelheit. Die wissen, was da abgeht.“

Wir sitzen vor seiner Hütte, die während des Festivals die Bühne ist, auf einer Bank im Zuschauerraum. Dahinter stellt der Hang sich auf und zieht nach oben in Richtung Wald, wo ein Feuerkreis das kontrapunktische Kraftzentrum zum Bühnentreiben markiert. Es ist ein besonderer Platz, uneinsichtig und gut versteckt hinter der Pailwand, mit dem Rücken zu Abtenau und offen in Richtung Bischofsmütze, diesem Mahnmal der Vergänglichkeit. „Jeder Platz ist besonders“, kontert er, „und jeder Platz kann so ein Zentrum sein. Es kommt darauf an, was du daraus machst. Wenn du Energie zuführst, dann passiert auch was.“

Und so hat er, der „Housemaster of the Holy“, diese enormen Felsblöcke über die Jahre mit unheimlichen Kraftaufwand dem Wald entrissen und in Kreisform rund um das Feuer platziert, damit die Energie hier fließen kann. Nicht so wie unten im Markt, der sich freiwillig seiner Kraftquelle, des Fischbaches, entledigt hat – dort, wo sein Zentrum ist: Wie kann man nur auf die Idee kommen, eine Kraftader wie diese einfach zuzubetonieren? Für den Barth ist das ein Skandal, aber auch symptomatisch für die Verfasstheit vieler Menschen unten im Tal, die den Bezug zur Natur und zur Kraft verloren haben. „So geht man mit dem um, was einem mitgegeben wurde. Und dann wundert man sich, wenn das Feuer ausgeht. Dabei ist Abtenau ein gesegneter Boden. Was da möglich wäre, wenn die Leute wieder einen Zugang zu ihrem inneren Feuer hätten. Und weiter gedacht: Wenn die 8 Millionen Menschen, die in Österreich jeden Abend mindestens zwei Stunden in die Glotze starren, diese Zeit stattdessen in guten Gesprächen oder mit Nachdenken verbringen. Wir hätten 16 Millionen bewusstseinserweiternde Stunden pro Tag.“

Wir lassen den Blick schweifen, während die Dämmerung alles in ein bläuliches Licht taucht. Rüber zum Traunstein und zu den Schafzähnen zwischen Tagweide und Hochkarfelderkopf. Und rauf zum Schober, dem Berg, der ihn am meisten inspiriert, weil er von hier herunten, wo wir sitzen, wie eine Pyramide aussieht. Da kann es schon mal vorkommen, dass über seine Spitze die grünlichen Nordlichter tanzen – wie heuer im Mai, als sie nach 14 Stunden Jam-Session in der Nacht aus der Remise traten und ungläubig in den Himmel schauten. Barths Augen leuchten. Die Remise, der etwas andere Werkzeugschuppen, ist ein dem Wikinger-Langhaus nachgebauter Blockbau, der als Probe-, Ausstellungs- und Zeremonienraum zum Tempel der Metal-Musik wurde. Auf die Idee kam er bei der Heimfahrt aus Norwegen und wie es beim Bartl so ist, war da nicht nur die Idee, sondern auch das Feuer, das aufloderte, um diese ohne Umweg umzusetzen. Zuhause angekommen trommelte er ein paar Komplizen im Geiste zusammen und dann wurde gebaut – zwei Monate lang, in minutiöser Handarbeit. Am Ende fehlen auf 12 Metern Länge ganze zwei Zentimeter zur perfekten Kathedrale. „Das kann man durchgehen lassen“, meint er und hebt dabei stolz die Mundwinkel.

Ich denke an den Ministranten von damals und frage Barths, wo die Reise begann, die ihn hierhergeführt hat. Die begann früh. Als Kind. Der Sohn des Tholmai erzählt von seinem Kirchendienst und von Pater Raphael, seinem entkräfteten christlichen Mentor: „Er hat mir viel gezeigt. Auch den Zugang zu okkultem Wissen. Er hat mein Fragen ermutigt und das Feuer in mir entfacht – egal was die Leute über ihn heute denken.“ Und dann war da dieser Koffer voll mit verbotener Musik, der in der Eni-Tankstelle vergessen wurde. „Ich glaub, den hat mir der Teufel dort hinterlegt,“ meint Barth mit einem breiten Grinsen. Jedenfalls wusste er schon damals, er war gerade elf Jahre alt, dass dieser Koffer für ihn bestimmt war. Er nahm ihn mit, um dann mit ein paar ausgesuchten Freunden, an einem Platz, wo sie niemand stören konnte, sein eigenes Initiationsritual in Sachen Metal-Music zu zelebrieren. Von da an war ihm nichts mehr heilig. Oder besser: von da an war ihm vor allem alles Dunkle heilig, was für die Heilsverantwortlichen im Tal so ziemlich auf dasselbe hinauskam: „Weil sie nur am Wegwischen sind, am Putzen, am Zurechtbügeln, am Glätten und Verdrängen. Und so tun, als ob das Licht keinen Schatten werfe. Aber niemand sagt einem, dass man durch die Dunkelheit hindurch muss, wenn man das Licht sehen will. Ja mehr Licht du reinlässt, umso heller bist du. Aber wenn du rausschaust in den ewigen Abgrund des Universums, dann schaut es zurück. Abgründig. Wie jedes Licht dem Schatten folgt.“

All good things are wild and free …

Und so hat sich Bartholomäus Resch auf den Weg gemacht und ist durch die Nacht gegangen. Wortwörtlich und bildlich zugleich, dem Feuer vertrauend, das in ihm lodert. Er war bereit, sich seiner Angst zu stellen, den wilden Kerlen solange in die Augen zu blicken, bis sie ihn zum König machten. Und so hat er sich schließlich auch mit den Toten verbündet und mit den Nächten, in denen sie tanzen. Dabei ging es ihm nie um das Dunkle allein, sondern um den Übergang. Die Transformation, die das Leben ausmacht. Wer wachsen will, braucht eben beides. Der Schatten nährt sich vom Licht. Beim Barth war es letztendlich ein kleines Ritual, das ihm die Augen öffnete, „in der tiefsten Schwärze, die man sich vorstellen kann“, wie er sagt. „Ich war komplett leer und musste mich neu zusammenbauen. Stück für Stück.“

Seitdem ist vieles anders. In der Zeitrechnung des Bartholomäus, den die Bibel den „Mann ohne Falschheit“ nennt, hat das Jahr 13 Monate, nicht die bereinigten zwölf, an die wir uns klammern. „Wenn du die zwölf Mondmonate zusammenzählst, bleiben 12 Tage übrig. 12 Tage und 13 Nächte, die als die toten gelten, aber auch als die offenen, in denen das wilde Heer von Odin durch die Luft fährt und jeden mitreißt, der ihm begegnet.“ In diesen Raunächten zwischen 21. Dezember und 6. Jänner, von denen Barth spricht, sind die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt und die Grenzen zu anderen Welten porös. Wer in diesen Nächten seine Wäsche aufhängt, läuft Gefahr, dass die Toten sich darin verfangen. „Warum ist 13 eine Unglückszahl?“, fragt er mich unvermittelt und gibt sich selbst die Antwort: „Um Angst zu schüren und alles, was anders ist, zu stigmatisieren. Was ankommt ist: Bleib daheim. Es ist gefährlich, in dieser Zeit draußen zu sein. Wer redet schon darüber, dass mancher um diese Zeit auch die Tiere verstehen und hellsehen kann?“ Wieder ist sie da, die Angst. Diesmal als Angstmache von denen, die alles unter Kontrolle haben wollen.

Raunächte, germanische Mythen, Runenzeichen, Metal-Musik. „Wie ist das eigentlich mit dem rechten Gedankengut, das immer wieder in diesem Zusammenhang auftaucht?“, will ich von ihm wissen. „Das ist ja alles schon seit Jahrtausenden da. Und wurde dann von anderen benutzt – wie von den Nazis in einem System, das Tod und Vernichtung gebracht hat. Aber daran ist nicht dieses alte Wissen schuld. Man kann alles verbiegen, wenn man will.“ Es wundert nicht, dass für Barth politische Kategorien wie links und rechts nur Krücken sind: „Wenn du mit deinem Herzen hinschaust, siehst du sofort, was gut und schlecht ist. Ein gesunder Mensch steht ohnehin in der Mitte, mit beiden Beinen auf der Erde unter sich und dem Himmel über sich. Wir haben soviel Missgunst und Neid und Hass in uns, aber niemand ist bereit, auf den anderen zuzugehen und zuzuhören. Auch das hat mit Angst zu tun.“

Wer auf der Neudegg Alm satanisches, rechtslastiges Gedankengut erwartet, wird enttäuscht sein. Zwar gibt es das düstere, auf den ersten Blick ein wenig abschreckende Erscheinungsbild der Menschen, die sich hier versammeln – schwarze Kleidung, Nietenschmuck, Gesichtsbemalung – aber unter der Oberfläche sind diese Menschen höflich und zuvorkommend. „Das ist der Spirit hier, das spürst du, wenn du hochfährst. Jeder ist willkommen. Wer aber Ideologien verbreitet oder dieses Musik- und Feuerritual für seine Zwecke missbrauchen will, hat hier heroben nichts verloren.“ House of the Holy. Was heißt das eigentlich? „Dass du dein eigener Tempel bist und nur dich selbst verändern kannst. Und wenn du das tust, wird der Funken überspringen. Deshalb ist das Feuer so wichtig und dass du es weitergibst.“

Es gibt einen Film von Chris Marker, der hat den Titel „Sans Soleil“ – ohne Sonne. Sein Motto entnimmt er der Erzählung über eine chinesische Prinzessin, die Listen liebte und irgendwann auf die Idee einer Liste von Dingen kam, die das Herz schneller schlagen lassen. Der Barth ist, wenn sie so wollen, die Negativform dieser Prinzessin. Ein erratischer Block von einem Menschen, uneben, roh und mit scharfen Kanten. Aber er hat dieselbe Liste im Kopf.

Bartholomäus Resch. Fotografiert von Mike Drechsler

Übertragung als Erlösung

Corona. Kann dich nicht mehr hören. Du geschwätziges Monster. Mit gespaltener Zunge. Du redest von meiner Sicherheit und meinst bloß deine Kontrolle.

Du sagst, dass wir die Zeit nutzen sollten, um in uns zu gehen und förderst doch nur panische Geschwätzigkeit.

Ich hyperventiliere Information und trete dabei auf der Stelle. Ich verzehre mich nach der neuen Qualität, von der alle solange labern, bis nichts mehr von ihr spürbar ist.

Covid-19 ist das Virus der Extrovertierten. Die ihre alten Hemden ungewaschen ins neue Online hängen. Corona – behalte deine Krone.

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Die Krisengewinner genießen die Krise. Und die Zukunftsforscher zerreden das Morgen, ohne jemals im Heute angekommen zu sein.

Corona, du Fratze. Du redest davon, dass wir uns neu erfinden müssen und meinst doch nur, dass wir uns anders verkaufen sollen.

Du meinst, dass etwas Abstand uns allen gut täte und ich bin beinahe versucht, dir beizupflichten. Etwas Abstand zu allem täte uns allen gut. Auch etwas Abstand zu den eigenen Vorgefasstheiten und Ängsten.

Ich bin für die Krise geboren. Angstfrei zähle ich die Stunden, die mir bleiben. Und denunziere mich, wo ich kann. Weil ich mir selbst misstraue. Der Überträger in mir wirft sich dem Untertan zum Fraß vor.

Ich befolge die Anordnungen, die ich mir selbst auferlege, punktgenau. Heiliger Basti, gehe nicht ein unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Lass mich dir folgen. Lass mich dein Hund sein.

Corona. Du Aas. Was hast du aus mir gemacht? Warum treibst du uns so vor dich her? Als ob wir noch etwas vor uns hätten.

Sag jetzt nichts. Halt einfach die Luft an. Und vergiss deine billigen Antworten! Ich will die Frage, die mir Gänsehaut macht.

Lass mich in Ruhe mit deinen Online-Parties. Ich werde solange zuhause bleiben, bis ich dich wieder berühren darf.

Die Schönheit wird ein Beben sein, oder sie wird nicht sein. Ohne Erschütterung hat nichts einen Sinn.

Gib mir mein Leben zurück. Aber nicht die Normalität, die damit verbunden war.

Du liebes Kind. Corona.

In meiner Gespaltenheit berührst du mich, beinahe zärtlich.