Ich bin viele. Auszug aus einem philosophischen Dialog über die Wahrheit, die in den Geschichten liegt.

W: Wer narrativ arbeitet, muss sich auf so etwas wie ein multiples Persönlichkeitsmodell einlassen. Wenn wir sagen, dass wir die Geschichten sind, die wir über uns erzählen, heißt das auch, dass wir uns als Pluralität begreifen, indem wir immer wieder neue Geschichten schreiben. Das bedeutet, dass wir diese Geschichten eben nicht als Versionen der einen wahren Geschichte begreifen, die es über uns gibt. In diesem Sinne untergräbt der narrative Zugang den auf Singularität getrimmten Wahrheitsdiskurs, der ein Diskurs der Macht ist.

Illustration: Gérard Dubois
Illustration: Gérard Dubois (www.gdubois.com)

S: Für mich gibt es zwei verschiedene Dimensionen. Da gibt es zum Einen so etwas wie die Essenz, die DNA, die das Wesen der Person ausmacht. Und dann gibt es ganz viele unterschiedliche Geschichten und Variationsmöglichkeiten, die gelebt und erzählt werden.

W: Die Frage ist, ob du so etwas wie einen Wesenskern voraussetzt, wenn du von Variationsmöglichkeiten sprichst? Variation ist immer Variation von etwas, das sich durchzieht.

S: Ja genau. Und das brauchst du ja in dem Moment, wo es um Identität geht. Wenn du sagst: „Das ist meine Geschichte“ – dann schreibst du ja etwas fest. Meine Frage ist, was von dieser Identität auf der Wesensebene und was auf der Geschichtsebene passiert?

W: Ich würde sagen, du kommst auf die Ebene gar nicht, die du Wesensebene nennst. Warum? Weil ich glaube, dass Identität ein Vorgang ist und keine Entität meint, so wie du das nahelegst. Es gibt ihn nicht den Wesenskern. Es gibt keine kleine Nuss, die in dir drinnen ist und „S“ heißt.

S: Doch, die gibt es. Ich spüre es.

W: Ich schwäche ab: Es könnte durchaus sein, dass es diesen Wesenskern, diese Nuss gibt. Das ist für mich gar nicht entscheidend. Was ich sagen will, ist, dass dieser Wesenskern, diese unveränderliche Entität, nicht relevant ist für unsere Arbeit. Weil ich narrativ davon ausgehe, dass wir uns über die Geschichten, die wir über uns erzählen, erschaffen. Es ist so wie mit dem Wittgenstein’schen Käfer in der Schachtel: Durch ihn kann man kürzen. Jeder trägt so eine Schachtel mit einem Käfer mit sich herum, kann aber nur den sehen, der in seiner Schachtel sitzt. Nun könnte es sein, dass jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hat oder sich der Käfer andauernd ändert. Das tut nichts zur Sache. Entscheidend ist, wie wir über ihn im Dialog sprechen.

S: Da kann ich jetzt nicht mit. Für mich gibt es da einfach verschiedene Ausdrucksformen. Das ist wie Spiritualität und Religion. Ich glaube daran, dass es etwas Göttliches gibt, andere tun das nicht, und dann gibt es viele verschiedene Religionen, die Geschichten darüber erzählen, wie das aussieht. Für mich ist nicht eine wahrer als die andere, die haben alle ihren Wahrheitsgehalt. Aber es gibt dahinter eben etwas …

W: Aber das ist ja keine Glaubensveranstaltung, die wir anbieten.

S: Natürlich nicht. Es ist eine Analogie. In der Person gibt es diese Nuss. Du kannst mir viele Geschichten erzählen: Aber zusammen fügen sie sich zu einem Bild von dem, was du für mich bist. Ich entwickle also durch die Geschichten, die du über dich erzählst, so etwas wie ein Gefühl für dich als Mensch. Ein ganzheitliches Gefühl für dich, so wie ich dich erfahre.

W: Exakt – wie du mich erfährst. Und der nächste erfährt mich wieder anders. Und es ist wunderschön, dass du mir erzählst, dass du ein Gefühl dafür hast, was ich für dich ausmache. Aber – tut mir leid – das bin nicht ich. Und genau darum geht es. Es ist ein philosophischer Punkt, in dem wir uneins sind.

S: Natürlich will ich mir nicht anmaßen, dass ich dich in deiner Vollständigkeit wahrnehme. Und trotzdem gibt es zum Beispiel im Unternehmenskontext die Geschichte, die ein Unternehmen ausmacht. Und es gibt Archetypen, die kann ein Unternehmen nicht ablegen. Weil die Geschichten, die sie transportieren, auf einer tieferen Ebene passieren.

W: Guter Punkt. Nur Kultur im Unternehmen ist immer Lokalkultur, ist immer gebunden an Personen, Interaktionen, wie man miteinander umgeht und wie gemeinsam Bedeutungen konstruiert werden. Ich glaube, es ist ein Humbug, von der großen Unternehmenskultur zu sprechen. Da sind wir dann bei den Vision-Statements, die überall gleich klingen. Da gibt es keine relevanten Unterscheidungen mehr. „Wir sind unseren Kunden verpflichtet …“

S: D’accord. Kultur sind die Geschichten, die Menschen im Unternehmen miteinander teilen. Und trotzdem gibt es noch einmal einen Unterschied zur Identität. Weil bei der Identität des Unternehmens spielen auch so Dinge wie der Gründungsmythos eine Rolle.

W: Klar und das ist auch eine Geschichte …

S: Aber eine Geschichte, die ein bisschen tiefer geht als die anderen. Ich erlebe immer wieder die vielen Geschichten, die im Horizontalen wabern und sehe, dass in dem Moment, in dem es um Identität geht, eine Vertikale ins Spiel kommt, es noch einmal tiefer geht. Und hier geht es in die DNA.

W: Also bei den unterschiedlichen Ebenen bin ich total bei dir. Wie ich überhaupt glaube, dass es zwischen uns viel mehr Gemeinsamkeiten gibt als Unterschiedlichkeiten. Ich tue mir nur dort schwer, wo etwas festgeschrieben wird. Weil dieses Festschreiben unbeweglich macht und der narrative Zugang ein Zugang der Dynamisierung ist. Ein Zugang, der nicht Fenster schließt, sondern Fenster aufstößt. Ich glaube an die Bewegung – das ist mein Katechismus.

S: Aber das tue ich auch. Ich bewege mich ständig. Mein ganzes Leben ist Veränderung. Aber was mich durch diese ganzen Veränderungen getragen hat, war ein Gefühl, dass es da etwas gibt, das sich durchzieht. Was in mir tief drinnen stabil ist.

In effect, well-oiled patterns of observation encourage our brains to compose a story that we expect to hear.“ Robert Burton, M.D., neurologist and novelist, in: Where Science and Story meet.

W: Schön, wenn du dieses Gefühl hast. Ich würde es dir nie nehmen wollen, versteh mich nicht falsch. Aber die entscheidende Frage ist ja nicht, ob etwas in dir stabil ist oder nicht. Die entscheidende Frage ist, ob das, was du glaubst, in dir drinnen zu spüren, unsere Arbeit im Storywork wirklich tangiert. Ich glaube, dass die meisten Menschen mit Geschichten leben, die nicht die ihren sind. Denen sagt eine Kultur, die von außen über sie gestülpt wird, wie man sein muss, wie man denken und sich bewegen muss. Und wenn du sie fragst, wer sie sind, antworten sie mit diesem von außen über sie verhängten Klischee bzw. Stereotyp: „Ich bin halt ein fauler Hund, das weiß ich eh. Ich krieg nichts auf die Reihe.“ Aber das ist nicht ihre Geschichte. Sondern eine Geschichte, die von außen tausend Mal über sie erzählt wurde. Genauso wird Kultur wirksam.

Und was wir nun in unserer Arbeit machen, ist, diese Menschen zu motivieren, dass sie immer neue Versionen ihrer eigenen Geschichte erzählen, dass sie zu Autoren ihrer eigenen Geschichte werden, und dadurch immer wieder neue Möglichkeiten für sich finden zu agieren. Denn wenn sie einfach eine Geschichte, die ihnen äußerlich war, durch eine Geschichte ersetzen würden, die aus ihnen kommt, könnte es ja sein, dass sie auch mit dieser neuen Version irgendwann einmal an eine Wand fahren. Das Wichtigste an diesem Vorgang der Selbst-Autorisierung ist die Erfahrung der eigenen Gestalt- und Veränderbarkeit. Dass sie eben nicht mehr an einer Geschichte leiden und im schlimmsten Fall daran zugrunde gehen, sondern ihre Identität aktiv aus Geschichten schaffen und knüpfen. Und von diesem Webstuhl nicht mehr aufstehen.

S: Bin bei dir. Nur geht es bei der Arbeit mit Unternehmen nicht nur darum, neue Geschichten zu finden und zu erfinden, sondern auch so etwas wie narrative Wurzeln freizulegen. Es geht nicht nur um die Veränderung, es geht immer auch um das Bewahren.

W: Ich glaub, jetzt hab ich dich. Danke. Gebe dir Recht. Das Bewahren ist ganz wichtig, weil es um die Wertschätzung dessen geht, was funktioniert. Im Prozess brauchen wir beides: das Umschreiben und das Bewahren. Diese Ambivalenz jederzeit zu erzeugen, ist Aufgabe des Coaches. Wir treffen keine Entscheidung. Wir schaffen den Freiraum und den Entfaltungsraum, in dem der Kunde/das Gegenüber seine Entscheidungen treffen kann.

S: Und um Entscheidungen treffen zu können muss er/sie seine wahre Geschichte berühren. Er/sie muss das erschließen, was in ihm brennt. Nicht mehr nicht weniger. Lassen wir den philosophischen Diskurs über die Essenz mal beiseite. Die Geschichte THE NAKED TRUTH erzählt davon; dass beide nur miteinander zu haben sind.

W: Diese Geschichte berührt mich zutiefst. Auch, weil sie mir zeigt, dass der philosophische Diskurs keine Bleibe bietet. Am Ende holt uns die Kultur in unseren persönlichen Geschichten ein, über die sie sich wiederum formiert. Sie liefert uns die Muster, wie wir die Geschichte anlegen. Und da bleibe ich vorsichtig – egal, wie „vorhersehbar“ diese daherkommen.

By:

Posted in:


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: