Schnee von morgen

Unterwegs am Schneibstein Ostgrat, Oktober 2020, Hagengebirge

Früher – in einem anderen Leben, das nur wenige Monate zurückliegt – ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich beim Gang durch die Stadt manchmal stehenblieb, nur um erstaunt inne- und festzuhalten, wie in diesem vermeintlichen Chaos alles so gut funktionieren konnte. Dass hier jede und jeder wusste, wann sie oder er das Haus verlässt, in den Bus oder Zug steigt, die Kinder versorgt, zur Arbeit geht, sich mit Freunden trifft, kocht, lacht, abhängt, trainiert, sich weiterbildet, schläft, Liebe gibt oder einfach mal rumsteht.

Heute ist das anders. Heute blicke ich auf die vermeintliche Ordnung und habe das Gefühl, dass dieser Eindruck eine Chimäre ist, dahinter eigentlich nur mehr sehr wenig funktioniert. Vieles wirkt plötzlich irgendwie gespielt, aufgesetzt, künstlich am Leben gehalten – vor meiner Corona-Brille. Es wuselt rundherum, mehr oder weniger sinnbefreit, und jeden Tag werden wir mit wenig aussagekräftigen Absolutzahlen der Neuinfizierten bombardiert und sozusagen „am Laufenden gehalten“. In einer Bewegung wohlgemerkt, die den Stillstand prolongiert. Weil wir mittlerweile bei allem die Möglichkeit mitdenken, dass das, was wir planen, nicht stattfinden oder umgesetzt werden kann. So tun wir, was uns erlaubt wird. Wir treten auf der Stelle und versuchen dieser Bewegung Anmut zu verleihen.

Was tun? Wie weiter? 

Wenn sich das Außen gegen uns stellt, sollten wir uns dem zuwenden, was innen ist. Auch im Unternehmenskontext. Der Blick nach innen verlangt ein Innehalten. Und dass wir einen Moment die Geschäftigkeiten vergessen, die Betriebsamkeit suggerieren, jedoch keinen Sinn machen. Das Abarbeiten von Task-Listen vergessen, die nur dazu da sind, den Leuten im Home-Office das Gefühl zu geben, dass sie (noch) gebraucht werden. Vergessen Sie das, was bislang fraglos funktionierte und wenden Sie sich (endlich) den Fragen zu, für die Sie bislang keine Zeit hatten. Vergessen Sie die Idee, dass es nur darauf ankommt, das alte Offline ins neue Digitale zu übersetzen. (Der Digitalisierungsschub, von dem viele im Zusammenhang mit Corona und Home-Office sprechen, ist – verzeihen Sie – ein „Lercherlschas“ im Möglichkeitenland).

Natürlich ist vieles machbar, aber darum geht es nicht (mehr). Das Machbare ist obsolet geworden. Es geht um das Wünschbare und das Sinnvolle. Dem sollten wir uns zuwenden. Besser heute als morgen. Und um das zu ergründen, sollten wir in uns gehen. Als Menschen genauso wie als Unternehmensorganismen, die ja auch nur durch die Menschen Atem holen, die in ihnen Atem holen.

Atem holen

Das Zauberwort dazu heißt Resonanz, wie der Soziologe Hartmut Rosa, es nennt. Dabei geht es im Wesentlichen darum, die eigenen Schwingungen mit denen der Welt in Einklang zu bringen. Resonanz beschreibt den Modus, wie Subjekt und Welt zueinander in Beziehung treten. In einer Zeit, in der die Welt als abweisend erlebt wird, ist es besonders wichtig, die innere Schwingung ernst zu nehmen und zu gestalten.

Als narrative Organisationsentwickler sorgen wir für entsprechende Resonanzräume, in denen wir uns „aufs Spiel setzen“ und verwandelnd neu erfinden können. Damit Innovation nicht im Äußerlichen verkümmert.

Dank Corona sind wir auf unsere Kreativität zurückgeworfen.

Nutzen wir sie!

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PS: Übrigens: mit der Kreativität verhält es sich so wie mit dem Schnee. Sie ist nicht einfach herstellbar, immer zugänglich, jederzeit verfügbar. Dazu der bereits zitierte Hartmut Rosa: „Wenn wir den Schnee in die Hand nehmen, zerrinnt er uns zwischen den Fingern, wenn wir ihn ins Haus holen, fließt er davon, und wenn wir ihn in die Tiefkühltruhe packen, hört er auf, Schnee zu sein. … In unserem Verhältnis zum Schnee spiegelt sich das Drama des modernen Weltverhältnisses wie in einer Kristallkugel: Das kulturelle Antriebsmoment jener Lebensform, die wir modern nennen, ist die Vorstellung, der Wunsch und das Begehren, Welt verfügbar zu machen. Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung aber entstehen aus der Begegnung mit dem Unverfügbaren. Eine Welt, die vollständig gewusst, geplant und beherrscht wäre, wäre eine tote Welt. Das ist keine metaphysische Einsicht, sondern eine Alltagserfahrung.“

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