Mikromanagment oder: Wie man jede Motivation im Keim erstickt

Bevor etwas untergeht, gibt es meist eine Phase des Aufbäumens, des überdimensionierten Auslebens dessen, was zum Untergang verurteilt ist. Das lehrt uns die Geschichte. Als die neue Beschleunigung im Zuge der Industrialisierung immer größere Bereiche der Gesellschaft erfasste und sich anschickte, omnipräsent zu werden, gab es in Paris eine Schildkrötenmode, in der es schick war, Schildkröten als Haustiere zu halten und sie beim Gassi-Gehen flanierend durch die Stadt zu begleiten. Das passierte im Jahr 1838, einen Frühling lang, wie man dem Passagenwerk von Walter Benjamin entnehmen kann, und ward nie wieder gesehen.

schildkroete

Heute ist dieses Industriezeitalter selbst am Untergehen. Und mit ihm ein Managementmodell, das auf Kontrolle, Gehorsam und Gleichschaltung baute. Jeden Tag lesen wir von der Wiedererfindung dessen, was Unternehmen sind und sein können (Fréderic Laloux) und von neuen Führungs- und Organisationsmodellen, die ohne Hierarchie auskommen (Holacracy, Soziokratie, Open Culture). Und weil diese theoretischen Diskurse mittlerweile durch viele Best Practices gestützt sind, sind wir umso erstaunter, wie klassisches Management an vielen Orten noch einmal für kaum denkbar gehaltene Wucherungen sorgt.

Die Rede ist vom Mikromanagement, das allerorts groteske Blüten treibt, und so ziemlich das Niederträchtigste ist, was einem im Unternehmensalltag zustoßen kann. Ich weiß es seit einer Woche aus eigener Erfahrung. Wie schnell es gehen kann, dass man als selbständig denkender Entrepreneur seiner Arbeit und seines Lebens am eigenen Leib erfahren muss, wie ein monströser und bis ins Detail spürbarer Kontrollwahn, jede Motivation und jede Eigeninitiative mit Füßen tritt. Und wie viele, die in den Einflussbereich dieses Management genannten Totalverlust des Vertrauens kommen, auch ich – in diesem hochkarätigen internationalen Projekt – plötzlich eine instinktive Unlust verspürte, die darin unausgesprochen vollzogene Abwertung zu widerlegen. Ich vergaß sozusagen von einem Moment auf den anderen meine angeborenen und nach der Schule nach und nach re-kultivierten Selbstführungsqualitäten, weil ich das Gefühl nicht abstreifen konnte, dass mein Engagement von irgendwo schräg oben sofort aufgenommen, verdaut und „zurechtverbogen“ als neue Anweisung zurückgespielt wird.

Das Gute daran. Der Schock war spürbar, weil das Wasser schnell genug erhitzt wurde. Und der Frosch in mir wurde nicht langsam unbeweglich gemacht, sondern konnte – kurz bevor es kein Entrinnen mehr gab – all seine Kräfte bündeln und herausspringen aus diesem Druckkochtopf namens Mikromanagement, der brodelt und keine Richtung kennt.

Die Schildkröte, die ich mir daraufhin zulegte, erinnert mich nun jeden Tag daran, diesen Mails mit 23 cc’s und 4 Rufzeichen, die versuchen, für jeden Rülpser eine Überschrift zu finden und aus jeder Überschrift einen Task zu formulieren, mit der nötigen Trägheit zu begegnen. Denn im Normalfall ist jede Energie, die dort hineinfließt, nur Energieverschwendung. Und morgen ist ja schließlich auch noch ein Tag.

 

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