Verbindlichkeiten

Geistesblitze sind Entladungen von hoher Intensität. Sie erzeugen augenblickslang eine Klarheit, in der unsere Gedankenlandschaft mit allen Wegen und Irrwegen erleuchtet vor uns liegt. Wir wollen sie festhalten und schaffen es viel zu selten, weil sich laufend neue Information wie Regen über diese Landschaft ergießt und die Spuren verwischt.

Geschichten sind anders. Sie leuchten aus sich heraus, sind fluoreszierend, weil sie Verbindungen schaffen und mit ihnen Verbindlichkeit. Sie erklären nicht und sie informieren nicht, sie liefern keine Daten, sondern kondensierte Erfahrungen, wie Walter Benjamin 1936 in seinem Essay über den Erzähler Nikolai Lesskow festhält:

Die Information hat ihren Lohn mit dem Augenblick dahin, in dem sie neu war. Sie lebt nur in diesem Augenblick, sie muss sich gänzlich an ihn ausliefern und ohne Zeit zu verlieren, sich ihm erklären. Anders die Erzählung; sie verausgabt sich nicht. Sie bewahrt ihre Kraft gesammelt und ist noch nach langer Zeit der Entfaltung fähig … Sie legt es nicht darauf an, das pure ‚an sich’ der Sache zu überliefern wie eine Information oder ein Rapport. Sie senkt die Sache in das Leben des Berichtenden ein, um sie wieder aus ihm hervorzuholen. So haftet an der Erzählung die Spur des Erzählenden wie die Spur der Töpferhand an der Tonschale.“

Diese Spur verfolgen wir auch im Coaching, in dem wir Kontexte, die verwischt wurden, wiederherstellen, Zusammenhänge aufdecken und Genealogien ausgraben. Erzählen und Zuhören sind aufeinander angewiesen. Deshalb halten wir die Kunst des Erzählens hoch, in dem wir – frei nach Walter Benjamin – nicht aufhören zu weben und zu spinnen, während wir den (Problem-)Geschichten lauschen.

Michael White gibt diesem Lauschen einen Namen: „Double Listening“. Es führt ihn zu dem, was „ungesagt mitschwingt“ – „the absent but implicit“, wie er es nennt – und damit zu einer neuen Art der Konversation, bei der wir uns nicht mehr auf das Problem als solches konzentrieren, sondern auf die Werte und Überzeugungen in uns, die durch das Problem verletzt werden. (Weil der problematische Zustand per se auf einen anderen Zustand verweist, der nicht oder weniger problematisch ist. Ohne diesen Verweis wäre der Veränderungswille ohne Referenz und würde verpuffen. Michael White folgt hier Jacques Derrida, für den Bedeutungszuschreibung nur über die Differenz(ierung) erfolgen kann: zu sagen, was ist, gelingt nur, indem man sagt, was nicht ist und umgekehrt.) Damit verlassen wir die Problemtrance, gehen jedoch – anders als Steve de Shazer – nicht sofort in Richtung Ausnahmen und Lösungskonstruktion („landscape of action“: was machst du anders?), sondern bereiten durchaus problemnahe und im Kopf („landscape of consciousness“: was denkst/siehst du anders?) den Boden für einen neuen Zugang und andere, bevorzugte Geschichten. Ein Klient von Jill Freedman beschreibt es folgendermaßen:

When I have a problem I usually go over it again and again and again. I think problem, problem, problem. These questions get me to think instead of what is important to me that has been violated. This is so much more helpful than problem, problem, problem. It’s a whole different path.“ (Jill Freedman: Explorations of the absent but implicit)

Solche Verknüpfungen können hilfreicher und bereichernder sein als die schönsten Geistesblitze, die wir schwer festhalten können und die, wenn es uns gelingt, oft wie Blumen sind, die in unserer Hand verwelken. Womit wir am Ende bei Robert Musil wären, der seinen Zögling Törless dazu folgendes sagen lässt:

 Mit den Gedanken ist es eine eigene Sache. Sie sind oft nicht mehr als Zufälligkeiten, die wieder vergehen, ohne Spuren hinterlassen zu haben, und die Gedanken haben ihre toten und lebendigen Zeiten. Man kann eine geniale Erkenntnis haben, und sie verblüht dennoch, langsam, unter unseren Händen, wie eine Blume. Die Form bleibt, aber die Farben, der Duft fehlen. Das heißt, man erinnert sich ihrer wohl Wort für Wort und der logische Wert des gefundenen Satzes bleibt unangetastet, dennoch aber treibt er haltlos nur auf der Oberfläche unseres Inneren umher und wir fühlen uns seinethalber nicht reicher. Bis – nach Jahren vielleicht – mit einem Schlage wieder ein Augenblick da ist, wo wir sehen, dass wir in der Zwischenzeit gar nichts von ihm gewusst haben, obwohl wir logisch alles wussten.“

By:

Posted in:


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: