Vertrauen, und wie die Spieltheorie dazu so manches erklären kann

John Gottman, einer der Pioniere der Paarforschung, nennt als grundlegendes Prinzip für eine funktionierende Langzeitbeziehung -Vertrauen-. Er muss es wissen, hat er doch tausende Paare in seinem Labor über Jahrzehnte beobachtet und analysiert. Durch Untersuchung von Kommunikationsstil, Biorhythmus und körperlichen Reaktionen hat er eindeutige Muster ermittelt, welche über die Qualität von Beziehungen tiefen Einblick geben. Wie Menschen in schwierigen Zeiten oder in Konfliktsituationen miteinander umgehen, dazu gibt es die unterschiedlichsten Strategien – alle mehr oder weniger erfolgreich. Jedoch ohne eine solide Basis an Vertrauen sind all diese Strategien vergebene Liebesmüh.

Zugegeben, eine Paarbeziehung ist ziemlich weit entfernt von den Strukturen in Unternehmen. Jedoch, Beziehungen gibt es in einem sozialen Konstrukt, welches eine Unternehmensorganisation letztlich darstellt, eine ganze Menge. Und, da diese im globalen Zeitalter kürzer und sprunghafter werden, ist es essentiell diese auf eine möglichst solide Basis zu stellen. Sei es die Kundenbeziehung, die Beziehung eines Kunden zu einem Produkt, die Beziehung eines Mitarbeiters zu einer Führungskraft oder die Beziehung zwischen Kollegen in Teams und teamübergreifend. Eine solide Basis für Langzeitbeziehungen, das gilt auch hier, bedarf -Vertrauen-.

Wie im Blog-Beitrag „The Soft Edge“ bereits formuliert, ist damit Vertrauen auch einer der wesentlichen Faktoren in langfristig erfolgreichen Unternehmen.

Plastisch wird die Frage nach dem Vertrauen im Rahmen einer Eskalation. Der Mathematiker John von Neumann formulierte 1944 erstmals Theorien zur Spieltheorie. Diese wurden vor allem im Verlauf des kalten Krieges vertieft und erweitert. Klar war damals, dass, egal wie, ein Atomschlag für alle letztlich tödlich endet. Die daraus entstandenen Theorien haben die ersten Abrüstungsgespräche begleitet und unterstützt. Zentrale Erkenntnis dieser Studien ist, dass sich der „Payoff“ oder der Gewinn für einen Spieler kurzfristig betrachtet erhöht, wenn dieser nur auf den eigenen Vorteil schaut. Langfristig erhöht sich jedoch der Gewinn für beide, wenn der Vorteil des Gegenspielers mitgedacht wird und das Vertrauen entgegengebracht wird, dass der Gegenspieler diese Strategie mitspielen wird. Dies geht davon aus, dass viele klassische „Spiele“ keine reine Sieg oder Niederlage Spiele sind, sondern über einen längeren Zeitraum gespielt eine Menge an Optionen bieten.

In Unternehmen gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten „kleine Siege“ zu erringen. Welche Siege sich langfristig lohnen, hängt jedoch sehr vom Maß an entgegengebrachten Vertrauen ab und davon, wie sehr dieses Vertrauen auch berechtigt ist. -Misstrauen- bedeutet in diesem Zusammenhang die Erwartung, dass sich zunächst der Gegner ändern muss. Dies bedeutet im Umkehrschluss eine Manipulation des Gegenübers. Vertrauen meint umgekehrt die Bereitschaft, zum Wohl des Gegners das eigene Verhalten zu ändern, was zugegebenermaßen nicht immer leicht fällt.

In unseren Gehirnen gibt es so etwas wie einen generellen „Schalter“, der entweder auf -Vertrauen- oder auf -Misstrauen- in gepolt. Es wird uns nicht gelingen und es wäre auch nicht sinnvoll, den Schalter permanent auf -Vertrauen- zu stellen. Wir können nur versuchen, die Zeit, in der der Schalter auf -Vertrauen- steht, zu erhöhen.

Spannen wir einen großen Bogen vom kalten Krieg zum Mikrokosmos Kaffeehaus und betrachten wir die Beziehung zwischen Kellner und Gast. Der Gast hat einen großen Handlungsspielraum, dem Kellner entweder misstrauisch zu begegnen, auf die kleinen Schwächen zu achten und einen Grund zu finden, kein Trinkgeld zu geben.

Kellner

Alternativ kann sich der Gast dem Kellner vertrauensvoll mit einem Lächeln zuwenden. Vielleicht wird dieses nicht nur erwidert, sondern auch mit einer freundlichen Eröffnung belohnt. Er kann sich der positiven Dinge erfreuen, des Dufts des Kaffees, der knusprigen Croissant, der Ruhe im Lokal. Und er wird am Ende guten Mutes Trinkgeld hinterlassen. Der Kellner wird es sich merken und beim nächsten Besuch vielleicht schon von sich aus mit einem Lächeln starten. Auch wenn er vielleicht von berufswegen ein (zumindest in Wien) grantiger Kellner ist.

Der Familientherapeut Karl Tomm spricht in diesem Zusammenhang von „pathologisierenden interpersonalen Mustern“ und „heilenden interpersonalen Mustern“. Das pathologisierende Muster wäre der Kellner, der kein Trinkgeld erhält und daher beim nächsten mal noch unfreundlicher ist und wieder kein Trinkgeld bekommt. Wichtig ist, diese Kreisläufe bzw. Muster zu erkennen und zu versuchen, sie mit einer kleinen Investition an Vertrauen zu durchbrechen.

Der Soziologe Niklas Luhmann geht soweit, dass er Vertrauen als wesentlichste Komponente sieht, um in sozialen Interaktionen Komplexität zu reduzieren. Ich vertraue darauf, dass mich ein Taxifahrer zum gewünschten Ziel bringen wird, ohne aufwändige Gegenchecks durchzuführen. Es wird Orte und Zeiten geben, wo dies nicht funktioniert. Dennoch macht es ohne Vertrauen kaum Sinn, sich je wieder in ein Taxi zu setzen.

In unserer vielfach projektbezogenen Arbeitskultur ist dies essentiell geworden. Arbeitsgruppen müssen umgehend mit Projekten beginnen, mitunter ohne sich je vorher gesehen zu haben. Wenn in Unternehmen Misstrauen herrscht, wird dies kaum gelingen.

Sowohl der Kellner als auch der Gast können den „pathologisierenden“ Kreislauf durchbrechen. Ob es sich lohnen wird, ist ungewiss, aber einen Versuch ist es Wert!

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