Wasteland

Im Jänner stolperte ich über Wasteland, einen Artikel in brandeins. Er beginnt mit folgendem Satz: „Ich halte das Internet nicht mehr aus und wie die Menschen sich darin präsentieren und was das mit mir macht.“ Und er endet kurz nach diesem: „Es ist wirklich Wasteland. Man sitzt da und guckt zu wie bei einem Unfall.“ Während der Autor dieser Sätze am Ende einsehen muss, dass er das Gegenteil von Wasteland, die Stille, noch viel weniger ertragen kann als den Müll, über den er sich beklagt – wir schreiben wohlgemerkt das Jahr 2016 –, gehe ich mehr als 18 Jahre zurück zu einem Text, den ich 1997 als Beitrag für ein Buch schrieb, dem es darum ging, das Internet, das gerade mal zur Tür hereinspaziert war, eine breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Mein Text von damals heißt noch immer so – „Die Menschmaschine“ – und ist heute von eine Aktualität, die mich Erschaudern lässt. Sind Sie bereit? Für eine Reise zurück in die Zukunft? Hier ist sie – ungekürzt. Viel Spaß beim Lesen!

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Knapp daneben, 1

”Ich wache auf. Die Nacht ist zu Ende. Ich habe geträumt. Die Erinnerungen an den Traum vermischen sich mit dem, was ich sehe. Habe ich nicht auch deshalb den Wunsch, ihn zu erzählen, um mich von ihm zu befreien, ihn vom übrigen abzugrenzen, den Tag deutlicher zu machen? Doch während ich ihn erzähle, löst er sich auf. Dabei gab es doch etwas, das mich verblüfft hat, an dem ich die Meinen am Frühstückstisch hätte teilhaben lassen wollen. Offensichtlich habe ich es schlecht angefangen. Es waren nicht die richtigen Sätze, nicht die richtige Reihenfolge. Die Wörter haben mich im Stich gelassen. Man müsste noch einmal von vorn anfangen. Es ist keine Zeit mehr, ich weiß nicht mehr, ich habe keine Lust mehr. Ich hatte wunderbare Sachen angekündigt: es war komisch, es war so schrecklich, es war so schön … Alle sind enttäuscht, es bleibt die Frustration.” (Michel Butor, Die unendliche Schrift).

Michel Butor ist Schriftsteller. Seine Gedanken kreisen um das Problem des Erzählens. Er hat etwas erlebt, indem er träumte, etwas Wunderbares, wie er sagt. Und weil er ein Schriftsteller ist und kein Maler, ist ihm die Sprache Werkzeug und Medium, das ihn beflügelt und mitunter im Stich lässt. Die gelungene Formulierung ist imstande, die Grenze von Tag und Nacht aufzuheben, die Logik des Traums in der linearen Folge eines Satzes neu zu schaffen. Michel Butor ist ein schwieriger Mensch. Er zerrt Dinge ans Licht, die ihm unter der Hand sich verflüchtigen, er verwirft ganze Absätze, weil die Reihenfolge nicht stimmt und er glaubt, dass es beim Schreiben um eine Art von Befreiung geht. Michel Butor ist Schriftsteller.

Im Zeichen des digitalen Codes sind aus den Erzählungen Skripte geworden, die halb Text halb Apparatprogrammierung für Unterhaltung sorgen und den ”melancholischen Abschied von der Literatur” besiegeln. ”Skripte sind die Art, wie die Schreibenden das sinkende Schiff verlassen. … Wer Skripte schreibt, hat sich der Bildkultur mit Haut und Haar übergeben. Die (bildermachenden) Apparate saugen immer gieriger die Geschichte in Form von Skripten in sich auf” (Vilém Flusser, Die Schrift), um sie in unzähligen neuen Variationen zu komputieren.

Heute weisen Programmierer die Schriftsteller in die Schranken, denn weil die Bilder des digitalen Codes allgegenwärtig sind hat Wissen nur mehr wenig mit Erinnerung zu tun und beinahe nichts mehr mit einem Geheimnis auf dem Hut. Wenn die dunklen Flecken von der Landkarte unseres Wissens verschwinden, ist das Maß aller Dinge die Effizienz, mit der wir die Informationen verarbeiten. In einer entzauberten, mit Zeichen überladenen, lichtdurchfluteten Welt droht der Geist zu erlahmen, bricht der Stachel des Geheimen, Dunklen, Nichtgewussten. Dem Zeitalter der Aufklärung folgt die Welt der Abgeklärten, die – an allen Ecken und Enden erschlossen – geschichts- und widerstandslos an den Bildern kauen; weil ein bloßes Mehr an Information nicht die Handlungen wird ersetzen können, die auszuführen wir versäumt haben und Daten selbst nie zur kritischen Masse werden. Oder etwas konkreter, wie Peter Glaser es formuliert: ”Keinem Computer wird jemals, nachdem er zwanzig Jahre lang Western gesehen hat, an einem Abend im Mai plötzlich auffallen, dass er während der ganzen Zeit nie einen Indianer mit Bart gesehen hat.” (Peter Glaser, 24 Stunden im 21. Jahrhundert).

Mit der Erfindung der Rechenmaschinen gelingt das Auffüllen der Intervalle, welche der Zahlencode in die Linearität des Buchstabendenkens und die Geschichte riss. Das elektronische Weltdorf wird zusammengehalten vom Verbundnetz aus Energie und Information, in dem jede Bedeutung und jeder Sinn digital vermittelt wird – als endlose Abfolge von 0 und 1. Im Bann des digitalen Codes wird sogar die Leerstelle ein Teil der Information, die simultan und unabhängig vom Standpunkt des Betrachters verfügbar gemacht wird. Wenn die weißen Flecken von der Landkarte unseres Wissens verschwinden, ist die entscheidende Frage nicht mehr, woher die Informationen kommen, sondern wie man nicht von ihnen überollt wird. In einer Situation des Informationsüberangebotes gewinnt die Selektion eine entscheidende Bedeutung. Wie wählt man aus, wie stellt man sich sein persönliches, medienunabhängiges Informationsmenü zusammen. Den Leerläufen und Redundanzen, die das Internet bereithält, kann nur der Positives abgewinnen, der diese Arbeit nicht nur an ihrer Effizienz misst, der weiß, dass sich Bewusstsein nicht laden lässt.

Knapp daneben, 2

Wir lauschen zur Zeit einer neuen, großen Erzählung namens Internet. Sie handelt von der Entstehung einer neuen Welt, in der sich die Bewohner von ihren räumlichen und zeitlichen Koordinaten befreien und in einer virtuellen Online-Community miteinander kommunizieren. ”Online” ist Funktionsweise und Lebensgefühl in einem, das hinter der Verheißung der globalen Verbindung auf uns wartet: ”get connected” ist die mythische Aufforderung unserer Tage, in der sich der Traum einer neuen Einheit selbst erzählt. Anders jedoch als beim klassischen Mythos, in dem Sprache noch magisch mit den Dingen verwoben war, ist hier von einer Einheit die Rede, die versucht, dem in der Medienvielfalt einheitsstiftenden globalen Netzwerk aus Computern eine soziale Utopie unterzujubeln. ”Spezifisch für den Mythos Internet ist dabei die Tatsache, daß er die Entstehung einer zukünftigen Welt so erzählt, als hätte sie bereits stattgefunden.” (Stefan Münker, Cybermythen). Es scheint, als ob das Zwischenspiel der Postmoderne nur dazu da war, Raum zu schaffen, für das universale Phantasma einer neuen Welt der telematischen Netze – Hypermoderne oder Frühscheinzeit, wie Peter Glaser sie nennt.

In Japan wächst eine neue Generation heran, für die das ”Global Village” kein Thema ist. Ihre Vertreter werden Otaku genannt, was im Japanischen eine sehr distanzierte Form der Anrede bedeutet. Die Otaku bevorzugen kleinste Informationshäppchen und meiden jeden körperlichen Kontakt. Sie verfügen über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und hassen Zusammenhänge. Sie leben in künstlich geschaffenen Informationsnischen und kommunizieren ausschließlich über ihr Fachgebiet. Die Otaku leben in der Welt der Medien als dem Reich der unaufhörlichen Produktion wie Fische im Wasser. In Japan ist alles Zeichen und Information: man nährt sich von Information, und man kleidet sich in Information. Die Otaku bilden ein Interface, durch das jeder Inhalt hindurchgehen kann, ohne eine Spur zu hinterlassen. Man lässt sich den linken Arm bräunen, um zu signalisieren, daß man ein prestigeträchtiges importiertes Auto fährt – mit dem Lenkrad auf der linken Seite. Die Otaku unterscheiden nicht zwischen Belebtem und Unbelebtem. Sie behandeln Menschen wie Dinge und Dinge wie Menschen. Sie sind dem Fetisch der Information verfallen. Sie haben die Neigung fett zu werden, tragen lange Haare, T-Shirt und Jeans. Ob das ausreicht, im Cyberspace den Verstand zu behalten?

Wir leben einen Großteil unserer Zeit außerhalb unseres Körpers und sind unsere eigenen Doubles und Kopien. Wir hetzen von einer Homepage zur anderen und sind letztlich getriebene Hunde der Versprechung, die hinter jedem neuen Link auf uns wartet. Wir suchen unser Heil in der Bewegung und messen die Qualität einer Homepage an den Links, die sie bereithält, um schnell wieder von ihr fortzukommen. Eine Position zu haben, scheint weniger wichtig, als schnell in eine andere wechseln zu können. Was wir dabei übersehen, ist, dass sich die Sehnsucht nach diesem Ganzen und die Angst vor der Vereinzelung gegenseitig bedingen. ”Das größte Problem, mit dem sich die Gesellschaft auseinandersetzen muss, ist die Des-Integration ihrer Bürger, die stattfindet, während diese das Internet bewohnen und über die Interfaces in den Datenraum zu entschwinden beginnen.” (Roy Ascott, Die Ästhetik des Erscheinenden) Angesichts einer theoretisch uneinholbaren Komplexität und der sich jeder Systematik entziehenden Unübersichtlichkeit des Internet ist der Entwurf einer neuen Einheit, die uns der Mythos erzählt, nur ein Trost für jene, die diesen Trost nicht brauchen.

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Dass das Internet kein Zentrum besitzt ist mittlerweile zum Gemeinplatz geworden. Es wird von überall gespeist und dementsprechend sieht es aus. Rhizomartig, zerfranst, uneinheitlich. Vergleiche mit der realen Welt drängen sich geradezu auf. Das Internet ist wie eine Stadt: mit guten und schlechten Geschäften, mit heruntergekommenen Bars und exklusiven Clubs. Man sagt, das Internet ist eine Welt für sich – eine Welt im Format eines Hypertextes, eines nicht enden wollenden Zusammenhangs der Verweisung. Und wie in einer Stadt wird man auch im Internet schnell müde, weil man nirgendwo zur Ruhe kommt. ”Städte waren die ersten künstlichen Umwelten, die von den Menschen geschaffen wurden und in denen sich neue Organisations-, Produktions-, Kommunikations- und Wahrnehmungsformen herausbildeten.” (Florian Rötzer, Stadt am Netz) Alles stand plötzlich unter einer neuen Qualität der Verdichtung und der Beschleunigung: Innen und Außen, Vergangenes und Zukünftiges verschmolzen in einer für viele bedrohlichen Allgegenwart. Doch während es sich gezeigt hat, dass selbst in den Städten die Hinterhöfe als Orte des Rückzugs überdauerten, erscheint das Internet wie eine Stadt, in der aus jedem Fenster eine Fahne hängt. Wenn alles geschwätzig ist, vordergründig und schnell, werden Verlangsamung, Beruhigung und Reduktion wieder Indizien für Qualität. Und manchmal wird der Wunsch unbändig, den Scrollbalken fallenzulassen und sich im richtigen Augenblick zurückzuziehen mit einer Lektüre.

Vorbei die Zeit der fensterlosen Bibliotheken und Archive, wo mehr oder weniger wertvolle Informationen vor sich hindämmerten und langsam verstaubten. Als Internet-Nomaden bewegen (schleppen?) wir uns stolpernd über die unsinnigsten Informationen hinweg – von der ständigen Vor-Angst begleitet, wieder in unsere privaten Lebenszellen zurückzukehren: denn nur als Internet-Monaden fühlen wir uns nicht fensterlos. Angesichts der großen Verheißung dieses öffentlichen Treibens lastet die Privatheit wie ein Fluch auf uns. Wir brauchen Öffentlichkeit, um uns unserer Existenz zu versichern. Und wenn wir selbst nichts an uns spüren, das von öffentlichem Interesse wäre, nisten wir uns ein im öffentlichen Leben anderer oder mieten uns von speziellen Agenturen eigene Fanclubs, die uns bei der Ankunft auf einem x-beliebigem Flughafen enthusiastisch empfangen und um Autogramme bitten. Oder wir suchen uns irgendeine Newsgroup im Internet, wo wir uns wichtig in eine unbedeutende Diskussion einklinken, anstatt einfach nur diesen einen Satz zu wiederholen, der uns auf den Lippen brennt: „Seht her, ich bin da! “

Solange unser Leben privat ist, sind wir nicht. Da leben wir schon lieber ein öffentliches Leben aus zweiter Hand, als an unserer privaten Authentizität zu ersticken. Nur daß sich Öffentlichkeit dabei unter der Hand radikal verwandelt, wollen die wenigsten wahrhaben. Im Zeitalter des Internet wird alles publiziert – das ist ein Teil seines Erfolges. Dieser permanente Publikationszusammenhang hängt wie eine Verheißung über den Werbeabteilungen heutiger Unternehmen. Alle wollen ins Internet, alle wollen dabei sein. Weil das, was früher mit Fußwegen und Knochenarbeit verbunden war, plötzlich ganz einfach kurzschließbar scheint: Kundennähe. Trotz der unzähligen Varianten, in denen uns heute der Traum des universellen Versandkatalogs begegnet, bleibt eine Frage aufrecht: Wer wird jeweils erreicht? Mit dem Internet wurde ein öffentlicher Raum geschaffen, der sich von anderen öffentlichen Räumen grundsätzlich unterscheidet. Informationen, die im Internet publiziert sind, sind noch lange nicht angekommen, nur weil sie potentiell für jeden Menschen, der ein Modem und eine Internet-Adresse besitzt, zugänglich sind. Auch hier wartet Arbeit am Mythos.

Das Internet ist nicht nur dieser ausgezeichnete Ort der Kommunikation, sondern entwickelt sich daneben mehr und mehr zum gesichts- und geistlosen Umschlagplatz von allem und jedem. Einen unfrankierten Brief auf die Straße legen heißt im Normalfall, ihn zu verlieren und ist bestenfalls ein aktionistischer Versuch, einen Text unters Volk zu bringen. Einen Brief aufgeben heißt, ihn einem eindeutigen Adressaten zuführen und nicht, ihn an einem x-beliebigen öffentlichen Ort sich selbst und der zufälligen Rezeption der gerade Vorbeikommenden überlassen. Das hat zu tun mit dem Segen, den E-Mail für viele über den Globus verteilte Beziehungen bedeutet. Hier wird nicht in Echtzeit gesurft, sondern zeitversetzt kommuniziert, hier dominiert nicht die zerstreute Suche, sondern die absichtsvolle Mitteilung. E-Mail bringt Lebensqualität, den Triumph des individuellen Arbeitsrhythmus über den institutionellen. Man kann nur hoffen, dass die neueste Mode der privaten Homepages den Blick auf die E-Mail Adresse nicht verstellen wird. Man kann nur hoffen, daß wir auch weiterhin persönliche Gespräche führen werden, anstatt sie zu publizieren.

Die Frage nach dem Verteiler wird genauer zu stellen sein, wenn das Medium selbst in dieser Frage unbestimmt bleibt. Davor bewahren uns auch keine Search-Engines, so gut und mächtig sie auch sind. Und es scheint wie eine List der Vernunft, daß die bekannteste unter ihnen auf den Namen ”Yahoo” hört. Sie kennen die Geschichte des Gulliver, der am Ende seiner Reisen auf einer entlegenen Insel auf sprechende Pferde, die Houyhnhnms trifft? Auf dieser Insel leben jedoch auch ganz widerliche Kreaturen, die von den Pferden Yahoos genannt werden und den Menschen in vielen Dingen ähneln. Und wie beim Turing-Test ein Mensch von einer Maschine zu unterscheiden ist, müssen die sprechenden Pferde entscheiden, ob Gulliver sich von einem Yahoo unterscheidet oder nicht. Gullivers Nachteil, den die Pferde nicht wahrhaben wollen, besteht nun darin, daß er sich einer Sprache bedienen muß, die nicht die seine ist. Mit diesem Handicap geht Gulliver daran zu erklären, was es heißt, ein Mensch zu sein – und ”je mehr er spricht, desto mehr gerät er in Verwirrung, desto beschämter wird er; immer mehr kommt er zu der Überzeugung, daß er im Grund eines der Wesen ist, denen er zu gleichen scheint – ein Yahoo.” (Hugh Kener, Von Pope zu Pop. Kunst im Zeitalter von Xerox))

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Kennen Sie das Unbehagen, das sich einstellt, wenn man einem unbedarften Freund das Internet durch eine gemeinsame Surf-Initiation näherbringen will? Es verhält sich ein bißchen, wie mit dem eingangs geschilderten Traum: man hat etwas erlebt, man erwischte eine schöne Welle und will diese Bewegung noch einmal durchspielen. Doch plötzlich hat sich der Wind gelegt, man treibt gemeinsam auf einem Brett und wartet auf ein Lüftchen. Alles geht plötzlich unheimlich langsam vor sich, man wippt ungeduldig mit den Füßen und versucht die Zeit zu füllen mit der Erinnerung und der Erzählung von seinen Abenteuern im Netz. Aber eigentlich versucht man sich zu rechtfertigen, warum man soviel Zeit vor dem Bildschirm verbringt, warum dort alles so spannend und ungeheuerlich ist. Die Irritation ist perfekt, wenn einen der Freund von der Seite anschaut, als ob man ein Yahoo wäre oder gar ein sprechendes Pferd. Wie den Unterschied erklären? Spätestens dann ist guter Rat teuer. Man hat das Gefühl zwischen zwei Welten hindurchzufallen und man weiß plötzlich, daß man unsanft landen wird. Keine Information, die hilft. Nur Bewußtsein.

Im Internet findet vielleicht die große Freiheit statt, nur der, der sich hineinbegibt, gibt zuallererst etwas auf, überantwortet sich augenblicklich dem Rhythmus (Takt?) der Maschine. Weil das Zauberwort ”Online” heißt, ist es uns leider nicht gestattet unsere eigene Zeit mitzuführen. Nur so ist die Abhängigkeit von den Leitungen und Übertragungszeiten lustvoll zu ertragen. Das wissen auch die Programmverantwortlichen der Fernsehanstalten auszunutzen: jede drittklassige Show hat mittlerweile seine eigene Homepage, wo versucht wird, den neugierigen Internet-User solange wie möglich zu beschäftigen. Dabei geht es nur den wenigsten um Inhalte, sondern darum, Zeit als das letzte Territorium besetzt zu halten.Durch die Nähe unseres unbedarften Freundes regt sich Argwohn. Wir spüren eine andere Zeit, wenn wir mit ihm auf Reisen gehen und wir spüren diesen anderen Körper, unseren eigenen, der sich als melancholische Verlustmasse zurückmeldet. Und plötzlich ahnen wir, was ”suspense” bedeutet in einer Welt, die nur die Anekdote kennt, den ”surprise”, den Gag. Plötzlich nehmen wir uns wahr als Spur einer Geschichte, der wir nicht entrinnen können.

Michel Butor: ”Mir ist es nicht gelungen, Nutzen aus diesem Traum zu ziehen, ebensowenig ist es mir gelungen, ihn zu beschwören. Er entzieht sich mir und verhöhnt micht. Heimlich kehrt er an einer Straßenbiegung oder während der Lektüre zurück. Er ist eine Erinnerung, die mich verwirrt und mich heimsucht.”

Und er läßt sich nicht scrollen.

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