Eine Weihnachtsgeschichte?

Es ist vier Jahre her und ich erinnere mich an vieles nur noch verschwommen. Damals war mein Töchterchen ein halbes Jahr alt, das weiß ich genau. Und es war kurz vor Weihnachten. In Wien. Am Westbahnhof. So um 17 Uhr.

Der Bahnsteig war leer. Es war Abend. Kurz vor sechs. Keine Menschen. Und auch vom Zug, der uns heimbringen sollte, war nichts zu sehen. Mein Töchterchen war gerade am Einschlafen und so fuhr ich mit dem Kinderwagen in Schlangenlinien immer wieder diese feinen Rillen im Boden kreuzend, die Blinden den Weg weisen, langsam den Bahnsteig auf und ab, weil ich wusste, dass sie diese minimalen Erschütterungen liebte, während sie auf ihren Elefanten stieg, um in den Schlaf zu reiten. Wird schon kommen, dachte ich mir mit meiner kostbaren Fracht und summte ein Liedchen für uns.

Dann fuhr der Zug ein mit einem metallenen Schnauben und spukte Menschen aus, die alle – kaum hatten sie den Bahnsteig betreten – sogleich Fahrt aufnahmen. In Richtung Ausgang. In Richtung Stadt. Ohne zu zögern. Ihr Leben wieder aufnahmen, ohne auch nur eine Masche fallen zu lassen.

hansberndl

thanx to Photographer Hans Berndl: https://www.instagram.com/hansberndl/

Ich war gerade dabei, den Kinderwagen im dafür ausgewiesenen Abteil abzustellen, als ein Mann neben mir stand, der mir bereits am Bahnsteig aufgefallen war. Er war schwankend und irgendwie schief vor einer Wagenstandsanzeige gestanden, mit seinem langen Mantel, den zerbeulten Schuhen und einer soweit verschlissenen Hose, dass ich nicht so recht wusste, wo ich ihn ablegen sollte, als sich unsere Blicke weniger begegneten als streiften. Nun also stand er vor mir und wandte sich direkt an mich, zeigte mit seiner verkrüppelten Hand auf den einzigen Solositz in diesem Waggon und wollte wissen, ob er sich hier hinsetzen könnte. Ich meinte mit einem Lächeln, dass das hier ein Abteil für Eltern mit Kleinkindern und für Behinderte wäre, und demnach dieser Platz für ihn gleichsam reserviert sei. So nahm er Platz. Zögernd. Unsicher. Und gleich nochmal den Schaffner fragend, als er durch unser Abteil ging.

Ich war mit meinem kleinem Mädchen beschäftigt, das gerade aufgewacht war, es waren nur noch wenige Minuten bis zur Abfahrt, als meine Frau pünktlich und mit einem breiten Lächeln das Abteil betrat. Erleichterung. Wir waren komplett. Es konnte losgehen. Wir freuten uns, umarmten uns. Waren ausgelassen? Nicht ganz. Denn das Glück, das wir versprühten, beschämte mich ein wenig – jetzt, wo dieser Mann neben uns saß, der so offensichtlich die andere Seite des Glücks bewohnte. Von uns nur durch einen schmalen Gang getrennt. Und ich fühlte mich gleichzeitig hingezogen zu diesem Menschen, von dem ich nichts wusste, außer dem, was mein taxierender Blick mir zustecken wollte. Er war nicht der adrette Behinderte von Nebenan. Er war von einem nachlässigen Äußeren, hatte lange, schmutzige Fingernägel. Aber seine Augen, die leuchteten, oder bildete ich mir das nur ein, weil ich mein eigenes Glück in diesem Moment nur als strukturelle Schuldigkeit begreifen konnte, die mir irgendwie unangenehm aufstieß.

Wie auch immer – wir kamen ins Gespräch. Ich erfuhr, dass er nur für einen Tag in Wien war und er nicht nur einen Freund besucht hatte, sondern auch eine Miró- und eine Velazquez-Ausstellung, die gerade liefen. Ich erfuhr auch, dass er Ricardo Muti bei den Pfingstfestspielen in Salzburg gesehen hatte und dass er dem Bild der drei Philosophen, das Giorgone Anfang des 16. Jahrhunderts geschaffen hatte, eine eigene Deutung gab. Nicht als Kunsthistoriker, wie er betonte, sondern als interessierter Laie.

giorgone-sw

die Farben zu diesem Meisterwerk gibt es unter diesem Link: https://artsandculture.google.com/asset/three-philosophers/BgHUbgqFqIwtjA?hl=de

Heute ertappe ich mich wieder einmal dabei, dass ich das Bild von Giorgone betrachte und irgendwie auf der Suche bin. Einem Geheimnis auf der Spur. Mein Blick wandert von Gesicht zu Gesicht. Sind es wirklich Aristoteles, Thales und Phytagoras, die auf dem Bild zu sehen sind? Oder ist es nur eine Allegorie, wie der geheimnisvolle Mann damals über den Gang hinweg nahelegte? Ein Spiegel, den der Betrachter auf sich selber richtet? Ich erkenne mich wieder, als der mit dem Zirkel in der Hand, der nur scheinbar das Außen vermisst. Als einen, der sich wehrlos wundert und sich am Wunder verwundet. Glück gehabt. Es war nur ein Streifschuss. Ein ganzes Studium lang.

Als der Zug in Salzburg stehenblieb und wir ausstiegen, hatte ich die Behinderung dieses Mannes beinahe vergessen. Umso schmerzlicher schlug sie mir entgegen, als er sich erhob und nach unserer Verabschiedung am Bahnsteig als Verkrüppelter zurückblieb. Nicht weil er stand, sondern weil er sich in meinem Rücken so langsam vorwärtsschleppte, dass es mir innerlich wehtat. Mich zerriss. „Du bist nicht für ihn verantwortlich“ – sagte eine Stimme in mir, als wir in den Aufzug stiegen und ich überlegte, ob ich mit meinem Fuß für ihn die Tür am Schließen hindern sollte. Ich wusste, dass ich recht hatte, weil mein Leben gerade anderes von mir verlangte. Was ich in diesem Moment nicht wusste, war, wo meine Verantwortung begann, wenn sie begann. Und warum nicht hier, auf dem Bahnsteig – zwischen den Welten?

Wer werde ich sein – in der Geschichte, die ich dir erzähle?

2 Kommentare zu “Eine Weihnachtsgeschichte?

  1. Lieber Wolfgang,
    ich danke Dir für diese Erinnerung und Deine Gedanken. Sie helfen mir, die Idee von Weihnachten in all dem Trubel und der Hetz auf inneren und äußeren Bahnsteigen zu spüren.
    Frohe Weihnacht!

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