Geschichte als Bewegung

Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er für sein Leben hält. (Max Frisch)

Schreiben

So mancher Hirnforscher meint, unser Ich sei eine neurobiologische Illusion. Ist dann so etwas wie das wahre Ich, mein Original, überhaupt real existent bzw. möglich?

Breiten Konsens gibt es unter Sozialforschern, dass unser Ich letztlich nur ein Konstrukt ist, welches im sozialen Kontext entsteht.

Jedenfalls ist das Echte, das Authentische heute mehr gefragt denn je. Oder zumindest das, was wir davon zeigen wollen. Dies gilt für Einzelpersonen im selben Maß wie für Unternehmen, wie Ulrich Schnabel es in einem aktuellen Artikel der Zeit „Mein wahres Gesicht“ sehr fein zusammenfasst.

Es herrscht eine Sehnsucht nach Echtheit in der heutigen schnelllebigen Zeit. Eine Sehnsucht nach einer stabilen Identität. Wenn die Welt sich schneller bewegt, lechzt die Seele nach einer soliden Basis, um nicht abzudriften.

Aber gibt es so etwas wie eine Kern-Identität eines Ichs? C.G. Jung war einer der ersten, der psychologische Grundeigenschaften des Menschen beschrieben hat. Introvertiert versus Extrovertiert, Entschlossen oder eher zurückhaltend, um nur einige zu nennen. Diese sind im Erwachsenenleben erstaunlich stabil. Sind wir daher festgelegt? Vielleicht sogar machtlos uns selbst gegenüber? Die Psychologen Franz Neyer und Judith Lehnart bringen Bewegung in die Frage:

Wir ändern uns, weil wir uns den Anforderungen des Lebens anpassen. Und wir bleiben, wer wir sind, weil wir dies auf die uns eigene Art und Weise tun.

Die Tatsache, dass unser Ich ein Konstrukt ist, welches aus sozialen Kontexten genährt wird, birgt eine riesige Chance. Jedes Konstrukt kann auch dekonstruiert und rekonstruiert werden. Keine Sprengung oder Abriss von Gebäudeteilen, aber permanente möglichst stetige Bewegung mit dem Bewusstsein, dass Veränderung stattfindet. Abrupte Veränderungen unseres Umfelds – beruflich oder privat – beschädigen mitunter diese Konstruktion und machen Bewegung notwendig.

Die Harvard Psychologen Daniel Gilbert und Jordi Quoidbach zeigten in einer groß angelegten Studie, dass wir in der Regel meinen, unsere aktuellen Meinungen, Vorlieben und Urteile bleiben konstant. Würde sich sonst jemand den Namen seines Idols tätowieren lassen? Wir sind der Meinung, was wir jetzt als für uns richtig finden, werden wir auch in 20 Jahren noch richtig finden. Bei anderen nehmen wir die Tatsache der Veränderung recht bewusst wahr, nur bei uns selbst will es uns nicht gelingen.

Gerade aber das Bewußtsein über die Veränderung schafft erst die Chance zur Beeinflussung dieser.

Change is a constant process. Stability is an illusion.

So brachte es Steve de Shazer auf den Punkt, einer der Pioniere der Kurzzeittherapie.

Der soziale Kontext prägt das Ich. Die Bedeutung, die ich einem bestimmten sozialen Kontext beimesse, anders gesagt, wie ich das Verhalten eines Freundes, Partners, Kollegen, Mitmenschen werte, hat unmittelbaren Einfluss auf mich selbst. Dies erfordert natürlich auch Mut, sich selbst in diesen sozialen Kontext einzubrignen, und sich nicht als von der Umwelt abgekapseltes Ich zu erleben.

„Ich weiss nicht, ob sie das Produkt in Zukunft noch weiter anbieten wollen“ hörte ich zufällig in einem internen Gespräch zwischen Kollegen einen Produktmanager über das ihm zugeteilte Produkt sagen. Mit „sie“ war das Management des Unternehmens gemeint. Vielleicht ist es im Kontext dieses Unternehmens und im Sinne eines gelebten Understatements richtig, nicht „ich“ zu sagen, aber zumindest ein „wir“ sollten wir doch schaffen. Warum wird es für Mitarbeiter immer schwieriger, bewusst Verantwortung oder zumindest Mitverantwortung in Unternehmen zu übernehmen? Nur durch Verantwortungsübernahme kann auch mitbestimmt werden. Solange wir beim „sie“ bleiben, im Sinne von „das Management wird entscheiden und lenken“, legen wir den Stift beiseite – den Stift mit dem wir die Geschichte selbst (mit-) schreiben können. Führung bedeutet Macht, unbestritten, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Mitarbeiter bauen die Bühne der Mächtigen zumindest mit auf. Dies schafft einen Rahmen für Mitbestimmung.

Das Leben ist eine erfundene Geschichte schreibt Max Frisch. Das leicht sarkastische Zitat zu Beginn schafft Möglichkeiten. Wir haben den Stift für diese Geschichte selbst in der Hand. Durch Eigenreflexion und Bewußtwerdung der Konstruktion dieser Geschichte, bleiben wir in permanenter Bewegung. So wie es uns der Boxer Muhammad Ali alias Cassius Clay vorgemacht hat, als er sich graziös tänzelnd durch den Ring bewegte. Beweglichkeit macht es uns leichter, die eigene Geschichte authentisch zu leben, auf das soziale Umfeld mit einer neuen Leichtigkeit zu reagieren.

Das Selbst ist kein Ding, sondern ein Vorgang. (Thomas Metzger, Philosoph)

Bewegung schafft Geschichte – Geschichte schafft Bewegung. Vielleicht auch eine andere Geschichte, oder eine andere, oder eine andere, …

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2 Antworten zu “Geschichte als Bewegung”

    • Marion, du hast natürlich recht! Aber ich denke, es geht in beide Richtungen. Vor allem im persönlichen Bereich erzählen wir oft eine Geschichte, die andere über uns erzählen. Wir sprechen also in der ICH-Form meinen aber „sie“. Unsere Arbeit besteht im individuellen genauso wie im organisationalen Rahmen, Menschen dazu zu ermutigen, die Autorschaft über ihre Leben zu überwenden. Nicht fremd geschrieben, nicht fremdbestimmt zu werden, – dann braucht man sich auch nicht fremdzuschämen. 😉

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