Den privilegierten Ort gibt es nicht

Kennen Sie die Situation? Sie betreten einen Raum, in dem Sie erwartet werden und zahlreiche Augenpaare blicken Sie an – erwartungsvolle, skeptische, neugierige, gelangweilte, wohlwollende und weniger freundliche. Als Coach oder Organisationsentwickler sind Sie ein Paradeobjekt für Übertragungen aller Art. Und trotzdem gibt es immer noch viele unserer Zunft, die in einer Art Autosuggestionsschleife sich einzureden versuchen, dass ihre Position eine neutrale bzw. objektive ist; die annehmen, dass die Anwesenheit der sogenannten „Experten“ keinen Einfluss nimmt auf das System, in das sie eintreten.

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Michel Foucault

Das Fatale daran: Je mehr wir unsere Objektivität bzw. Neutralität betonen, umso mehr machen wir uns zu Agenten/Handlangern des dominanten Diskurses und umso mehr re-produzieren wir die Spielformen unserer Auftraggeber. Dabei haben wir nur eine Chance und die heißt Reflexion, die mit dem Offenlegen unserer Positionen einhergeht. Sie ist das Ferment jeder nachhaltigen Veränderung.

We are challenged to break from the sort of practices that obscure our own location, and to find ways of engaging with others in reflecting on how this location might be affecting how we interpret our experiences of other people’s lives . . . ” White (2001, S. 91) … ”that it is never the matter of whether or not we bring politics into the therapy room, but whether or not we are prepared to acknowledge the existence of these politics, and the degree to which we are prepared to be complicit in the reproduction of these politics.” White (2011, S. 49)

Wir spielen eine Rolle, ob wir wollen oder nicht – als Coach genauso wie durch unser Geschlecht, unsere Hautfarbe, unsere Kleidung und unsere Klassenzugehörigkeit. Die Frage ist, ob wir bereit sind, diese zu reflektieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen: Wollen wir bestehende Machtstrukturen, die reduzieren und festschreiben, stärken oder wollen wir die Vielfalt im Raum fördern? Sehen wir es als unsere Aufgabe, eindimensionale Lebensentwürfe zu reproduzieren, oder sollen wir solche forcieren, die komplex (im Sinne von reichhaltig) sind und damit das Material für alternative Geschichten in sich bergen? Ist der Coaching-Raum ein Ort für (allzu) Bekanntes oder einer, wo Neues entstehen und wachsen kann? Wollen wir das Fremde vertraut erscheinen lassen und damit vielleicht entscheidende Dinge verschleiern oder wollen wir das Vertraute mit fremden Augen ansehen, um das ungesagt Mitschwingende – „the absent but implicit“, wie Michael White es nannte – besser zu hören?

To describe one’s life as  a failure requires a distinction between failure und success, and thus an implicit concept of what is to be successful is present. And present also must be a kind of thinking that evaluates life in terms of success and failure, and the criteria for determining success.“ Christoffer Haugaard: Narrative Therapy as an Ethical Practice. In: Journal of Systemic Therapies, Vol. 35, No1, 2016, p 4 (from 1-1 9)

Auch der Text von Christoffer Haugaard, den mir David Epston letzte Woche „zugespielt“ hat, stemmt sich gegen den weit verbreiteten Mythos, dass es in der narrativen Arbeit wie in den anderen Psycho-Disziplinen über den Menschen bloß darum geht, mit einer anderen Art von Werkzeugen in der Hand das Denken umzukrempeln und neu zu ordnen, um Menschen zu verändern und sie damit zu den Objekten unserer noch so gut gemeinten Anstrengungen zu machen.

Der narrative Zugang ist anders. Er ist eine Haltung, die an den Formationsbedingungen der Diskurse kratzt und die sozialen, kulturellen, politischen, ethischen und historischen Kontexte der problematischen Geschichten, in die Menschen sich verstrickt haben, unter die Lupe nimmt. Eine Haltung, die den Prozess der Subjektbildung ernst nimmt, anstatt nach der Essenz/Wahrheit zu suchen, die das problematische Subjekt ausmacht. Letztlich eine Haltung, die im Wettstreit der Diskurse nicht anders als parteilich sein kann und im Dreischritt aus Positionieren, Reflektieren und Gestalten ihre Kraft bezieht.

The intended effect of this ethical work of the narrative therapist/coach on herself in relation to power is to promote visibility, accountability, and mobility. This should decenter the therapist/coach and make her open to question and critique, and it should encourage her to promote diversity, difference, and dynamic power relations. Christoffer Haugaard, ebenda, p 16

Vielleicht ist ihnen aufgefallen, dass das Subjekt in diesem Fall weiblich ist. Jede Form, in die wir uns gießen, ist Teil des Spiels. Nichts ist zufällig, alles hat Gewicht, weil es kein Außerhalb des Diskurses gibt. Es gibt ihn nicht – diesen privilegierten Ort (der Experten), an dem es wir es uns gemütlich machen können. Wir müssen ständig in Bewegung bleiben. Daraus beziehen wir unsere Kompetenz.

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