Ärmel hoch. Die Zukunft der Arbeit

Soeben ist sie erschienen, die neue gangart – unsere Zeitung zur Regionalentwicklung im Tennengau. Wir sagen bewusst Zeitung und nicht Magazin, weil wir keine oberflächenpoliertes Hochglanzformat sein wollen, sondern Lesestoff im besten Sinn des Wortes: leichtfüßig, tiefgründig und mit einer Nähe zu den Menschen. Wir wollen Medium sein, in dem sich eine Region selbst erfährt und über sich nachdenkt; das Entwicklungen möglich macht, beschleunigt, aber auch hinterfragt.

Die Coverstory zur neuen Nummer, die sie hier auch online lesen können, widmet sich der Zukunft der Arbeit und ruft uns provokant entgegen: ÄRMEL HOCH!

zukunftarbeit

Unser Leben verändert sich. Und unsere Arbeit tut es auch. Wir befinden uns an einer Epochenschwelle, am Übergang vom Industrie- ins Informationszeitalter. Viele meinen, dass dabei kein Stein auf dem anderen bleibt. Aber was heißt das konkret? Und was ist passiert, dass plötzlich alle von der neuen Welt der Arbeit reden?

„Sie können ein Auto in jeder Farbe haben, Hauptsache es ist schwarz.“

Dieser berühmte Satz aus dem Mund von Henry Ford ging in die Automobilgeschichte ein, weil er die Idee der Massenproduktion am Fließband auf den Punkt brachte. Ideal war der Mitarbeiter, der nichts hinterfragte, auf wenige Handgriffe reduziert werden konnte und damit völlig austauschbar war. Parallel dazu etablierte sich das Management dieser Prozesse als die Disziplin, die versucht, den Einsatz der „Ressource Mensch“ zu rationalisieren und Produktivität am besten mit der Stoppuhr in der Hand zu vergleichen.

Das war die alte Arbeit, die der Logik der Fabrik gehorchte. Dass sie noch heute in unseren Köpfen spukt, zeigt sich darin, dass wir den Menschen und seine Individualität immer noch gerne als Störfaktor begreifen, als Sand im Getriebe der reibungslos laufenden Maschine.

Und die neue Arbeit? Sie beginnt in dem Moment, in dem wir begreifen, dass es heute nicht mehr darum geht, schnell angelernte Arbeitskräfte ein paar wenige Handgriffe wiederholen und möglichst effizient ausführen zu lassen; dass der Erfolg von Unternehmen heute davon abhängt, inwieweit Mitarbeiter selbständig Probleme lösen und im Umgang mit Kunden Mehrwert schaffen; und dass man Kreativität, Engagement und Qualität eben nicht mit der Stoppuhr messen kann.

Wer Abläufe aus Gründen der Effizienzkontrolle bis aufs Kleinste vorgibt, wird niemals überrascht werden. Auch nicht von Ideen und Innovationen. Zumal Kontrolle sogar für gegenteilige Effekte sorgt, weil der Kontrollierte seine kreative Energie im Normalfall dazu nutzt, das Messsystem auszutricksen – und damit die grün blinkende Bewertungsampel (Scorecard) wichtiger wird als der zufriedene Kunde. Aktuelle Studien belegen, dass mehr als 80% der Mitarbeiter in Unternehmen nur mehr Dienst nach Vorschrift machen und ihr Gehalt als Schmerzensgeld begreifen – für eine Arbeit, die keinen Sinn macht.

Spielräume statt Arbeitsplätze

Wir können einfache Dinge kontrollieren, aber nicht, wann der Geist abhebt und schöpferisch wird. „Deshalb“, so schreibt der Glücksforscher Wolff Horbach, „lassen kluge Unternehmen ihren Mitarbeitern Spielraum für eigene Ideen und Projekte.“

Der Einwand, dass es hier um Arbeit geht und nicht um das Glück des Einzelnen, ist leicht zu entkräften. Denn dieses Entweder-Oder gibt es nicht mehr. Es geht um beides. Arbeit muss nicht wehtun, um Arbeit zu sein. Arbeit darf, Arbeit soll Spaß machen, wenn sie den ganzen Menschen erreichen will. Weil das Unproduktivste, das sich Unternehmen leisten, demotivierte Mitarbeiter sind, die ihre Arbeitszeit an angenagelten Schreibtischen absitzen wie verhaltensauffällige Schüler.

„Behandle deine Mitarbeitenden wie Erwachsene, dann verhalten sie sich auch so. Je mehr Freiheiten du ihnen gibst, desto produktiver, zufriedener und innovativer werden sie.“

So lautet der Leitspruch von Ricardo Semler, der 1982 seine Rockkarriere an den Nagel hängte und das marode Maschinenbauunternehmen seines Vaters in Sao Paolo/Brasilien übernahm. Er entließ in kurzer Zeit die Hälfte der Manager, reduzierte die Hierarchiestufen von zwölf auf drei, führte kurze Entscheidungswege ein, verzichtete auf Anwesenheitspflicht im Unternehmen und glänzt seit über 30 Jahren allen Prognosen zum Trotz mit Wachstumsraten von jährlich bis zu 40%. Wobei es nicht das Mehr war, das ihn leitete, sondern das Besser. „Vertrauen statt Kontrolle, Partizipation statt Hierarchien, Entbürokratisierung, Selbstverantwortung statt Regeln und Vorschriften“ – was nach der Wunschliste eines realitätsfernen Romantikers klingt, ist das Management-Credo eines Unternehmers, dem der Erfolg recht gibt.

Solche Entwicklungen passieren natürlich nicht alle auf einmal, von heute auf morgen und auf der grünen Wiese. Die Freiheiten, die Mitarbeiter in Organisationsversuchen wie Semco S/A erfahren, müssen von einer Führungs- und Feedbackkultur flankiert werden, die dem einzelnen Sicherheit und einen Rahmen bietet, den er für seine Entfaltung braucht. Ohne Vertrauen geht da natürlich gar nichts. Aber wer Vertrauen gibt, wird Engagement ernten. So einfach ist das. Das widerspricht zwar der stillschweigenden Grundannahme des klassischen Managements, dass Menschen Arbeit vermeiden, wo immer dies ihnen möglich ist, funktioniert aber in der Praxis bestens. Übrigens: Das Argument, dass es Menschen gibt, die dieses Vertrauen ausnützen, ist fehl am Platz, weil es betriebswirtschaftlich einfach keinen Sinn macht, eine Organisation nach solchen Härtefällen auszurichten.

Folgerichtig definiert Wolf Lotter Vertrauen als „die Fähigkeit, nicht auf seinen schlechten Erfahrungen sitzen zu bleiben“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf.

Die Nadel im Datenhaufen

Wer kreative Prozesse ermöglichen will, muss für inspirierende Rahmenbedingungen sorgen. Rahmenbedingungen, in denen Ideen blühen und geteilt werden. Die Motoren für die neue Arbeitswelt heißen Mobilität und Zusammenarbeit. Sie sorgen dafür, dass wir uns heute beinahe von überall und jederzeit miteinander verbinden und Informationen teilen können; dass wir am Land wohnen und für ein Unternehmen in der Stadt arbeiten können, ohne jeden Tag mit dem Auto hin- und herzuhetzen. Mobilität in diesem Sinne ist ökologisch verträglich und bedeutet, dass wir im Sitzen reisen können. Sie hat etwas mit Wendigkeit zu tun und beginnt bestenfalls im Kopf. So kann es passieren, dass Mitarbeiter sich über Zeitzonen hinweg die Hand geben, wenn sie zur Arbeit kommen und durch Bildschirme an der Wand das Gefühl haben, nebenan zu sitzen, obwohl ein ganzer Ozean sie trennt. Die technologischen Rahmenbedingungen sind heute gegeben. Unser Planet sieht mittlerweile aus wie ein großer Wollknäuel aus Glasfaserkabeln, die von Robotern am Meeresgrund verlegt werden.

Das ist die eine, technologisch getriebene Seite. Wir beobachten aber auch hier Gegentendenzen – wie eine Renaissance des Lokalen und der kurzen Distanzen, die Wiederentdeckung des Handwerks, die umweltsensible Produktion von Lebensmittel oder die homöopathische Begleitung von Rindern – selbst dort, wo wir es nicht vermuten. Da erzählt ein Venture-Kapitalist im Silicon Valley, der Hochburg der digitalen Arbeit, dass er in kein Start-up investiert, zu dem er nicht mit dem Fahrrad fahren kann; weil für ihn räumliche und persönliche Nähe entscheidend ist –wohlgemerkt, um digitale Modelle zu entwickeln, wo Menschen immer weniger eine Rolle spielen. Alles Gleichzeitig. Alles Nebeneinander.

Digitale Enthaltsamkeit

Dass Technologie ist in diesem Zusammenhang nicht nur Segen, sondern Fluch zugleich ist, zeigt sich exemplarisch am für das neue Zeitalter typischen Berufsbild des Wissensarbeiters, dessen Aufgabe es ist, Informationen zu sammeln, zu verdichten und zu teilen. Dieser Wissensarbeiter sitzt mittlerweile jedem von uns auf der Schulter wie ein digitaler Vogel, der nicht genug kriegen kann – in unterschiedlichen Ausprägungen natürlich. So glauben wir, das Überangebot an Information nur dadurch in den Griff zu kriegen, dass wir immer mehr Dinge gleichzeitig erledigen – und ertappen uns täglich in Situationen, in denen wir vergessen haben, was wir gerade tun oder sagen wollten. Wurden früher Menschen auf einen Handgriff reduziert und damit an das Fließband gefesselt, halten die digitalen Medien uns heute im Multitasking-Strom gefangen, um jede kreative Nachdenklichkeit im Keim zu ersticken.

In einer Welt, in der Information eine Droge ist, die niemals glücklich macht, wenn man sie hat, nur unglücklich, wenn man sie nicht hat, wird die neue Welt der Arbeit auch darüber entschieden, ob wir uns als echte Wissensarbeiter begreifen oder vielmehr Informationsjunkies sind, die jeder Neuigkeit hinterherhetzen und niemals satt werden; und ob wir trotz aller Zerstreuungen auch immer wieder in den Modus der Kontemplation zurückfinden, aus der Oberfläche des Multitasking in die Tiefe der Kreativität, die nur dann möglich ist, wenn wir uns Zeit geben und entschleunigen.

„Gleichzeitigkeit ist das Ende allen Sinns, weil ich dann nirgends ganz dabei bin. Der Anruf, der reinkommt, ist wie eine Zurückweisung dessen, was gerade dabei ist, sich zu entfalten“-

meint der Exitenzanalytiker und Psychotherapeut Günter Funke in seinem Vortrag beim „Smart Afternoon zur neuen Arbeit“ – und dem ist nur hinzuzufügen, dass es auch eine Zurückweisung ist, wenn Menschen dauernd auf ihre Ding (mobiles Endgerät) starren, wenn sie mit einem sprechen. Was in einer konkreten Situation Information ist und was störendes Geräusch, muss immer wieder neu ausverhandelt werden – solange es die Off-Taste gibt, mit der man abschalten und sich in digitaler Enthaltsamkeit üben kann. Wer von seinen Mitarbeitern hingegen die permanente Erreichbarkeit fordert, braucht sich nicht wundern, wenn diese dabei verbrennen und sich in den Burnout verabschieden.

Weil jedes Unternehmen anders und Menschen verschieden sind, lebt auch die neue Welt des Arbeitens von der Vielfalt der Persönlichkeiten, Arbeitsstile und Szenarien, die sie unterstützt. Dementsprechend gibt es weder einen Universalschlüssel noch ein Patentrezept. Man wird individuell, situationsbezogen und immer wieder aufs Neue entscheiden müssen, welcher Mix einem gut tut, was zerstreut und was produktiv hält. Das ist ein anhaltender aber durchaus lustvoller Balanceakt, weil Menschen und Wissensarbeiter im Speziellen eben nicht nur Orte der Begegnung und der Kooperation brauchen, sondern auch Orte des Rückzugs und der Konzentration. Und weil dieser Mix für jeden anders ist, sind diese Arbeitswelten umso gelungener, je vielfältiger und offener sie sind.

Die Verflachung der Welt

Als Thomas L. Friedman im Jahr 2005 im indischen Bangalore die Menschen besuchte, die das Telefon abheben, wenn wir die Service-Nummer unserer Bank des Vertrauens wählen, sah er seine These bestätigt, dass die Erde längst zum globalen Dorf geworden ist, in dem jeder mit jedem kommunizieren, in Wettbewerb treten oder auf vielfältige Art zusammenarbeiten kann – über System-, Plattform- und Unternehmensgrenzen hinweg. Dank dem PC als Massenmedium, dem World Wide Web auf Basis Glasfaser und einer neuen Software-Generation, die man für ein paar Euro im Monat mietet statt kauft, können hunderte Millionen Menschen heute das tun, was die Computer seit langem versprechen: „plug & play“, anstecken und loslegen.

Und wie sie es tun! In Bangalore genauso wie in Dalian, einer Stadt nordöstlich von Peking mit 22 Universitäten und mehr als 200.000 Studenten, werden heute jene Arbeitskräfte ausgebildet, die schon morgen im Zuge einer globalen Auslagerung und Umschichtung unsere Jobs übernehmen können, ohne auf eine Aufenthaltsgenehmigung angewiesen zu sein. Das ist die andere Seite der neuen Arbeitswelt: dass nicht nur wir von überall arbeiten können, sondern eben auch andere.

Die Arbeit und das Leben

Wohin die Reise geht, ist ungewiss. Die digitale Maschine läuft auf Hochtouren. Sie nimmt uns immer mehr die Arbeit ab oder weg, wie man es sehen will. Das ist weder gut noch schlecht. Die entscheidende Frage, die nicht gestellt wird, ist, welche Tätigkeiten wir der Maschine überlassen und welche wir für uns beanspruchen, weil sie uns als Menschen ausmachen. Zur Zeit ist jedenfalls so, dass wir das tun, was die Maschine (noch) nicht kann. Und warten. Ob das genug ist, um nicht über kurz oder lang endgültig den Verstand zu verlieren?

Die Zeit neuer Arbeits- und Lebenswelten ist gerade erst angebrochen. Es gibt viel zu entdecken und viel zu lernen. Für Organisationen genauso wie für den Wissensarbeiter, der Informationen anreichert, verdichtet, vernetzt und zirkulieren lässt. Der Wissensarbeiter ist kein Wissender. Er ist ein Lernender. Das Gute daran: Wer lernt, bewegt sich, steht nicht still.

Fest steht, dass die Rede von der Work-Life-Balance Unsinn ist. Alles muss Platz haben im selben Marmeladeglas. Denn warum um alles in der Welt soll die Arbeit plötzlich nicht mehr zum Leben gehören, wo wir dort doch einen Großteil unserer Zeit verbringen? Und warum lassen wir uns in ihr so behandeln, als wären wir kleine Kinder, die keine Entscheidungen selbst treffen können? Wer Freiheit will, wird Selbstverantwortung übernehmen. Die gehören nämlich zusammen, wie die Arbeit und das Leben.

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Eine Antwort zu “Ärmel hoch. Die Zukunft der Arbeit”

  1. Ja, wenn wir nur wüssten, wo die Reise hingeht! Leider sind heute keine echten Vordenker zu bemerken, solche wie z.B, Huxley oder Jules Verne.Was haben wir denn von den klugsch… Ökonomen, oder falschen Propheten, die uns die Zukunft in 100 Jahren voraussagen, aber keinen Wahrheitsbeweis antreten müssen
    Nehmen wir nur unseren gesunden Hausverstand her, er leitet uns besser und sicherer als alle Futurologen. Kreativität allein ist nichts, wenn sie nicht mit Disziplin gepaart eingesetzt wird. Und noch was:
    Die meisten Menschen brauchen eine gute Führung, ja sie wollen sie auch. Die Telente sind ungleich verteilt, ungerecht aber wahr. Lob denjenigen, die diese Ungleichheit achten und damit menschlich handeln.

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