Das fremde Land zwischen Sprache und Diskurs

Strukturalismus und Funktionalismus waren im 20. Jahrhundert die dominanten Strömungen, die die Entwicklung therapeutischer Zugänge bestimmten. Menschliches Verhalten wurde als etwas interpretiert, das – im Falle des Strukturalismus – eine  Bewusstseinsstruktur widerspiegelt, die der Therapeut  mit unterschiedlichen Techniken zu entschlüsseln sucht oder aber – im Falle des Funktionalismus – als Symptom beschrieben, das als Antwort auf eine versteckte Reizung verstanden werden kann. Beide Zugänge zementieren die Rolle des Therapeuten als Experten, der oberflächliche Phänomene und zugrundeliegende Ursachen zusammenbringt und werden reflektiert in einer Sprache, die diese Entsprechung verdoppelt.

Ganz anders der post-moderne bzw. post-strukturalistische Zugang eines Michel Foucault, der Sprache und deren Bedeutungen nicht mehr über isolierte Worte oder Sätze zu ergründen sucht, sondern systemisch diskursiv über ihre Einbettung in soziale Verhältnisse, kulturelle Gepflogenheiten und Machtstrukturen, die im jeweiligen Kontext bestimmen, was gesagt und was nicht gesagt werden kann.

Michael White nimmt diesen Ansatz auf und geht in seiner therapeutischen Praxis noch einen Schritt weiter, indem er die diskursive Einbettung, die Foucault beschreibt, in beide Richtungen denkt:

White’s (1991) narrative view suggests that people constitute discourse and are constituted through discourse. Within this view  people are seen as speaking themselves into existence by inhabiting or performing specific discourse.“ Madigan, Stephen (1992): Discourse not language. The shift from a modernist view of language to the postmodern analysis of discourse in family therapy, in: Dulwich Centre Newsletter 1992, No.1, s.33

Das Erzählte reflektiert nicht etwas, das außerhalb passiert ist oder passiert. Das Erzählte erschafft die Erfahrungen, über die wir sprechen, ist performativ, ereignet sich! Dieser Zugang unterminiert nicht nur den vermeintlich neutralen, weil sich als bloß beschreibend/abbildend deklarierenden Gebrauch von Sprache, er unterminiert auch die vermeintlich stabile Position des Therapeuten/Coach. Als Teil des Diskurses bleibt ihm nichts anderes übrig, als permanent in Bewegung zu sein, die Produktionsbedingungen des Gesagten reflektierend: „Was darf gesagt werden?“, „Wer sagt, was gesagt werden darf und was verschwiegen werden muss?“ und „Wer bestimmt, wie es gesagt wird und wer darüber sprechen darf?“.

Gleichzeitig halten wir als Zuhörende staunend und wertschätzend die Bedeutungen hoch, die der Erzählende aus seiner Tasche zieht. Wir fragen nicht, was noch in seiner Tasche ist. Wir lauschen und sehen, wie sich der Inhalt der Tasche entfaltet. Keine Sophisterei. Keine Metaphysik. Nur Haltung und Praxis und Dialog. Gecoacht wird, was auf den Tisch kommt. Das, was nicht ausgesprochen ist, ist nicht da. Ludwig Wittgenstein hätte seine Freude mit uns:

Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir ‚Käfer‘ nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. – Da könnte es ja sein, dass Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, dass sich ein solches Ding fortwährend veränderte. – Aber wenn nun das Wort ‚Käfer‘ dieser Leute doch einen Gebrauch hätte? – So wäre er nicht der der Bezeichnung eines Dings. Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein. – Nein, durch dieses Ding in der Schachtel kann ‚gekürzt werden‘; es hebt sich weg, was immer es ist.“ Wittgenstein (1977), Philosophische Untersuchungen, s.157 (pt 293)

Es gibt kein Dahinter. Und auch keinen Experten dafür, der das Normale vom Pathologischen unterscheidet. Nichts ist normal, alles wirkt exotisch auf uns. Wir sind Fremde im eigenen Land. Als Ethnologen des Vertrauten widerstehen wir der Übersetzung in unsere eigene Welt. Und wenn wir übersetzen, dann formen wir daraus eine Frage, die zur gemeinsamen Reflexion einlädt.

In diesem Zusammenhang schlagen David Epston und Marcela Polanco vor, den Begriff der Bilingualität für die narrative Arbeit nutzbar zu machen – im Grenzbereich zwischen Sprachen.

Bilinguality offers playful approaches to language by heightening the multiplicity of possible meanings that exist within words…The ways in which people describe the predicaments that they bring to therapy can be seen as a monolingual cultural set of vocabularies with their own rules and grammar. From a ‚bilingual vantage point‘, an anti-language – foreign at first – can be gradually drawn by acknowledging people’s resistance to the effects of the predicament and by building new vocabularies in an alternate culture with its own values, beliefs, practices, traditions and so on. Seen this way, narrative therapy itself enters into a ‚bilingual‘ territory.“ Epston/Polanco (2009): Tales of travels across languages: Languages and their anti-languages, in: The International Journal of Narrative Therapy and Community Work, No.4, s.65f

In dieser zweisprachigen Zone sind herkömmliche Gewissheiten und Regeln außer Kraft gesetzt. Wir beschreiten einen Bereich der Erprobung neuer Bedeutungen, indem wir das bestehende Vokabular exotisieren, und über diesen fremden Blick das Tor in Richtung Plural, in Richtung Möglichkeitenland aufstoßen, das per se mehrsprachig ist; indem wir von der Problemsprache in eine andere, neue Sprache wechseln, die dem entspricht, was wir sein wollen.

Die Fragen, die wir dabei stellen, sorgen für eine Entfremdung, Exotisierung des Feststehenden und öffnen den Raum für neue Bedeutungen.

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