Sich selbst erzählen: Ich bin bei mir im Werden.

Narrative Arbeit bedeutet, mit den Menschen, die uns vertrauen, ein Stück des Weges mitzugehen. Und das ist nur möglich, wenn wir uns selbst einbringen, involvieren. Einen Raum schaffen, in dem sich Geschichten entfalten können. Deshalb geben wir – inspiriert von Chené Swart – auch von uns selbst etwas preis und zeigen, was in uns brennt. Weil Dialog Nähe verlangt und Nähe nie einseitig hergestellt werden kann. Die Geschichten von uns selbst, die dabei im narrativen Zwiegespräch entstanden sind, sind uns Korrektiv und Reibefläche in einem.

Exemplarisch zeigen diese Dokumente auch einen typischen Verlauf einer narrativen Aufarbeitung. Den Verlauf von einer Problemgeschichte hin zu einer alternativen Geschichte. Der Titel, sowohl der Problemgeschichte, als auch der alternativen Geschichte, hat in der narrativen Arbeit eine wesentliche Bedeutung und wird daher in Anlehnung an einen Buchtitel in Großbuchstaben geschrieben. Zum einen, um die Geschichte (vor allem auch die Problemgeschichte) zu würdigen, zum anderen, um eine Distanz zwischen Person und Problem herzustellen, und so im Sinne der Externalisierung den Fokus nicht auf unumstößliche, weil verinnerlichte Entitäten, sondern Relationen zu lenken, die per se veränderbar sind.


Wenn ich heute zurückblicke auf meine Kindheit, scheint vieles verschwommen, wie mit einem Weichzeichner nachbehandelt. Behütet war ich und doch ein Abenteurer außerhalb des Gartenzauns. Ich war von einem ungeheuren Bewegungshunger getrieben, saß kaum still. Ich erinnere die winterlichen Autofahrten auf dem Nachhauseweg von meinen Großeltern und meinem Traum vom Hängenbleiben im dichten Schneegestöber. Ich wünschte mir sämtliche Katastrophen herbei, nur, um diese Glasglocke zu sprengen, die mir als Kind übergestülpt wurde. Ich wollte kein Kind sein, wollte nicht warten und von den Erwachsenen belächelt werden, war gierig auf das richtige Leben.

DAS VERLORENE RENNPFERD

Heute frage ich mich, was genau lebendig in mir war. Was ich wollte und was nicht. Und warum diese Fragen umso schwerer zu beantworten waren, je älter ich wurde. In der Familie blieb ich irgendwie abgetrennt von meinen Bedürfnissen, hatte keine Lieblingsspeise und keine Lieblingsfarbe. Meine Eltern lebten eine aufopfernde Liebe vor, der ich niemals entsprechen konnte. Sie taten alles für uns und wenig für sich (so wurde es zumindest transportiert) und verstellten mir damit irgendwie den Zugang zu meinen eigenen Bedürfnissen. Ich wollte ihre Lust sehen oder ihren Kampf, wollte Proletarierkind sein oder zumindest verzogener Bohèmien; ich wollte alles außer behütet sein. Abgeschirmt vom Leben und vom Genuss. Mein abwesender, sich in der Arbeit aufopfernder Vater trug seinen Teil dazu bei, dass ich keine Reibungsflächen fand.

So verlegte ich mich aufs Funktionieren und zahlte die Schuld, dass jemand sein Leben für mich hergab, mit guten Noten, die vorausgesetzt wurden. Der Aufbegehrer, der Querulant blieb. Schon in der Schule war ich ein Kohlhaas, der auf die Barrikaden stiegt, wenn um ihn herum oder mit ihm Unrecht geschah.

Auch die Bewegung blieb. Ich war schnell. Und ich war kompetitiv. Ich wollte es allen zeigen. Wusste jedoch nicht, was ES war. Erst viel später habe ich mir meinen Vater zurückerkämpft, indem ich ihn radikal in Frage stellte. So forderte ich die Reibung schmerzhaft ein, die mir lange vorenthalten war. Dieses Nähe Suchen verlief nicht auf geradem Weg. Ich wusste nur, was ich nicht tun wollte. Und das, was ich tat, definierte sich davon als Abgrenzung, als größtmögliche Distanz. Ich wurde kein Straßenbauingenier wie mein Vater, sondern studierte Philosophie und Literatur. Aber ich blieb irgendwie verloren – ein Rennpferd, dem die Laufbahn abhanden gekommen war. Wie das Mädchen im Baum von Silvia Plath (Die Glasglocke), das in der Gabelung steht und  nach oben blickend sich für keinen der Äste entscheiden kann, war ich überwältigt von den Möglichkeiten, die sich mir boten. Nur konnte ich dies in Ermangelung eines Zentrums nicht als Reichtum sehen und schätzen.

Auch die Liebe funktionierte lange Zeit nicht, weil ich ihr Geheimnis in der Selbstaufgabe zu finden hoffte. Sobald ich mich der Intensität eines Gefühls hingab, kam ich mir abhanden. Dass Liebe nur als Opfer funktioniert, war in mir angelegt. Ich reagierte auf Nähe damit, dass ich den anderen bedingungslos und bis zur Selbstverleugnung verstehen wollte – auch, weil es von mir selber und dem weißen Bedürfnisfleck in mir ablenkte.

Ich inszenierte mich in immer neuen Rollen. Nur abseits der Bühne blieb ich verunsichert und hilflos. Ich entschwand mir unter meinen Händen und begann damit zu kokettieren. „Cuando me buscas no estoy, cuando me encuentras yo no soy“ – das Sprachspiel von Manu Chao wurde meine Hymne: „Wenn du mich suchst, bin ich nicht da, und wenn du mich findest, bin ich es nicht.“ Hakenschlagend. Ein Hase, der sich nicht fassen lässt. Bis ich an eine Mauer stieß, eine Wand aus Stein, an der ich nun zerschellen oder mich neu (er-)finden konnte. Es war in den Bergen, eine sternenklare Nacht. Und ich war bereit.

ICH BIN IM WERDEN

Sprache faszinierte mich mein Leben lang. Wie sie Wirklichkeit herstellen und verändern kann. Heute, wo ich eine Erdung fühle, erhält sie eine neue Dimension. Aus dem Fluchthelfer wurde ein Schlüssel, der anderen die Türen ins Möglichkeitenland öffnen kann. Aus dem Torpedo wurde ein Pfeil, der mit Verzögerung abgeschossen wird und jeden Moment auf mich zurückfällt. Aus meiner verschlungenen Lebenskurve ziehe ich meine Verzweigungsexpertise. Und langsam stellt sich Entschleunigung ein. Ich sitze in der Baumgabel, genießend, mit einem Grashalm im Mund, und bin lebendig, indem ich immer neue Geschichten über mich erzähle, im Sitzen reise: „the basis of a story is a fork.“ (José Luis Borgés)

Ob es das Rennpferd noch gibt, fragte mich kürzlich Chené Swart, als wir im Phil, meinem Lieblingslokal in Wien, auf einem endlosen Vormittagskaffee beisammen saßen. Nein, antwortete ich zunächst zögerlich. Und plötzlich war mir klar, dass zwar das Rennpferd weg, der Platz jedoch nicht vakant ist. Es gibt da ein anderes Tier, einen Widder unter einem Baum. Ich begegnete ihm erstmals am Montsant in Katalonien – an einem magischen, von Felsen eingefassten Ort. Wir suchten nach einer Quelle und standen plötzlich vor ihm. Und er? Er blickte mich an und blickte mich nicht an. Er schaute durch mich hindurch. Kauend. Ich spürte seinen Blick und wurde ruhig, weil ich wusste, dass er mich dort sieht, wo ich bin. Seitdem begegne ich ihm immer wieder; an den unmöglichsten Plätzen der Welt.

Lemnos – Jahre später. Ich sitze am Strand und blicke aufs Meer. Stundenlang. Ich spüre den Wind auf meiner Haut und sehe, wie er mit den Wellen spielt. Spüre die Erotik der Wellenbewegung als physische Präsenz. Und wie das Meer mich anblickt. Und ich nicht mehr weglaufen will. Ich bin mir selbst genug.

Ich bin bei mir im Werden.

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