querDENKRÄUME

Wir sind heute in der glücklichen Lage, über alles diskutieren zu können. Wir beziehen Position und tauschen sie aus. Bei jeder Gelegenheit geben wir unsere Meinung zum Besten – sozialmedial kompatibel, möglichst pointiert und am liebsten anonym. Dabei suchen wir immer seltener das direkte Gespräch, den Augenkontakt. Die Frage, wie wir gut miteinander reden können, ist vor diesem Hintergrund von enormer Dringlichkeit.

Deshalb haben wir das Schwerpunktjahr “DIALOG 2019 – Der Salzburger Weg der Integration” zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, wie wir im Miteinander neue Spiel- und Denkräume aufstoßen können. Jenseits unserer festgefahrenen Positionen und jenseits der Rollen, die wir im Alltag bekleiden. Aber auch jenseits der Meta-Diskurse über Integration. Unserer These folgend, dass Dialog nur entstehen kann, wenn wir bereit sind, das vertraute Terrain zu verlassen und das, was zwischen den Sprechenden passiert, als Neuland zu erfahren.

Aus diesem Nachdenken ist das Projekt querDENKRAUM entstanden. Ein experimentelles Format, das von Werner Pfeffer entwickelt, gemeinsam adaptiert und von uns im Oktober durch das Land getragen wurde – an 7 Abenden mit den 7 Stationen Abtenau, Mittersill, Saalfelden, Rauris, Oberndorf, Tamsweg und Strobl. Dorthin kamen 55 „Meinungsmacher“ aus den Regionen, um zum Thema Integration & Dialog quer zu denken – darunter Bürgermeister_innen, Gastronomen, Kindergärtner_innen, Pfarrer, Lehrer_innen, Flüchtlingsbetreuer_innen und Kulturschaffende. Am Ende spiegelten selbst die Locations die Vielfalt der Gespräche wider: von der Pfarrküche zum Coworking Space, vom Kunsthaus zur alten Schule, vom Kulturzentrum zur Zirbenstube.

Der querDENKRAUM ist ein Laboratorium für offene Geister, bei dem wir uns in zwei hochkonzentrierten und unterhaltsamen Stunden mutig und neugierig dorthin vorwagen, wo Denken sich querlegt und die Diskussionen zum Thema hinter sich lässt. Mit dem Ziel, nicht mehr länger über Dialog zu reden, sondern Dialog passieren zu lassen. Einen Dialogprozess anzustoßen, in dem das kreative Miteinander den Abgleich allzu bekannter Positionen zum Thema ersetzt und Präsenz die oft lähmenden Zielvorgaben.

Dazu haben wir die eigentliche Fragestellung links oder rechts liegen gelassen und bewegten uns, beginnend bei den eigenen, ganz persönliche „Denkinseln“, von ihr weg. Ohne Leitplanken und mit viel Unsicherheit ins Neuland hinein – um dann am Ende des kreativen Tastens und Stolperns die Brücke zur Ausgangsfrage schlagen:

Wie können wir gut miteinander reden?

Dieser programmatische Umweg brachte es mit sich, dass auf dieser Reise die Gespräche selbst zu funkeln begannen und Teil der Ergebnisse wurden. „Ein Ergebnis ist, dass wir gut miteinander redeten. Hier und Jetzt“, wie eine Teilnehmerin das Format auf den Punkt brachte.

Es ist wesentlicher Teil des Projekts querDENKRAUM, dass wir nicht nur über die Ergebnisse reden, sondern auch über den Prozess und das Format selbst, das viele Teilnehmer für ihre eigenen Bedarfe weiterdenken wollen. Und es ist ein wesentlicher Teil der Ergebnisse, dass diese nicht Grundsätzliches zum Wesen des Dialogs oder altbekannte Regeln reproduzieren, sondern sehr persönliche, sinnlich verankerte Sichtweisen auf das Thema offenlegen, die erst im Kontext zu leuchten beginnen.

Das bedeutet auch, dass diese Ergebnisse nicht einfach mit copy/paste ins allgemeine Dialogrepertoire überführt werden können, sondern sich erst im persönlichen Interpretationsraum des Betrachters entfalten. Es sind Begriffe, Redewendungen, Halbsätze, die ganz persönlich gedreht und gewendet werden müssen, damit sie ihr Licht entfalten. Rezeption heißt in diesem Fall, dass man den Begriff, die Wendung, für sich interpretiert und in der eigenen Praxis testet. Die Ergebnisse sind also Prototypen des dialogischen Gelingens.

So können wir heute auf die Frage: „Wie können wir gut miteinander reden?“ mit einigen Beispielen aus dem querDENKRÄUMEN exemplarisch antworten:

Indem wir Ideen loslassen

  • wenn wir sie nicht mehr besitzen müssen
  • wenn wir sie einbringen und freigeben
  • wenn wir sie als Angebot ins Gespräch werfen


Indem wir den Schutzschild runterfahren  

  • und damit angreifbarer, sichtbarer und verletzlich werden
  • und damit Nähe möglich machen
  • und damit leichter und beweglicher werden


Indem wir die eigene Position verändern können

  • weil wir nicht recht haben und gewinnen müssen
  • weil wir bereit sind zu lernen
  • weil wir uns überraschen lassen


Indem wir uns mit brennender Ungeduld inspirieren

  • wenn das Feuer entfacht wird und der Funke überspringt
  • wenn das Vertrauen die Geduld nährt
  • wenn die Neugier den Ton angibt


Indem wir jederzeit ‘geteilte Kompetenz’ denken

  • den Anderen gelten lassen
  • dem Gegenüber Kompetenz unterstellen
  • unsere Positionen teilen


Indem wir gut auch ohne Lösung auseinander gehen können

  • weil ein Ergebnis nicht alles ist
  • weil wir Dinge auch sickern lassen können
  • weil wir bereit sind, im Dialog zu bleiben


Indem wir offen für Zufälle sind

  • uns überraschen lassen
  • nicht ordnend sind
  • die Ungewissheit aushalten


Indem wir zulassen, dass Bruchstellen sichtbar werden

  • keine Angst vor Unterschieden haben
  • andere Kompetenzen wahrnehmen
  • Missverständnisse als Ressource begreifen


Indem wir Visionen öffnen

  • wenn wir etwas im Gegenüber entdecken
  • wenn wir Fragen wirken lassen
  • wenn wir miteinander auf das Verborgene leuchten

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