The sun is still in my eyes

Zwei Menschen begegnen sich. Anfang der 1990er-Jahre im vorgelagerten Meierhof eines Schlosses südlich von Wien. Im Zuge einer Ausstellung. Zwei Biografien beginnen einen neugierigen Dialog. Ein, zwei Sommer lang. Dann treibt das Leben sie wieder auseinander. 25 Jahre später finden sie wieder zusammen – über die hartnäckige Erinnerung an ein Buch, das sie damals teilten (die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiß) und die tiefe Gewissheit, dass Biografien sich er-schreiben lassen.

the-sun

Der eine ist Künstler, der andere ist der andere – das muss reichen. Sie begegnen sich in einer Filmcollage, in der Erinnerung gewordene Lebenserzählungen de- und rekonstruiert werden. Weil es nicht darum geht, sie ins Fixierbad oftmals entlehnter Erinnerungen zu tauchen, sondern aus der phantasierten Erinnerung heraus, neue biografische Möglichkeiten zu entwickeln. Andere alter egos zuzulassen. Türen aufzustoßen zwischen dem Bekannten und dem Erahnten.

Die Personen, die auftreten, sprechen für mehrere Personnagen oder Entwürfe des Künstlers, Regisseurs. Dieser ist ein Beobachter, der als solcher zwar eine Rolle spielt, jedoch keine Stimme hat. Einer unter vielen. Der andere bin ich, der in einer geheimen Parallelmission ebenfalls in seiner Kindheit schürft, Texte liefert und dabei eine Rolle ausfüllt, die wiederum in einer anderen Kindheit spielt. Sie beschreibt eine Haut, die sich über multiple Biographien spannt. Wir teilen uns brüderlich diese Rolle: Alma – ein 15-jähriges Mädchen, das ich niemals war, das mir aber nachträglich die Form verleiht, in die ich mich gieße und verliere.

Es ist dunkel. Exakt eine Minute lang. Jeden Tag, wenn der Zug durch den Tunnel fährt. Ich bin vorbereitet. Weiß, was zu tun ist. In diesem Ausnahmeland. Taste ich mich durch die Zone. Ich spüre mein Herz, wenn ich die Hand an meinen Hals lege. Vieles ist nur im Dunkeln möglich. Wenn niemand dich sehen kann. Wenn alles geheim ist. Das wird mir bleiben. Ein Leben lang. Küche, Zimmer, Kabinett.

The sun is still in our eyes.

Die Uraufführung dieser filmischen Recherche gibt es am 10. Juni im Filmmuseum in Potsdam. Erste noch vage in Szene gesetzte Details dazu hier: https://wilhelmsinger.com/first-draft.html

idee und regie: wilhelm singer
texte: wolfgang tonninger, wilhelm singer
installation: sven werner, wilhelm singer
musik und komposition: guy boldon, wilhelm singer, leon lishner and friends/songs for the dawn of peace/07 – zog nit keynmol
figuren: der beobachter, der vater, die mutter, Alma, die großmutter
darsteller: alma terfort, lily bonnes, ulrike terfort, sven werner, wilhelm singer
kamera: jana käsdorf
recording: guy boldon

 

By:

Posted in:


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: