Totgesagte leben länger?

Bevor etwas untergeht, gibt es meist eine Phase des Aufbäumens, des überdimensionierten Auslebens dessen, was zum Untergang verurteilt ist. Das lehrt uns die Geschichte.

Als die neue Beschleunigung im Zuge der Industrialisierung immer größere Bereiche der Gesellschaft erfasste und sich anschickte, omnipräsent zu werden, gab es in Paris eine Schildkrötenmode, in der es schick war, Schildkröten als Haustiere zu halten und sie beim Gassi-Gehen flanierend durch die Stadt zu begleiten. Das passierte im Jahr 1838, einen Frühling lang, wie man dem Passagenwerk von Walter Benjamin entnehmen kann, und ward nie wieder gesehen.

Heute ist dieses Industriezeitalter selbst am Untergehen. Und mit ihm ein Managementmodell, das auf Kontrolle, Gehorsam und Gleichschaltung baute. Jeden Tag lesen wir von der Wiedererfindung dessen, was Unternehmen sind und sein können (Fréderic Laloux) und von neuen Führungs- und Organisationsmodellen, die ohne Hierarchie auskommen (Holacracy, Soziokratie, Open Culture). Und weil diese theoretischen Diskurse mittlerweile durch viele Best Practices gestützt sind, sind wir umso erstaunter, wie klassisches Management an vielen Orten noch einmal für kaum denkbar gehaltene Wucherungen sorgt.

Und das nicht erst seit #corona. Natürlich gab und gibt es die uns als Digitalisierungsoffensive verkaufte Aufwertung des Home-Office. Aber was, frage ich Sie, hat sich damit geändert? Außer vielleicht, dass die informellen Informationsflüsse, die eine hierarchisch sanktionierte Verordnungskultur unterwandern könnten, noch schwieriger geworden sind. Weil Selbstdenken und Eigenverantwortung in vielen Fällen immer noch als störend empfunden werden, gerinnt das vielgepriesene Home-Office-Wunder zum digitalen Dienst nach Vorschrift, während das Neue auf der Strecke zu bleiben droht. Abarbeiten von Tasklisten ist angesagt.

Aber wie lange kann das gut gehen?

Parallel dazu treibt Mikromanagement, das so ziemlich das Niederträchtigste ist, was einem im Unternehmensalltag zustoßen kann, groteske Blüten. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Wie schnell es gehen kann, dass man als selbständig denkender Entrepreneur seiner Arbeit und seines Lebens am eigenen Leib spüren muss, wie ein monströser und bis ins Detail exekutierter Kontrollwahn jede Motivation und jede Eigeninitiative mit Füßen tritt. Und wie viele, die in den Einflussbereich dieses Management genannten Totalverlust des Vertrauens kommen, die darin unausgesprochen vollzogene Abwertung zu bestätigen. Der Hypnotherapeutiker Gunther Schmidt nennt diesen Zustand, in dem die Mitglieder des Systems ihr Verhalten in Richtung Systemstabilisierung ausrichten, „Regeltrance“.

Regeltrance. Das ist der Zustand, in dem #corona viele Menschen und Unternehmen gefangen hält.

Wir wissen, dass alles anders werden muss, tun aber ein bisschen so weiter, als ob nichts gewesen ist. Ich will die Krise nicht herbeireden, aber sie hat sich schon längst in unseren Köpfen breitgemacht. Wir wissen, dass da was faul ist – Stichwort #commerzialbank, Stichwort #wirecard –, aber wir denken, dass das schon passen wird, wenn es außer uns niemand sieht. So machen wir weiter in unserem kleinen überschaubaren Regeluniversum, obwohl wir wissen, dass jetzt nur die großen Würfe zählen. Doch wir fühlen diese Müdigkeit in unseren Gliedern, wie der träge gemachte Frosch im langsam erhitzten Druckkochtopf, der seine Kräfte nicht mehr bündeln und das System verlassen kann.

Was mich trotzdem wach und am Leben hält, sind die Momentaufnahmen in meinem Kopf, dass es auch anders geht. Dass es die Sehnsucht gibt nach einem glücklichen Leben. Ich denke an den Film SANS SOLEIL von Chris Marker, der mein Leben nun schon seit vielen Jahren begleitet. Er beginnt mit einer Vulkanlandschaft auf Island. Und mit Kindern, die durch das Bild laufen. Dazu spricht eine hingehauchte Frauenstimme aus dem Off die folgenden Sätze: “The first image he told me about was the three children on a road in Island. In 1965. He said that for him it was the image of happiness and also that he tried several times to link it to other images. But it never worked. He wrote me: ‘One day I have to put it all alone on the beginning of a film. With a long piece of black leader. If they don’t see happiness in the picture, at least they’ll see the black.’”

Wenn solche Bilder ihre Kraft entfalten, kommt der Mut, es jetzt und endlich ganz anders zu machen, von allein.

Ein Kommentar zu “Totgesagte leben länger?

  1. schildkröten zählen zusammen mit anderen reptilien, wie auch den krokodilen, zu den ältesten, höher entwickelten Lebewesen auf unserem planeten. meeresschildkröten existieren seit 150 millionen Jahren und landschildkröten sogar seit 250 millionen jahren. sie haben sich im laufe der evolution kaum verändert und gelten als wahren meister der anpassung. ist das nicht die lösung? statt die natur uns menschen anzupassen, passen wir uns an die natur an? sind wir dann hochbegabt, oder saudumm wie die reptilien? https://campogeno.wordpress.com/2018/03/20/intelligenz-wird-ueberbewertet/

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