Die Kraft des gemeinsamen Tuns

Da ist etwas in Bewegung. Zweifellos. Man spürt es. Man riecht es. Man sieht es. Was früher milde belächelt wurde, gilt heute als ernst zu nehmende Alternative. Alternative zu einer „Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne wirklich menschliches Ziel“, wie Papst Franziskus kämpferisch meint.

schafe

Das menschliche Antlitz zeigt sich in dem Moment, in dem man nicht mehr das Haben in den Mittelpunkt seines Denkens und Tuns stellt, sondern das Teilen. Weltfremd, blauäugig, gefährlich naiv – denken Sie? Mitnichten: Das Konzept ist beim Car-Sharing oder bei der Vermittlung von privaten Unterkünften (Couch-Surfing) ein Erfolgsmodell. Tauschkreise schießen aus dem Boden, in den Städten entstehen Gemeinschaftsgärten und Bezirke schließen sich zu Solidarregionen zusammen.

Nutzen statt horten. Zugang statt Besitz. Kooperation statt Konkurrenz. Gemeinwohl statt Gewinnmaximierung. Gegensätze, die sich an der einen Frage entzünden: Warum sollen wir so leben, wie es die Spielregeln einer entfesselten Ökonomie vorgeben? „Sollte es nicht vielmehr genau umgekehrt sein – und die Wirtschaft sich an den Bedürfnissen des Menschen orientieren?“[1]

Wie viel Schafe sind zu viel?
Stellen Sie sich eine Dorfweide vor. Hier darf jeder Schäfer des Dorfes seine Schafe weiden lassen. Warum aber nur ein Schaf? Mit 10 Schafen lässt sich nun einmal ein viel höherer Gewinn erzielen. Wenn jeder Schäfer so denkt und handelt, ist die Wiese in kurzer Zeit kahl gefressen. Und die Dorfgemeinschaft verliert ihre Existenzgrundlage. Die Frage ist: Ist diese Entwicklung unausweichlich?

Der US-amerikanische Biologe Garret Hardin, von dem das Bild der Weide stammt, beantwortet 1968 diese Frage mit einem eindeutigen JA und etabliert damit den Mythos von der „Tragik der Allmende.“ Nach Hardin handelt jeder Herdenbesitzer gleich: Er fügt seiner weidenden Herde ein Schaf hinzu, dann noch eins und dann noch eins – dem Kalkül des schnellen Gewinns folgend. Ein sattes Schaf mehr, ein Anteil mehr, ein Vorteil mehr. Bis die Weide kahl ist und kein Schaf mehr ernähren kann.

Wäre es in so einem nicht sinnvoll und sogar schlau, das Gemeinsame über das Individuelle zu stellen? Und ergäbe das nicht ein besseres Leben für alle?

Reichtum und Mangel
Unser ganzes Leben basiert auf Ressourcen, und dazu gehören nicht nur die Vielfalt der Natur, Saatgute, Rohstoffe, Wasser, sondern auch soziale Freiräume und öffentliche Plätze in unseren Dörfern und Städten, Bildung und Wissenschaft und die digitale Welt. Und eigentlich sind all diese Ressourcen auch ausreichend vorhanden, um jeden Menschen zu versorgen.

Die Praxis sieht anders aus. Denn sie gehorcht einem fiesen Kalkül: Wer eine Ressource verknappt, der schafft einen Mangel und wer einen Mangel schafft, kann eine Menge Geld damit verdienen. Geld spielt wie so oft eine zentrale Rolle. Es sollte uns Menschen eigentlich dienen und das Leben erleichtern. Ein Mittel sein, mit dem sich besser wirtschaften lässt. Stattdessen ist das Mittel zum Selbstzweck verkommen. Und der „homo oeconomicus“, von dem die Schäfergeschichte erzählt, zum vorbildlichen Menschentypus erhoben. Erfolgreich ist, wer Gewinne macht. Punkt. Das „Wie“ steht nicht zur Debatte. Gehuldigt wird der auf einem Auge Blinde; der Egoist, der nur seinen eigenen Vorteil sieht und es versteht, alles Emotionale, Soziale auszublenden.

Gemeinsam gestalten
Daneben oder dahinter, übertönt von Marktschreiern, gibt es aber auch eine andere Geschichte. Sie erzählt von Menschen, die kooperieren und sich gegenseitig unterstützen, um gemeinsam mehr zu erreichen. Sie reden miteinander, sie geben sich Regeln, sie übernehmen Verantwortung für das Gemeingut und sie sorgen dafür, dass es erhalten wird. Sie wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind. Der Vorteil des Einen ist auch der Vorteil des Anderen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine politische Vision, die eine Wirtschaft für Menschen und die Umwelt schaffen möchte. Zugrunde liegt eine Gemeinwohl-Matrix, mit der Wirtschaftstreibende ihr Tun bewerten und kritisch hinterfragen können: Wie lebe ich als UnternehmerIn fünf Werte (Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit und Demokratie/Transparenz) im Kontakt mit meinen Berührungsgruppen (Lieferanten, Geldgeber, Mitarbeiter, Kunden, Mitbewerber und das gesellschaftliche Umfeld)?

Eng damit verbunden ist die Idee der Gemeingüter oder Commons, wie sie im Englischen genannt werden. „Commons sind Räume, in denen wir gemeinsam mit anderen unsere Lebenswelt gestalten. Wo wir das herstellen, was wir zum Leben brauchen und gemeinsam darüber verhandeln, wie wir sie nutzen. Commons sind das, was wir teilen. Ihre Bedeutung erkennen wir meist erst dann, wenn sie verloren gehen.“[2]

Wem Gehört der Himmel? Wem die Stille? Wem das Land?
Früher gab es praktisch in jedem Dorf eine Allmende, ein dem Gemeinwesen zugeordnetes Rechtsgut mit präzise vereinbarten Bewirtschaftungsregeln. Die Allmende ist jener Teil des Gemeindevermögens, das keinen Eigentümer hat und an dem alle Gemeindemitglieder das Recht zur Nutzung haben. Traditionell waren das meist unbewegliche Güter wie Wege, Wald- und Weideland, Gewässer, Brunnen, Dorfplätze (Anger) und Sömmerungsgebiete bzw. Almen mit den dazugehörigen Rechten.

Heute gibt es die Allmende nur mehr selten, weil sie im Laufe der Zeit zu Selbstbedienungszonen der Politik wurden, wenn Industriegebiete, Sportanlagen oder Einkaufszentren geschaffen und oft an den Bestbieter verscherbelt wurden. Welt wird eingezäunt und kommerzialisiert. Was sich in alter Tradition res communes nannte – die uns gemeinen Sachen –, wurde zugunsten der vom Markt organisierten res privatae und der vom Staat bereitgestellten res publicae wenn nicht vergessen, so doch verdrängt und lange Zeit als „Niemandssache“ behandelt. Luft und Wasser sind prominente Beispiele für solche Gemeingüter, die uns allen gehören und um die sich im globalen Rahmen niemand wirklich kümmert. Auch die wilde Beschallung, Plakatierung und Besetzung öffentlicher Räume durch Produktwerbung kann als Übergriff auf etwas gelesen werden, das Niemandes Sache mehr ist.

Und wie geht die Umsetzung?
Im regionalen Kontext haben wir die Chance, uns darauf zu besinnen, was in den Begriffen immer schon angelegt war. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre, die Begriffe mit einem anständigen Fetzen zu polieren, damit sie wieder glänzen und die freigelegten Bedeutungen uns wieder die Richtung weisen. Gemeinde. Allmende. Gemeinwesen. Auch die Idee der „Genossenschaften“ mit ihrem verstaubten Image gehört historisch dazu. Denn wenn man dorthin zurückblickt, wo sie entstanden ist, im größten Baumwollkomplex Schottlands Mitte des 18. Jahrhundert, dann erkennt man darin die verzweifelte Suche nach Selbsthilfe gegen die Ausbeutung des Menschen im Zuge der Industrialisierung. Nicht zufällig haben die Vereinten Nationen 2012 zum „Internationalen Jahr der Genossenschaften“ erklärt.

Gemeingüter bilden das Fundament unseres Wohlergehens. Wie begegnen ihnen jeden Tag, treffen sie an vielen Orten und nutzen sie. Und doch bleiben sie weitgehend unsichtbar. Sie sind keine bestimmte Klasse von Dingen. Sie verkörpern vielmehr einen Zugang zur Welt und zu den Dingen und verlangen Achtsamkeit und eben diesen Fetzen in der Hand.

Während öffentliche Güter dem Staat eine starke Rolle zuweisen, bedürfen Gemeingüter vor allem mündiger, verantwortungsvoller Bürger. In einer Kultur der Gemeingüter leben heißt, das Leben in die eigene Hand nehmen. Und dafür Sorge tragen, dass wir uns die Regeln für unsere Zusammenleben nicht länger von Börsenkursen und einer menschenfeindlichen Wirtschaft vorschreiben lassen. Dass dies besonders im regionalen Kontext möglich ist, sollte Hoffnung geben.

Und hoffen lernt man bekanntlich dadurch, indem man handelt, als sei Rettung möglich.[3]

 

[1] Patrick D. Cowden: Neustart. Das Ende der Wirtschaft, wie wir sie kennen. Ab jetzt zählt der Mensch!
[2] Brigitte Katzwald, Commons Expertin, http://blog.commons.at
[3] Dieser Text wurde für die zweite Ausgabe der Zeitschrift GANGART geschrieben, einem von ALMBLITZ begleiteten Community-Projekt in Abtenau.

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