Vom Wissen betäubt

Vom Wissen betäubt? Ich möchte, dass Wissen uns leben macht, dass es uns kultiviert; ich möchte, dass es uns Haut und Wohnung ist, dass es uns hilft, zu essen und zu trinken, langsam zu gehen, zu lieben, zu sterben, zuweilen auch wiedergeboren zu werden, ich möchte zwischen seinen Laken schlafen, und ich möchte, dass es uns nicht äußerlich ist. Aber diese lebendige Kraft hat es verloren; wir müssen uns sogar vom Wissen heilen.

In kleine Häppchen zerteilt, neu bei jeder aufgenommenen Dosis, rasch monoton, schnell veraltet, vergänglich, kurzlebig und eher inflationär als in echtem Wachstum begriffen – so hat das Wissen, das uns Dissertationen, Artikel und Fachzeitschriften liefern, dieselbe Form angenommen wie die Informationsbrocken, die in Schrift, Bild und Ton von den Zeitschriften und sonstigen Medien ausgestreut werden, oder wie ein Bündel Banknoten oder wie ein Päckchen Zigaretten, in Einheiten aufgeteilt, bald schon in der Datenbank klassifiziert, unter Codes gefasst. Wir leben nicht mehr dem Gesprochenen hingegeben, wir werden auch die Sprache verlieren, nachdem wir den Sinn verloren haben, aber natürlich gilt unsere Hingabe weiterhin den Daten. Nicht denen der Welt, nicht denen der Sprachen, sondern denen der Codes. Wissen heißt heute sich informieren. Die Information wird die oberste, die universellste Form der Droge, der Gewöhnung, der Sucht.

Besagte intellektuelle Aktivität gleicht der Einnahme eines Narkotikums; wer es versäumt, die Information regelmäßig zu sich zu nehmen, verliert den Anschluss. Mit der neuesten Annonce sind alle vorangegangenen überholt, das ist das Gesetz der Droge, wonach nur der nächste Schuss zählt. Information und Droge machen nicht glücklich, wenn man sie hat, sie machen nur unglücklich, wenn man sie nicht hat.

aus: Michel Serres: Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische, Suhrkamp 1998, s.135

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