Der Mut des einsam wandelnden Nashorns

Ich suche ein Buch. Seit Tagen. Es muss da sein. Aber es versteckt sich. Und legt den Blick auf etwas anderes frei. Meine Diplomarbeit[1] von 1988 über den Aktionisten und Schriftsteller Rainald Goetz, der wenige Jahre zuvor beim Wettlesen in Klagenfurt den Literaturbetrieb mit einem Skalpell herausforderte. Ich schlage sie auf, zufällig beim Kapitel 3.2.: Das Geschwätz und die Entscheidung – und lese hinein. Es beginnt passend mit einem Zitat von Nietzsche: „Dass die Lämmer den Raubvögeln gram sind, das befremdet nicht: nur liegt kein Grund darin, es den Raubvögeln zu verargen, wenn sie sich kleine Lämmer holen.“

Das Interessante an diesem Text: Er kreist um Themen, die mich auch heute noch berühren. Der Streit zwischen sinnlicher Welt und abstraktem Denken begleitet mich mein Leben lang. Nur ist er heute entschieden – zugunsten des Narrativen. Einfacher, präziser ist es dadurch nicht geworden. Aber poetischer, lebendiger, abenteuerlicher und: menschlicher.

Hier das ungekürzte Kapitel, das ich vor mehr als 30 Jahren wie eine Flaschenpost an mich verschickte. Eine Hybris, geschleudert in den schwer verhangenen Studentenhimmel. Ich sehe gut, von wo ich damals auf die Welt blickte. Meine große Abneigung gegenüber jeder Form der Beliebigkeit. Mein Weg von dort in das Leben, das ich heute führe, könnte verschlungener nicht sein. Ein Grenzgang zwischen den Diskursen.

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Wahrheit im Allgemeinen beschränkt sich nicht allein auf die Sinnhaftigkeit der ihr zugrunde liegenden Aussagen bzw. ihre Kommunizierbarkeit. Der Sinn ist neben dem Gehalt nur eine wichtige Bedingung traditioneller Wahrheitstheorien, wobei sie zu diesem sogar in einem reziproken Verhältnis stehen kann, sodass mitunter Analytizität, das ist die (empirische) Gehaltlosigkeit allein universelle Wahrheit garantiert. Ein Umstand, der auch Rückschlüsse zulässt auf die Verfasstheit einer Kommunikationsgemeinschaft, deren vordergründige Tugend sich in der Universalität der behandelten Gehaltlosigkeiten (Plattheiten) erschöpft. Rückschlüsse nicht zuletzt auf ein Verstehen, unter dessen totalisierendem Zugriff das Außergewöhnliche, das Fremde als solches zum Untergang verurteilt ist und zum Echo eines sich selbst reproduzierenden, besserwissenden Denkens verkommt, das an die Stelle des Anderen nur sich selbst in endlosen déjà vus umkreist.

Gegen diese Apokalypse der totalen Nivellierung „wird (bei Goetz) auf der Wahrheit bestanden, dass die Indifferenz des produzierten, simulierten ‚Big Sinns‘ Lüge ist.“ (Oberschlepp, 1987, S.173) „Die  Rede kennt keine Widerlegung der Rede, jedes Gegenargument ist eine Zustimmung zu dem, wogegen es sich wehren will, Rede ist wehrlos verbindlich, noch der Hassausbruch ausgesprochen eine Liebeserklärung.“ (Goetz, Blut/Hirn, S.183)

Die radikale Gegenposition zum universalistischen Diskurs der Vernunft, der in seiner pragmatischen Version in letzter Konsequenz ein Diskurs des Geredes, der (bloßen!) Meinungen ist, beruht wesentlich auf jenem parasitären Sprung im Diskurs, der den Fluss der Kommunikation unterbricht, und eine Wahrheit ins Recht setzt, deren Gehalt sich einem universellen Zugriff entzieht, weil ihre Sinnhaftigkeit immer gebunden ist an ein Moment der Entscheidung. Die Totalität jener sich im Kleid des Universalismus immunisierenden Beliebigkeit durchbrechen, heißt, auf dem Partikulären, Besonderen, letztlich auf jener unversöhnlichen Differenz beharren, welche sich den Umarmungen eines repressiv, toleranten Verstehens verschließt.

Aus dieser Perspektive erscheint der viel beschworene Pluralismus als ein Synonym für Denkfaulheit und jene Differenz als Indiz für ein Denken, das statt der Gemeinsamkeiten die Unterschiede betont, anstelle von Kompromissen Entscheidungen fordert, und gegen das handlungshemmende Sowohl-als-Auch ein klares, tätiges Entweder-Oder setzt. Denken heißt Trennen, und „Trennen ist eine herkuleische Leistung gegen das animalische Streben von allem immer alles zu sein.“ (Blut/Hirn, S.193)

Diesem Streben kann nur entrinnen, wer die Neutralität jener übergeordneten Position, die dadurch eigentlich keine Position mehr ist, verlässt und sich selbst – aus der „Perspektive des Kampfes, des Überlebens oder des Sieges“ – durch die Einnahme eines bewusst parteilichen, einseitigen Standpunktes in eine asymmetrisches Recht setzt: sich zu einem Anwalt des Partikularen, Besonderen, Unterdrückten macht.

Mobilisiert wird das schlechthin Partikulare im Kampf Einzelner (Einiger) gegen das Ganze (das System). In der terroristischen Position kulminiert ein geschichtsphilosophisches Konzept, das den historischen Diskurs subversiv wendet gegen das positive Recht, indem es auf den Dissens beharrt, der das Verhältnis von Legalität und Legitimität bedroht. Die historische Verstrickung gipfelt in einer Theorie und Praxis kurzschließenden Philosophie der Tat, welche die gordische Verschränkung von Verantwortung und Schuld im Augenblick des Terrors auf den Punkt bringt. Als Ausdruck der höchsten Ausprägung und tiefsten Krise eines Denkens wird eine Genealogie der Verantwortung und eine Genealogie der Schuld erschrieben, worin diese Konzeptionen zugleich auf die Spitze getrieben sind. „Alles meine Schuld“ (Fleisch/Hirn, S. 69) sagt nur Einer, der sich für alles verantwortlich fühlt.

Die Schuldhaftikeit der terroristischen/revolutionären Tat (jeden Handelns) zu kompensieren gelingt nur über eine Moral, die im Kontrast zur universalistisch sich setzenden eine Moral des Partikularen, des Einzeltäters ist, der dem Stillstand, der Agonie und der Dummheit (gedacht als sklavisch sich unterwerfendes Bewusstsein) den Krieg erklärt. Die Ambivalenz dieser Moral beschreibt Brückner in Variation zu einer These Adornos: „Zwar stabilisiert Moral – als ‚Kampfmoral‘, Mut, ‚Bekenntnis‘ – den Schein, als ginge es noch moralisch, also geschichtlich zu. Insofern wäre Zivilcourage Theaterdonner, der dem Spektakel der dominierenden Struktur zu Buch schlägt. Doch nur eine solche Moral des Mutigen, des ‚Bekennenden‘ kann in der Realität des Posthistoire noch das Besondere, die Qualität, verteidigen und damit den einzigen Haltegriff in der bröckeligen Glätte der Normalität. Dieses ‚Besondere‘ ist nur noch in Teilen das spezifische Interesse einer Klasse: Revolutionär, Dialektiker, kann der Mutige nicht mehr ganz sein. Er ist eben Dissident, und sein Mut ist der des einsam wandelnden Nashorns.“

Einsam – in unserem Fall – deshalb, weil es noch einmal jenes gnostisch-dualistische Denken der Realität durchspielt und zur Spitze treibt, das nur über die striktesten Entgegensetzungen zu sich kommt – gut oder böse, Freund oder Feind, … Mensch oder Schwein.

In einem als ‚Heiliger Krieg‘ ausgezeichneten Unternehmen wird mit wissenschaftlicher Akribie versucht, das Problem der Wahrheit durch die Besinnung auf seine gesellschafts-politische Dimension in seinen kriegerischen Rahmenbedingungen bloßzustellen. In dem Maße, wie Wissenschaft rückgebunden wird an die Frage der Macht, wird sie zur ‚Angriffswissenschaft‘ (Krieg, S.77) bzw. zur Revolutionstheorie.

Hervorragender Repräsentant dieser Disziplin ist der Existentialontologe Heidegger – der ebenso wie Stammheimer und Stockhausen nichts ist als der abstrakte Signifikant seines Namens –, in dem die wissenschaftliche Treue zum Detail und der geschichtsphilosophische Blick auf das Ganze, die große revolutionäre Perspektive, zusammengehalten werden nur durch den Hass. (vlg. Krieg, S.72) Zwischen dem Mythos der Reinheit (der gekoppelt ist an den Mythos der Revolution) und dem Mythos der Empirie (der gekoppelt ist an den Mythos des Einzelnen) hin- und hergerissen, lebt diese Wissenschaft als Verschwörungstheorie allein aus der paranoiden Geste, die ihre Wahrheit ist. Der reinen Wissenschaft bedeutet Material Verunreinigung, „maximale Wirrniss“ (Krieg, S.73), Dreck, die drohende Vereitelung der Abstraktion (in der revolutionären Tat).

„Die Drohung des einzelnen ist gigantisch, die Drohung der Masse der einzelnen Dinge, der Krieg zwischen ihnen, der Lärm, die vom Feldherrnhügel aus überblickbare Endlosigkeit der Heerscharen der Dinge … erschöpft, aufgelöst, weinend sitzt schließlich der rasend quälend rastlos Getriebene, natürlich zusammengebrochen unter seiner, wirklich die unübersehbare extensiv unendliche Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit ins Auge fassenden und erschöpfend in allen ihren individuellen Bestandteilen beschreibenden, also tatsächlich als Wirklichkeitswissenschaft getriebenen Wissenschaft, fünf seiner besten Jahre am Fenster und starrt in nackte Baumkronen, stumpf, stumpfend.“ (Blut/Hirn, S.182)

Dagegen wird im Augenblick des Denkens ein Ich errichtet, genau über jenem Riss, jener Zäsur innerhalb des Wahrnehmungsstroms (der Geschichte) als Befreiung von dem Druck der Dinge (der Vergangenheit), deren Ziel nicht der befreite Mensch ist, sondern die notwendige, zerstörerische Tat. Keine Rede von Dialektik, kein Warten auf Versöhnung, es zählt allein der Moment der Entscheidung, denn „ununterbrochen ist Krieg, sich zu errichten, für einen Augenblick.“ (Krieg, S.119)

Auf der Spitze der Moderne spricht dieses hier vorgestellte Denken von ihrem Ende, an dem die Geschichte zurückkriecht in den Schoß des Mythos, aus dem sie entsprang. Bezeugt wird das durchgehend Zirkuläre (Aporetische) eines Denkens, das seinen systematischen Anspruch nicht mehr einzulösen weiß, und in der nicht auflösbaren Verschränkung von erkenntnistheoretischen, soziologischen und geschichtsphilosophischen Kategorien die einzelnen Pole unvermittelt nebeneinander hält, Widerspruch an Widersprüchen reihend: „Die Konsequenz jedes konsequenten Denkens ist Weltvernichtung“ (Hirn, S.148); „Widerspruch muss auf Erden Widerspruch bleiben.“ (Hirn, S.187)

In Anlehnung an Horstmanns Philosophie der spekulativen Menschenflucht finden wir hier jene aufklärerische Konzeption von Wahrheit, die sich vor allem auszeichnet durch ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Glück, auf ihren anthropofugalen Begriff gebracht.

“Außerdem ist es grundsätzlich besser, wenn Dinge, die nicht zusammengehören, getrennt werden, als wenn umgekehrt Differentes nicht diskriminiert und nicht getrennt wird, Grenzauflösung die Verdummungsparole schlechthin, da Diskriminierung und Trennung des Differenten Voraussetzung ist für die Handhabung der Differenz zu Erkenntnisgewinn.“ (Hirn, S. 189)

Wenn es affirmative Kritik gibt, dann sicherlich in den Kriegstexten von Rainald Goetz, der das (Denk-)System immer ernster nimmt, als es sich nehmen darf, und unerbittlicher sieht, als es von anderen gesehen werden will – ein unbrauchbarer Anhänger, ein revolutionärer Polizist, der noch in seinen Devotionen unaufhörlich den humanitären Schleier zerreißt.


[1] Wer kennt Rainald G.? Über die diskursive Position des Literaten an der Grenze von Literatur.

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