Zeit für Neues ?!

Viel war in den letzten Monaten die Rede davon, dass es so nicht weitergehen kann. #corona stellte uns allen die Rute ins Fenster, durch die plötzlich greifbar war, was alles möglich ist, wenn es darauf ankommt. Dass dieses Mögliche sich darauf beschränkte, das System, so wie wir es kannten, im Namen des Lockdown herunterzufahren und im Kampf gegen einen äußeren Feind auf kontrollierte Gleichschaltung zu setzen, war der pandemischen Realität geschuldet. Der eigentliche Möglichkeitsraum – im Innen und Außen – blieb davon vorerst unberührt.

Mittlerweile ist #corona Teil unseres Alltags geworden. Wir lernen langsam, mit der Bedrohung zu leben. Und wir lernen, dieser Bedrohung den Ort zuzuweisen, der ihr gebührt. Erste vorsichtige Umarmungen zeigen es. Die neue Normalität ist die alte, die sich dabei über die Schulter sieht. Wir bewegen uns einfach etwas bewusster, das heißt, wir schauen uns bei der Bewegung zu. Wir vermeiden die Nähe zu Fremden und entscheiden sehr genau, wo wir das Risiko des Hautkontakts in Kauf nehmen. Was es nicht oder kaum mehr gibt, ist gedankenlose Nähe. Was es mehr gibt, ist vorsätzliche Nähe. Zufällige Verdichtungen in Gestalt von Ansammlungen sind verpönt, weil sie die Möglichkeit in sich tragen, nachträglich als #cluster stigmatisiert zu werden.

Nichts mehr erwarten

Der Sommer ist bald vorüber. Es war ein schwammiger Sommer, wie Christiane Bertolini in einem klugen Brief, der den Weg in meine Inbox fand, festhält. Nicht Fisch noch Fleisch. Auch die wieder zunehmenden Kondensstreifen am Himmel, die zeigen, dass das milliardenschwer unterstütze Alte keine Schwerkraft besitzt, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass gedankenloses Fliegen wohl der Vergangenheit angehört. „Ich war nicht ganz rund mit dem Sommer, solange ich überlegt hab, ob ich was und was ich von ihm will,“ schreibt sie. „Seit ich beschlossen hab, mir nichts von ihm zu erwarten und einfach bei mir in meinem üblichen Umkreis das zu machen, was ich sowieso vorhatte, bin ich tiefenentspannt. Es ist in den besonderen Umständen noch empfehlenswerter als sonst sowieso auch schon immer, dort zu sein, wo das Klima in jeder Hinsicht für einen passt.“ In jeder Hinsicht! – eine starke Ansage. Das Glück besteht in diesem schwebenden Dazwischen, das sich Sommer nennt, besteht darin, die Erwartungen zurückzuschrauben und das, was man hat, wertzuschätzen.

Mittlerweile steht der Herbst vor der Tür und man muss kein Prophet sein, wenn man diese Tage als Ruhe vor dem Sturm liest. Denn im Herbst wird sich zeigen, wie es um den neuen Alltag bestellt ist. Wenn unsere Kinder in die Schule gehen und die erste Grippewelle die Symptome neu mischen wird. Wenn viele von uns verschnupft sind und husten, wird kaum zu sagen sein, wo die Grippe aufhört und wo #corona beginnt. Eine Frage rollt auf uns zu, die wir nicht mit Ein- und Ausschließungen beantworten werden können. Denn das Virus, das wissen wir längst, kommt nicht mit dem Auto aus Kroatien, auch wenn es sich die populistisch verseuchte Politik gerne so einfach machen würde.

Der Unterschied in uns

Der Herbst wird auch zeigen, wer bereit ist, das Neue zu denken. Das Neue wohlgemerkt, und nicht belanglose Neuigkeiten oder halbherzige Innovationen, die am Ende alles beim Alten belassen. Gregory Bateson sprach vor bald 50 Jahren vom „Unterschied, der einen Unterschied macht.“ Ich lese hinein in ein Buch, das vor 30 Jahren mein treuer Begleiter war. ‚Rayuela‘ von Julio Cortázar. Darin träumt der grübelnde Held Oliveira von einem Zufluchtsort, den er den „Kibbuz des Verlangens“ nennt und verbindet die Kibbuz-Idee mit dem Bild vom Kinderspiel Himmel und Hölle, in dem man ein Steinchen geschickt von einem Kreidefeld zum anderen kickt, bis es zuletzt glücklich im letzten, dem Himmelsfeld, landet. Dass Himmel und Hölle auf einer Ebene und nur einen kleinen Kick voneinander entfernt sind, kann kein Zufall sein. Wer das Spirituelle fassen will, muss „durch das Arschauge hindurch“, wie er es nannte. Als ob wir dort, wo wir uns vom Unverdaulichen trennen, Augen hätten. Das Tor in den Möglichkeitsraum steht jedenfalls nicht sperrangelweit offen.

So wird es auch mit dem Neuen sein, denke ich mir, das hinter dem Ornament und unter der beschönigenden Phrasierung im Ungeschminkten zu finden ist. Vor diesem Hintergrund ist „Design Thinking“, der langsam an der Visions-Workshop-Decke verhallende letzte Schrei im Reich des Kreativen nur eine Fingerübung für Mutlose. Warum? Weil es nicht ausreicht, dass man andere Sinne hereinbittet und Manager basteln oder malen lässt. Wenn die Öffnung nicht stattfindet, wird mit anderen Mitteln nur das wiederholt, was man kennt bzw. kann. Und das um so sicherer, je ungewöhnlicher das Metier ist. Weil niemand sich bloßstellen oder blamieren will, bleibt das Lernen und mit ihm das Neue auf der Strecke. Wir bleiben im Modus des Downloading, wie Otto Scharmer es nennen würde, indem wir gekonnt auf alte Muster zurückgreifen und unsere Vermeidungsstrategien beklatschen.

Nur, um das wirklich Andere fernzuhalten, das uns zwingen würde, die liebgewordenen und gemütlichen Denkbahnen zu verlassen. In seinem Backwards-Brain-Bycycle-Experiment zeigt Destin Sandlin, was das in der Praxis heißen kann. Und dass Wissen oft nicht weiterhilft, wenn es darum geht, etwas anders zu tun.

Gerne vergessen wir die tiefgreifende Dimension, die jeder Veränderung innewohnt. Und dass sie ohne Verlust nicht zu haben ist. Wer Veränderung ernst nimmt, weiß, dass Visionen eine Öffnung des inneren Horizonts vorausetzen und sich nicht in fünf Minuten abrufen lassen.

Und wer Öffnung ernst nimmt, wird sich und anderen Raum geben für das Unbekannte, das Ungewisse, das Überraschende, das Experiment, das Abenteuer. Diese Öffnung in Richtung Phantasie muss durch uns hindurchgehen, um am anderen Ende die Sprache zu finden, die sich gegen den bestehenden Diskurs wendet. Phantasie und Widerstand gehören zusammen. Das Hasenloch, das uns ins Wunderland führt, liegt nicht am beschilderten Weg, der sich im Status Quo verliert. Es sind die Brüche in der Oberfläche, die zufällige Irritation in einer glatten Welt, die uns vom Erwarteten zum Unerwarteten führt.

Das Neue wird ein Beben sein

Und dabei drehen wir uns um uns selbst. Formen uns, indem wir Form geben. Gestalten uns neu, indem wir gestalten. Gewissheit ist dabei der schlechteste Berater. Wer vorher weiß, was herauskommen soll, kann zuhause bleiben. So beginnt Kreativität, indem wir aussteigen. Aus unseren täglichen Geschäftigkeiten. Und auf die Bremse steigen. Bis wir anhalten und hören und sehen. Und darauf warten, dass uns Hören und Sehen vergeht. Da geht es nicht um Innovation. Da geht es um die Bedingungen der Möglichkeit von Imagination oder Vorstellungskraft, die eine Art geheime Quelle für Ideen ist. Um einen Ort, wo sich der Riss öffnet und das Licht des metaphorischen Raums eintritt.

Dieser Ort ist ein Ort des Staunens, der Nullpunkt des Neuen in der Welt. Ein Ort, wo wir nicht mehr wissen, was wir jemandem schulden oder was jemand uns schuldet, wie der Mythologe Joseph Campbell festhält: “Du musst einen Ort haben, an den du gehen kannst, in deinem Herzen, in deinem Geist oder in deinem Haus, einen Ort, wo du nicht weißt, was deine Arbeit ist oder für wen du arbeitest, wo du nicht weißt, mit dem du verheiratet bist und wer deine Kinder sind.

Erst, wenn wir diesen Ort gefunden haben, werden wir uns berühren und von dem, was wir gestalten, berührt sein. Von dort aus können wir beginnen, die Welt neu zu denken. Das Neue wird ein Beben sein, oder es wird nicht sein. Was der Surrealist André Breton über die Schönheit sagte, gilt auch für das Neue in uns und in der Welt.

Haben wir Zeit dafür?

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