Verbotene Fragen im neuen Jahr

Wir beschäftigen uns mit Unternehmenskultur, weil sie für das Verstehen und die Entwicklung von Menschen und Unternehmen essentiell ist. Das Tückische dabei: Kultur passiert nicht nur auf der sichtbaren Ebene – als das, was wir anziehen, wie wir hausen, uns verhalten und uns nach außen hin präsentieren. Sie wirkt vor allem auf einer meist unsichtbaren Ebene – der Gefühle, Glaubenssätze, Voreinstellungen und impliziten Regeln, die darüber entscheiden, was gesagt werden darf und was nicht und auch, was gefragt werden darf und was nicht.

Dabei sind diese impliziten Regeln und Glaubenssätze – Peter Senge nennt sie Mental Models – nicht per se schlecht. Sie können nur gefährlich werden, solange sie unreflektiert unter der Oberfläche lauern. Sie schlagen dann zu, wenn wir es am wenigsten brauchen, wie folgende Geschichte zeigt. In einer Kultur, die auf Fehlern, Schwächen und Verboten basiert, die unser Denken und Handeln bestimmen, kann es mitunter von Vorteil sein, die Fragen, die sich aufdrängen, nicht zu stellen.

P1010319

Es war einmal ein Dorf, das lag am Rande eines weiten Gebirges. Die Menschen, die dort lebten, waren sehr verschieden, doch teilten sie ein Gerücht. Das Gerücht von einem Mann, der in den Bergen lebt und die Fähigkeit besitzt, Steine zu Gold zu verwandeln.

Eines Tages beschließt ein junger Mann, dieser Geschichte auf den Grund zu gehen – trotz aller Warnungen vor der Gefährlichkeit der Berge und der Fragwürdigkeit des Gerüchts, das er so hartnäckig eine Geschichte nannte.

Nach Wochen des Umherirrens kommt unser Held an eine höhlenartige Behausung, aus der ein hagerer alter Mann tritt, als er sich ihr nähert. Ohne Umschweife fragt der junge Mann den alten: „Bist du der Mann, der Steine zu Gold verwandeln kann?“ Und der Alte antwortet unerwartet klar mit einem: „Ja, ich bin es.“ Vorsichtig tastet der junge Mann sich weiter vor: „Das ist bestimmt eine höchst komplizierte Sache, die nicht oder nur schwer zu erlernen ist!“ „Nein, es ist ganz leicht,“ entgegnet der Alte nicht minder unerwartet. Alles hatte der junge Mann versucht zu antizipieren: den Mann nicht zu finden, an seiner Verschwiegenheit zu verzweifeln oder aber an seinen Forderungen zu zerbrechen. Jetzt stand er vor ihm und alles schien plötzlich einfach. So einfach, dass sich Misstrauen in ihm regte. Doch er hatte letztlich keine Wahl, als alles auf eine Karte zu setzen und an sein Glück zu glauben. Ermuntert durch die Geradlinigkeit des Alten fasst sich der junge Mann ein Herz und bittet ihn, sein großes Geheimnis zu verraten.

Und zu seiner allergrößten Überraschung breitet der Alte, nachdem er sich hingesetzt hat, das Geheimnis vor ihm aus: „Zuerst musst du dir einen Stein suchen. Es muss ein Stein sein, der dir entspricht. Wähle ihn sorgsam aus und zögere nicht, wenn du ihn gefunden hast. Dann begib dich auf den Gipfel des nächsten Berges, der dir angemessen erscheint, und warte auf den Vollmond, um dort auf der Spitze des Berges ein Feuer zu machen. Wenn du dann in der Vollmondnacht in der Stunde nach Mitternacht den in das Feuer wirfst, wird sich dieser zu Gold verwandeln, bevor der Morgen graut.“

Der junge Mann bedankt sich viele Male und macht sich auf den Weg. Den Stein hat er bald gefunden und auch den Berg. Er setzt sich auf den Gipfel und wartet auf den Vollmond. Er wartet und kommt ins Grübeln. „Was, wenn er etwas vergessen hat?“ „Konnte das wirklich alles sein?“ „Alles geht so leicht und ohne Hindernisse.“ Als seine Zweifel mit jedem Tag zunehmen und an seinem Gemüt nagen, beschließt er, noch einmal zu dem Alten zurückzugehen und ihn zu fragen, ob er eventuell etwas Entscheidendes vergessen hat.

Als er zu Höhle kommt, tritt der hagere Alte heraus und begrüßt ihn so freundlich wie beim ersten Mal. „Meister“, beginnt der junge Mann etwas verlegen: „Ich habe alles getan, so, wie ihr es mir gesagt habt und doch beschleicht mich seit Tagen das Gefühl, dass ich irgendetwas vergessen habe.“ Der Alte hört sich die Ausführungen des jungen Manns an und versichert ihm, dass er alles richtig gemacht hat. Doch dieser lässt sich nicht beruhigen. Er ist so von der Angst besessen, etwas falsch zu machen, dass er beim Gehen noch einmal stehenbleibt, sich umdreht und seinen Zweifel in eine letzte Frage gießt: „Meister, eine letzte Frage: Gibt es irgend etwas, das ich in dieser Vollmondnacht auf keinen Fall tun sollte?“

Der Alte lässt sich lange Zeit und betrachtet den jungen Mann nachdenklich. Dann gibt er ihm die Antwort, die er nicht geben wollte: „Ja, da ist etwas, was all deine Bemühungen zunichte machen könnte. Denke in dieser Nacht auf keinen Fall an einen weißen Bären.“

By:

Posted in:


3 Antworten zu “Verbotene Fragen im neuen Jahr”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: