Mit einer unscheinbaren Kerze in der Hand

Wenn wir Geschichten erzählen, erzählen wir gegen ein immer noch mächtiges Paradigma der Wissenschaft an, das besagt, dass wir auf unserer Wahrheitssuche vor allem eines tun: Dinge aus dem Kontext herauslösen, damit wir sehen können, was darunter oder dahinter ist bzw. wie sie wirklich sind. Dabei ist bei näherem Hinsehen die Vorstellung einer nackten und von allen Umwelteinflüssen unberührten Wahrheit ja selbst nur eine ziemlich überholte Erzählung, die trotz Relativitätsdiskurs (die Relativitätstheorie wurde vor 100 Jahren publiziert) hartnäckig ihre Dominanz behauptet.

Wenn wir Geschichten erzählen, dann betten wir Ereignisse in einen Kontext ein, der diese lesbar macht und ihnen Sinn gibt. Wir sind dankbar für diese Einbettungen, die Geschichten liefern, weil wir uns ohne sie nicht verstehen würden. „Eine Geschichte zeigt einen Lebensausschnitt und nähert sich so mehr dem Ganzen als eine isolierte Aussage.“ (Insa Sparrer: Wunder, Lösung und System, Carl-Auer Verlag 2009, s.53).

Der Kontext wirft Licht auf die Umstände, die für jeden anders sind. Dahinter und darunter bleibt es dunkel und opak. Geschichten sind Reaktionen auf die Unmöglichkeit, einander exakt zu verstehen. Insa bringt dazu folgende orientalische Lehrgeschichte:

Ein Meister lehrte seine Schüler in Form von Geschichten und Gleichnissen. Manche hörten begeistert zu, andere waren betrübt, denn sie erachteten diese als trivial und sehnten sich nach etwas Tieferem. Ihre Bitten nach weisen Worten und Geheimnissen wurden vom Meister immer wieder zurückgewiesen: „Versteht, dass der kürzeste Weg von einem Menschen zur Wahrheit eine Geschichte ist.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Eine verlorene Münze kann mit einer unscheinbaren Kerze wiedergefunden werden, die tiefste Wahrheit kann sich euch in einer einfachen Geschichte enthüllen.“

Die Unmöglichkeit, einander exakt verstehen, betont übrigens auch Steve de Shazer, der Begründer der lösungsfokussierten Kurztherapie, wenn er sagt: “Wir können verstehen, was besser heißt, ohne zu wissen, was gut heißt.“ Er weiß, dass hinter jeder Skalierungsfrage kein absoluter Wert, sondern eine Geschichte wartet.

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