Was ist noch Normal?

Diagnostik und Klassifizierung von Verhaltensweisen, welche offiziell als psychische Erkrankung gelten, werden zunehmend detaillierter. Nach einer US-amerikanischen Studie zufolge erfüllen nach der aktuellen Ausgabe des DSM (Diagnostisches Handbuch psychischer Störungen, welches auch das in Europa übliche internationale Diagnosesystem ICD-10 maßgeblich beeinflusst) mehr als 80% der jungen Erwachsenen die Kriterien einer psychischen Störung. Wäre es da nicht sehr hilfreich noch etwas präziser zu werden, um die 100% zu erreichen? Wenn wir alle offiziell als verrückt gelten und eine klar differenzierte Diagnose dafür erhalten, würde die brutale Wirkung, die eine psychiatrische Diagnose oftmals auslöst, mitunter verblassen. Dies wäre sehr im Sinne des Familientherapeuten Karl Tomm, der die Diagnostik des DSM bereits in den 80ern ob seiner festschreibenden Wirkung kritisierte.

Eine Person mit Schizophrenie wird beispielsweise als „Schizophrener“ bezeichnet, ein Mensch mit einer zwanghaften Störung als „zwangsneurotisch“. Als erstes tun dies die Experten, dann die Familienmitglieder, die Freunde, die allgemeine Öffentlichkeit und schließlich die „Patienten“ selbst.  Der Prozess der Etikettierung gibt den Anstoß zu permanent stigmatisierenden Mustern sozialer Interaktionen im Netzwerk menschlicher Beziehungen, in dem der so Etikettierte eingebettet ist. Jemand, der einmal von Experten als „Schizophrener“ etikettiert wurde, wird in seinem sozialen Beziehungsnetz nie wieder wie vorher behandelt. (Karl Tomm in „Die Fragen des Beobachters“)

Marcela Polanco, Psychologin an der Lake University in Texas bringt diese Kritik anhand einer Geschichte in ihrem TED-Talk auf den Punkt:

Als sie zu einer ihrer ersten Patientin fährt, um einen Hausbesuch zu machen, vergisst sie die „wichtige“ Regel, vorab die Krankengeschichte zu sichten. Dieser vermeintliche Fehler eröffnet ihr eine völlig unvoreingenommene Sicht auf die 4-jährige Sophia. Sie erlebt ein kreatives aufgewecktes Mädchen, welches ihr von traumatischen Erlebnissen in der Schule und in der eigenen Familie erzählt. Diese offene vertrauensvolle Art und Weise, mit der Sophia ihr begegnet, war nur möglich durch die nichtsahnende Neugier, die sie als Therapeutin mitbrachte.

Auch wenn der Brückenschlag weit gefasst ist, und in Unternehmen traumatische Erlebnisse nicht unbedingt an der Tagesordnung stehen, darf man sich fragen, welche Wirkung Festschreibungen in Organisationen bewirken. Balanced Scorecards, Leistungsbeurteilung, Potentialanalyse, diverse Controlling Instrumente wirken letztlich immer auch als Festschreibung von Teams und einzelnen Personen. Auch hier lässt sich eine ähnliche Tendenz erkennen. Die Diagnosewerkzeuge werden zunehmend raffinierter und differenzierter und verkommen vielfach zum Selbstzweck und zur selbst erfüllenden Prophezeiung. Sie bewirken am Ende das Gegenteil des ursprünglichen Ziels – uns zu motivieren.

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