Schatten und Licht

Anlässlich des ECU Awards unseres Films „SHADOWS OF LIGHT“ als BEST EUROPEAN DOCUMENTARY (und um die Wartezeit zum Film-Release zu verkürzen) mein Portrait von Barth für die „gangart“, mit dem für mich alles begonnen hat.

Die okkulten Welten des Bartholomäus Resch entziehen sich seit Jahren den vorschnellen Einordnungen der Talbewohner. Dass da oben am Berg nicht alles mit rechten Dingen zugeht, darüber sind sich auch die wohlwollendsten unter ihnen einig. Auch wenn sie es mit einem Augenzwinkern sagen und der Überzeugung, dass die herkömmlichen Kategorien von rechts und links im Augenschein dessen, was da passiert, ohnehin zerbröseln – wie das wehrlose Holzscheit im wilden Tanz des Feuers.

© Foto: Miriam Häusl

Einmal im Jahr rund um die Sommersonnenwende wird die Neudegg Alm am Fuße des Tennengebirges für drei Tage zum Nabel der Black-Metal-Welt. Oder war es die Black-Trash-, Speed-Death- oder doch die Funeral-Doom-Welt? Egal. Googeln Sie nicht! Was sie im Wiki-Netz dazu finden, versucht sich in trüben Zuweisungen und wird dem nicht gerecht, was dort oben auf der Neudegg Alm an Heidnischem, Spirituellem und Sphärischem unter dem strengen und achtsamen Blick des Abtenauer Zeremonienmeisters Bartholomäus Resch eine ganz individuelle Prägung erfahren hat.

Und auch Barth, wie die Einheimischen ihn nennen, scheint sich jedenfalls herzlich wenig um die landläufigen Einordnungen zu kümmern. Er will Bands hierher holen, die eine epische Breite mitbringen und keinem monotonen Schema folgen. „Stell dir vor, du sitzt allein in einer Almhütte und draußen greifen 30.000 Bären an. Und jetzt stell dir eine Musik vor, die diese Bären aufhält. Dann weißt du, was hier im besten Fall über die Bühne geht. Ein Musiker ist ein Krieger im Dienste der Transformation.“ Auf meinen Einwand, dass das für einen normal sterblichen Talbewohner wahrscheinlich nicht leicht zu verstehen ist, bringt Barth überraschender Weise ein Beispiel aus der russischen Programmmusik: „Nimm Mussorgski: Eine Nacht auf dem kahlen Berge – das ist Brutalität pur und mehr als hundert Jahre alt. Das hat schon auch was mit Ignoranz zu tun, dass die Leute glauben, sie können alles sofort verstehen, auch wenn sie sich 30 Jahre nicht mit Musik beschäftigt haben. Instant-Music aus der Dose gibt es hier heroben nicht.“

Die Hexen, die in der Musik Mussorgskis in der Johannisnacht tanzen, sind ihm wichtig, weil sie Trägerinnen geheimen Wissens sind und als solche immer schon verfolgt wurden – von denen, die für sich das Licht pachteten. Barth hat immer schon die Schatten gesehen, in das Dunkle geschaut. Schon als Ministrant wusste er, dass es da etwas anderes gibt. Und er hat die Angst der Menschen gesehen, die Dinge zu hinterfragen und sich auf das einzulassen, was unter der oft scheinheiligen Oberfläche brodelt: das Mystische, das Magische, das Heidnische, Unverfälschte.

Wenn Barth spricht, kommt es vor, dass er – sich selbst überholend oder in Frage stellend, so genau weiß man das nicht – immer wieder ganze Worte verschluckt. Ist es, weil eigentlich ohnehin zu viel geredet wird auf dieser Welt, wie er sagt? Oder ist es das Mikrofon auf dem Tisch, das dem Wort eine Bedeutung verleiht, die ihm nicht zukommt? Barth beschönigt und frisiert nichts. Er liebt das Ungeschliffene, wo die Materie zum Vorschein kommt. Heutzutage, in der jeder etwas gilt, der in einer ansprechenden Form Banalitäten von sich gibt, ist einer wie er – mit einer Kartoffel im Mund, der aber hinter der Kartoffel unendlich viel zu sagen hat – eine latente Provokation. Seit Jahren kocht er hier heroben auf der Neudegg Alm sein eigenes Süppchen und steckt die ganze Energie, die er in sich trägt, in die Entwicklung dieses Orts und seinem Festl, wie er es nennt, weil ihm der Langbegriff „Festival“ schon wieder affig und gekünstelt vorkommt.

Blindness will transform into vision …

Mit dem „House of the Holy“ hat der „Funkenflug“ – als Initiationsritus zur Sonnwende – 2017 eine neue Stufe erreicht. Nicht was die Besuchszahlen angeht, sondern in punkto Spiritualität. Mit den paar Hundert Leuten, die auch dieses Jahr aus allen Teilen Europas den Weg auf die Neudegg Alm gefunden haben, ist dieses alpine Metal-Open-Air am Zenit, was die Kapazität angeht und auch, weil dem Barth eine gute Nachbarschaft zum Winterer Bauern wichtig ist, der seinen Wiesen für die Metal-Camper zu Verfügung stellt. „Und die Tiere rundherum? Haben die nicht ein ganzes Jahr daran zu knabbern an dieser 3-tägigen Brutalbeschallung?“, frage ich ihn. Barth lacht und schüttelt energisch den Kopf: „Den Tieren taugt es, die Kühe kommen sogar näher zur Musik heran, wenn es beginnt. Und in der Nacht sehe ich die neugierigen Lichter des Wilds. Wir dürfen nicht unsere Kategorien über alles werfen. Die Tiere, die kennen die Mächte der Dunkelheit. Die wissen, was da abgeht.“

Wir sitzen vor seiner Hütte, die während des Festivals die Bühne ist, auf einer Bank im Zuschauerraum. Dahinter stellt der Hang sich auf und zieht nach oben in Richtung Wald, wo ein Feuerkreis das kontrapunktische Kraftzentrum zum Bühnentreiben markiert. Es ist ein besonderer Platz, uneinsichtig und gut versteckt hinter der Pailwand, mit dem Rücken zu Abtenau und offen in Richtung Bischofsmütze, diesem Mahnmal der Vergänglichkeit. „Jeder Platz ist besonders“, kontert er, „und jeder Platz kann so ein Zentrum sein. Es kommt darauf an, was du daraus machst. Wenn du Energie zuführst, dann passiert auch was.“

Und so hat er, der „Housemaster of the Holy“, diese enormen Felsblöcke über die Jahre mit unheimlichen Kraftaufwand dem Wald entrissen und in Kreisform rund um das Feuer platziert, damit die Energie hier fließen kann. Nicht so wie unten im Markt, der sich freiwillig seiner Kraftquelle, des Fischbaches, entledigt hat – dort, wo sein Zentrum ist: Wie kann man nur auf die Idee kommen, eine Kraftader wie diese einfach zuzubetonieren? Für den Barth ist das ein Skandal, aber auch symptomatisch für die Verfasstheit vieler Menschen unten im Tal, die den Bezug zur Natur und zur Kraft verloren haben. „So geht man mit dem um, was einem mitgegeben wurde. Und dann wundert man sich, wenn das Feuer ausgeht. Dabei ist Abtenau ein gesegneter Boden. Was da möglich wäre, wenn die Leute wieder einen Zugang zu ihrem inneren Feuer hätten. Und weiter gedacht: Wenn die 8 Millionen Menschen, die in Österreich jeden Abend mindestens zwei Stunden in die Glotze starren, diese Zeit stattdessen in guten Gesprächen oder mit Nachdenken verbringen. Wir hätten 16 Millionen bewusstseinserweiternde Stunden pro Tag.“

Wir lassen den Blick schweifen, während die Dämmerung alles in ein bläuliches Licht taucht. Rüber zum Traunstein und zu den Schafzähnen zwischen Tagweide und Hochkarfelderkopf. Und rauf zum Schober, dem Berg, der ihn am meisten inspiriert, weil er von hier herunten, wo wir sitzen, wie eine Pyramide aussieht. Da kann es schon mal vorkommen, dass über seine Spitze die grünlichen Nordlichter tanzen – wie heuer im Mai, als sie nach 14 Stunden Jam-Session in der Nacht aus der Remise traten und ungläubig in den Himmel schauten. Barths Augen leuchten. Die Remise, der etwas andere Werkzeugschuppen, ist ein dem Wikinger-Langhaus nachgebauter Blockbau, der als Probe-, Ausstellungs- und Zeremonienraum zum Tempel der Metal-Musik wurde. Auf die Idee kam er bei der Heimfahrt aus Norwegen und wie es beim Bartl so ist, war da nicht nur die Idee, sondern auch das Feuer, das aufloderte, um diese ohne Umweg umzusetzen. Zuhause angekommen trommelte er ein paar Komplizen im Geiste zusammen und dann wurde gebaut – zwei Monate lang, in minutiöser Handarbeit. Am Ende fehlen auf 12 Metern Länge ganze zwei Zentimeter zur perfekten Kathedrale. „Das kann man durchgehen lassen“, meint er und hebt dabei stolz die Mundwinkel.

Ich denke an den Ministranten von damals und frage Barths, wo die Reise begann, die ihn hierhergeführt hat. Die begann früh. Als Kind. Der Sohn des Tholmai erzählt von seinem Kirchendienst und von Pater Raphael, seinem entkräfteten christlichen Mentor: „Er hat mir viel gezeigt. Auch den Zugang zu okkultem Wissen. Er hat mein Fragen ermutigt und das Feuer in mir entfacht – egal was die Leute über ihn heute denken.“ Und dann war da dieser Koffer voll mit verbotener Musik, der in der Eni-Tankstelle vergessen wurde. „Ich glaub, den hat mir der Teufel dort hinterlegt,“ meint Barth mit einem breiten Grinsen. Jedenfalls wusste er schon damals, er war gerade elf Jahre alt, dass dieser Koffer für ihn bestimmt war. Er nahm ihn mit, um dann mit ein paar ausgesuchten Freunden, an einem Platz, wo sie niemand stören konnte, sein eigenes Initiationsritual in Sachen Metal-Music zu zelebrieren. Von da an war ihm nichts mehr heilig. Oder besser: von da an war ihm vor allem alles Dunkle heilig, was für die Heilsverantwortlichen im Tal so ziemlich auf dasselbe hinauskam: „Weil sie nur am Wegwischen sind, am Putzen, am Zurechtbügeln, am Glätten und Verdrängen. Und so tun, als ob das Licht keinen Schatten werfe. Aber niemand sagt einem, dass man durch die Dunkelheit hindurch muss, wenn man das Licht sehen will. Ja mehr Licht du reinlässt, umso heller bist du. Aber wenn du rausschaust in den ewigen Abgrund des Universums, dann schaut es zurück. Abgründig. Wie jedes Licht dem Schatten folgt.“

All good things are wild and free …

Und so hat sich Bartholomäus Resch auf den Weg gemacht und ist durch die Nacht gegangen. Wortwörtlich und bildlich zugleich, dem Feuer vertrauend, das in ihm lodert. Er war bereit, sich seiner Angst zu stellen, den wilden Kerlen solange in die Augen zu blicken, bis sie ihn zum König machten. Und so hat er sich schließlich auch mit den Toten verbündet und mit den Nächten, in denen sie tanzen. Dabei ging es ihm nie um das Dunkle allein, sondern um den Übergang. Die Transformation, die das Leben ausmacht. Wer wachsen will, braucht eben beides. Der Schatten nährt sich vom Licht. Beim Barth war es letztendlich ein kleines Ritual, das ihm die Augen öffnete, „in der tiefsten Schwärze, die man sich vorstellen kann“, wie er sagt. „Ich war komplett leer und musste mich neu zusammenbauen. Stück für Stück.“

Seitdem ist vieles anders. In der Zeitrechnung des Bartholomäus, den die Bibel den „Mann ohne Falschheit“ nennt, hat das Jahr 13 Monate, nicht die bereinigten zwölf, an die wir uns klammern. „Wenn du die zwölf Mondmonate zusammenzählst, bleiben 12 Tage übrig. 12 Tage und 13 Nächte, die als die toten gelten, aber auch als die offenen, in denen das wilde Heer von Odin durch die Luft fährt und jeden mitreißt, der ihm begegnet.“ In diesen Raunächten zwischen 21. Dezember und 6. Jänner, von denen Barth spricht, sind die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt und die Grenzen zu anderen Welten porös. Wer in diesen Nächten seine Wäsche aufhängt, läuft Gefahr, dass die Toten sich darin verfangen. „Warum ist 13 eine Unglückszahl?“, fragt er mich unvermittelt und gibt sich selbst die Antwort: „Um Angst zu schüren und alles, was anders ist, zu stigmatisieren. Was ankommt ist: Bleib daheim. Es ist gefährlich, in dieser Zeit draußen zu sein. Wer redet schon darüber, dass mancher um diese Zeit auch die Tiere verstehen und hellsehen kann?“ Wieder ist sie da, die Angst. Diesmal als Angstmache von denen, die alles unter Kontrolle haben wollen.

Raunächte, germanische Mythen, Runenzeichen, Metal-Musik. „Wie ist das eigentlich mit dem rechten Gedankengut, das immer wieder in diesem Zusammenhang auftaucht?“, will ich von ihm wissen. „Das ist ja alles schon seit Jahrtausenden da. Und wurde dann von anderen benutzt – wie von den Nazis in einem System, das Tod und Vernichtung gebracht hat. Aber daran ist nicht dieses alte Wissen schuld. Man kann alles verbiegen, wenn man will.“ Es wundert nicht, dass für Barth politische Kategorien wie links und rechts nur Krücken sind: „Wenn du mit deinem Herzen hinschaust, siehst du sofort, was gut und schlecht ist. Ein gesunder Mensch steht ohnehin in der Mitte, mit beiden Beinen auf der Erde unter sich und dem Himmel über sich. Wir haben soviel Missgunst und Neid und Hass in uns, aber niemand ist bereit, auf den anderen zuzugehen und zuzuhören. Auch das hat mit Angst zu tun.“

Wer auf der Neudegg Alm satanisches, rechtslastiges Gedankengut erwartet, wird enttäuscht sein. Zwar gibt es das düstere, auf den ersten Blick ein wenig abschreckende Erscheinungsbild der Menschen, die sich hier versammeln – schwarze Kleidung, Nietenschmuck, Gesichtsbemalung – aber unter der Oberfläche sind diese Menschen höflich und zuvorkommend. „Das ist der Spirit hier, das spürst du, wenn du hochfährst. Jeder ist willkommen. Wer aber Ideologien verbreitet oder dieses Musik- und Feuerritual für seine Zwecke missbrauchen will, hat hier heroben nichts verloren.“ House of the Holy. Was heißt das eigentlich? „Dass du dein eigener Tempel bist und nur dich selbst verändern kannst. Und wenn du das tust, wird der Funken überspringen. Deshalb ist das Feuer so wichtig und dass du es weitergibst.“

Es gibt einen Film von Chris Marker, der hat den Titel „Sans Soleil“ – ohne Sonne. Sein Motto entnimmt er der Erzählung über eine chinesische Prinzessin, die Listen liebte und irgendwann auf die Idee einer Liste von Dingen kam, die das Herz schneller schlagen lassen. Der Barth ist, wenn sie so wollen, die Negativform dieser Prinzessin. Ein erratischer Block von einem Menschen, uneben, roh und mit scharfen Kanten. Aber er hat dieselbe Liste im Kopf.

Bartholomäus Resch. Fotografiert von Mike Drechsler

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