Käfig voller Affen. Über die Natur der Veränderung von Kultur, Teil 2

In der narrativ orientierten Arbeit fokussieren wir darauf, wie Menschen in autonomer Selbstorganisation ihr Erleben konstruieren und dabei bestimmten Wahrnehmungsmustern (Regeln!) folgen, um dieses aufrechtzuerhalten. Wir machen Erfahrungen und interpretieren diese Erfahrungen in Form von Geschichten. Dann machen wir neue Erfahrungen und überprüfen, ob sie mit unseren narrativen Interpretationen übereinstimmen; und korrigieren diese Interpretationen bei Bedarf. Diese Schleifen verfestigen sich im Normalfall dergestalt, dass die Erfahrungen, die wir machen, den Interpretationen, die wir über die Welt haben, immer ähnlicher werden. Das ist die individuelle Seite. Gleichzeitig gibt es so etwas wie ein kulturelles Repertoire an Geschichten, auf die wir gerne zurückgreifen, wenn wir Erlebnisse interpretieren. Es gibt also immer auch eine Wechselwirkung, bei der unsere individuellen Konstruktionen auf Umgebungskontexte einwirken und umgekehrt. Das heißt, dass diese Muster und Regelungen äußerlich und innerlich zugleich sind, dass sie auf das selektive Erleben der Beteiligten einwirken und von diesem Erleben wiederum Impulse erhalten. Wir sehen die Welt so, wie wir sind.

Was das heißt? Dass Bedeutungen und Identitäten niemals auf der grünen Wiese entstehen, sondern dieser Vorgang der Bedeutungs- und Identitätskonstruktion immer eingebettet ist in einen kulturellen Zusammenhang. Es gibt kein Außerhalb der Kultur, genauso wenig wie es ein Außerhalb des Diskurses gibt. Die Formen, in die wir unsere Geschichten gießen, werden von der Kultur, in der wir leben, geformt. Ein Zirkel, der nicht durchbrochen, sondern nur reflektierend angereichert gemacht werden kann. Wenn wir Geschichten verinnerlichen, entsteht Identität. In diesem Sinne hat das ICH keinen Wesenskern, sondern ist ein Vorgang, in dem wir uns abstimmend auf unsere Umwelten erzählend immer wieder neu erfinden. Die Tatsache, dass unser Ich ein Konstrukt ist, das sich aus sozialen Kon-Texten nährt, ist aus narrativer Sicht keine Enttäuschung, sondern eine riesen Chance. Weil jedes Konstrukt de- und rekonstruiert und damit von uns gestaltet werden kann. Wir können die Geschichten, die wir über uns erzählen, jederzeit neu schreiben.

Diese Gestaltung beginnt in dem Moment, in dem wir unsere Aufmerksamkeit auf den Plural und die Möglichkeiten richten, die uns offenstehen, und nicht länger versuchen, die Nuss zu knacken, die wir uns selber sind. An dieser geben sich der narrative Zugang und die hypnosystemische Arbeit von Gunther Schmidt die Hand, der seinen Ansatz ebenso auf einem multiplen Persönlichkeitsmodell gründet, das besagt, dass wir ununterbrochen nicht nur zwischen verschiedenen Erlebnismustern, sondern auch zwischen verschiedenen Persönlichkeitsentwürfen entscheiden. Und dass diese Prozesse der Aufmerksamkeitsfokussierung so tief gehen, dass damit nicht nur Emotionen, Wahrnehmungsweisen und Absichten aktiviert werden können, sondern körperliche Reaktionen. Er illustriert dies mit einem psychologischen Experiment,

„in dem Gruppen gebildet wurden, bei denen die Teilnehmer homogene Voraussetzungen mitbrachten, u.a. auch hinsichtlich ihrer körperlichen Befindlichkeit. Einer der Gruppen wurden Wörter zum Thema „Alter“ angeboten, aus denen Sätze formuliert werden sollten. Anderer Gruppen bekamen Wörter mit der gleichen Aufgabe, aber zu anderen neutralen Themen. Untersucht wurde aber nicht, wie viele Sätze gebildet wurden, sondern wie lange die jeweiligen Mitglieder der diversen Gruppen brauchten, um nach Verlassen des Raums, in dem der Test stattgefunden hatte, den langen Flur bis zum Ausgang des Gebäudes zu gehen. Dabei stellte sich heraus, dass die Gruppe, die Angebote (also ein Priming) zum Thema „Alter“ bekommen hatte, signifikant länger brauchte für den Weg als die Vergleichsgruppen, obwohl alle Beteiligten körperlich genauso gut in Form waren.“ Gunther Schmidt (2013): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung, s.54

Diese „Einladungen zur Fokussierung von Aufmerksamkeit“ – wie Gunther Schmidt diese Hypnose-ähnlichen Prozesse nennt – werden im Alltag durch Feedbacks begleitet, mit denen Systeme dafür sorgen, dass ihre Glaubenshaltungen und Regeln stabilisiert werden. So passiert es in der Realität oft wie von alleine, dass Denken, Fühlen und Verhalten des Einzelnen systemadäquat ausgerichtet werden, obwohl jeder prinzipiell ein autonomes System darstellt, das zu keinem Verhalten gezwungen werden kann.

 „Wenn ein Beteiligter aus der Sicht der anderen zu sehr von diesen Regelungen abweicht, wird er eventuell sehr heftiges, ja sogar schmerzliches Feedback dafür bekommen – oder besonders lohnendes, wenn er Beiträge liefert, die als sehr dienlich für das System angesehen werden. Auch heftigstes schmerzliches Feedback muss niemanden dazu veranlassen, die als gültig gehandelten Regeln zu befolgen, ebenso kann sich jemand gegen noch so lohnendes Feedback abgrenzen. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit werden unter diesen Feedbackbedingungen die meisten Beteiligten diese Fokussierungseinladungen damit beantworten, dass sie ihre Wahrnehmungen selektiv ausrichten auf alles, was diese Systemregelungen bestätigt … Die geeichte Induktion führt zu einem Bewusstseinszustand, aus dem wieder ein Verhalten hervorgeht, das genau diesen Bewusstseinszustand bestätigt.“ Gunther Schmidt (2013): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung, s.56f

Damit sitzen wir mitten im Affenkönig. Was wir vor uns haben, ist ein auf den ersten Blick geschlossener Kreis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Zumindest nicht, solange wir glauben, dass es darum geht, besser die Leiter emporklettern zu können.

Kultur ist das Wasser, das uns wie Fische von allen Seiten lückenlos umschließt. Sie wirkt grundlos als implizites Regelset, das bestimmt, was gesagt werden darf und was nicht, was gefragt werden darf und was nicht, und letztlich was erlaubt ist und was nicht. Deshalb beginnt Kulturveränderung nicht mit Schwimmtraining, sondern mit Reflexion – damit, dass wir metaphorisch das Wasser kosten, in dem wir schwimmen. Praktisch müssen wir dabei wie Fische aus dem Wasser herausspringen, um es wahrzunehmen. Dieses Spiel der Distanzierung von unserem angestammten Element nennen wir Reflexion. Als Coaches und Veränderungsbegleiter unterstützen wir diesen Prozess, indem wir staunend und wertschätzend die Bedeutungen hochhalten, die der Erzählende aus seiner Tasche zieht. Wir fragen nicht, was noch in seiner Tasche ist. Wir lauschen und sehen, wie sich der Inhalt der Tasche entfaltet.

Karl Tomm bringt dies folgendermaßen auf den Punkt:

Change occurs as a result of alterations in the organization and structure of the family’s (and/or organization’s!, Anm.d.Verf.) pre-existing system of meanings. Given this formulation, the basic mechanism of change is not insight, but reflexivity … (it’s all about) activating the reflexivity among meanings within pre-existing belief systems that enable family (and/or organization!, Anm.d.Verf.) members to generate or generalize constructive patterns of cognition and behaviour on their own.“ Tomm, Karl: Interventive Interviewing: Part II, s.5

Den ersten Teil dieser Serie finden Sie übrigens hier!

Und den dritten Teil dieser Serie finden Sie hier!

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