Angst vor der digitalen Revolution?

Manchmal scheint es so, dass man ein Wort nur oft genug in den Mund zu nehmen braucht, um jeden Sinn aus ihm „rauszuholen“. Und wenn ich „rausholen“ sage, denke ich nicht an Anreicherung oder Aufladung mit Sinn, sondern an einen perfiden Vorgang der Entladung, sodass am Ende kein Sinnrest mehr übrig ist.

Die „Digitale Transformation“ ist so ein Wortungetüm, das anfänglich angsteinflößend vor den Unternehmenstüren stand, heute aber viel von seinem Schrecken verloren hat. Nicht, weil Unternehmen sich der Herausforderung stellen, sondern weil mittlerweile wieder der Alltag eingekehrt ist und man mit dem „Monster in the House“ – als das Michael Müller die Digitalisierung in unserem BST-READER 2018 bezeichnet – zu leben gelernt hat. Und solange es still hält und es niemand aufschreckt, gelingt das in vielen Fällen erstaunlich gut. Als ob es schon reichen würde, es auf jeder zweiten Powerpoint-Präsentation einzufolieren, um den disruptiven Schrecken zu bannen, der dahinter lauert.

Plötzlich sehe ich jemanden winken, von weit her und ziemlich verschwommen, und erkenne Deng Xaoping, der Chinas Geschicke von 1979 bis 1997 bestimmte und glaubte, die Marktwirtschaft einführen zu können, ohne den Menschen aus der volkswirtschaftlichen Bevormundung zu entlassen. Die Deng Xiaopings in den heutigen Unternehmen glauben – ähnlich pragmatisch –, die Digitaliserung auf prozess-technische Maßnahmen reduzieren zu können, ohne die kulturelle Disruption mitzudenken. Dabei ist das Eine ohne das Andere nicht zu haben. Auch wenn man mit Stäbchen und Pinzetten vorsichtigst versucht, die rein technischen Aspekte wie Rosinen aus dem Digitalisierungskuchen zu picken.

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Das Bild zeigt Denq Xiaoping mit US-Präsident Gerald Ford, Foto: ©Reuters

Vor diesem Hintergrund ist auch die neue Arbeitswelt, die seit gut 10 Jahren gern gesehener Gast ist, wenn es um die Besetzung von Keynotes geht, nur ein Reflex auf das Gespenst der Digitalisierung. Weil die digitale Revolution, von der wir so leichtfertig sprechen, sich eben nicht nur in der Automatisierung von Prozessen und Dialogen im Namen der künstlichen Intelligenz erschöpft, sondern auch angestammte Hierarchien porös werden lässt. Mit der Folge, dass auf der Rückseite der harten Prozesse eben auch weiche Dinge wie Führung, Loyalität, Zusammenarbeit und Innovation neu definiert werden müssen.

In der Praxis reagieren Unternehmen jedoch gerne, indem sie auf alte Muster oder Narrative aufspringen: Indem sie Flexibilität nur in eine Richtung denken, indem sie von Eigenverantworung sprechen, wenn sie ihre Mitarbeiter alleine lassen und indem sie solange neue Compliance-Regeln definieren, bis auch der letzte Innovationsfunke aus dem Unternehmen entwichen ist. Was dabei übersehen wird, ist, dass Innovation der Regelbruch per se ist, dass Eigenverantwortung nur auf dem Boden des Vertrauens wächst und dass „Führung“ heute weniger eine Rolle bezeichnet als eine situative Qualität, die nur im Hier und Jetzt erfahren werden kann.

Sebastian Purps-Pardigol, der nicht zufällig mit dem Gerhirnforscher Gerald Hüther eine längere Wegstrecke gemeinsam zurückgelegt hat, bringt auf den Punkt, warum Zuhören-Können eine Management-Kategorie des neuen Jahrtausends ist und welche Rolle sinnstiftende Geschichten spielen könnten – auf unserem Weg durch das Dickicht, das sich Zukunft nennt.

Mit diesen Geschichten im Gepäck könnte es Führungskräften auch gelingen, die Unsicherheit, was die eigene Rolle angeht, zuzulassen und damit neue Potenziale in den Mitarbeitern freizusetzen. Ein Zusammenhang, den Bradley Owens, Professor für Business Ethics an der Marriot School (USA, Utah), in seinen Studien zur „Demut von Führungskräften“ eindrucksvoll bestätigt sieht.

„Die Ordnung der Vergangenheit“ ist jetzt als Film zu sehen

Vor etwas mehr als einem Jahr gab es das erste Screening in Potsdam. Jetzt ist der Film auch im Internet zu sehen, was ich Ihnen nicht vorenthalten will. Darüber hinaus sind die Erfahrungen eines experimentellen Workshops, den Wilhelm Singer und ich gemeinsam in Hamburg anlässlich der BEYOND STORYTELLING KONFERENZ im Juni 2018 anboten, in einen Text (About The Constructiveness of Life) geronnen, der im Frühjahr als Teil des Buches „Transforming organizations. Narrative and story-based Approaches“ im Springer Verlag erscheinen wird.

Zum Ansehen des Films einfach das Bild klicken.

Die Personen, die auftreten, sprechen für Familienmitglieder und Personnagen des Künstlers/Regisseurs/Beobachters Wilhelm Singer, der dem Stück seines Lebens beiwohnt, wie einem modernen Theaterstück, in dem das Publikum auf der Bühne Platz genommen hat. Als Beobachter ist er Teil des Stücks und kommuniziert bewegungs- und stimmlos mit den Gesichtern aus seiner Vergangenheit. Eines davon bin ich, der in einer geheimen Parallelmission ebenfalls in seiner Kindheit geschürft, Texte abgetragen und zu einer Figur verdichtet hat. Sie beschreiben eine Haut, die sich über multiple Biographien spannt. Wir teilen uns brüderlich diese Rolle: Alma – ein 15-jähriges Mädchen, das ich niemals war, das mir aber nachträglich die Form verleiht, in die ich mich gieße und verliere.

Ich erwache in einer fremden Welt, die ich bin und mir niemals ganz gehört. Ich beginne zu gehen, zu laufen – die Vergangenheit als Begrenzung hinter mir lassend. In der Collage aus vielen Gesichtern komme ich zu mir. Beginnen die Personnagen, die mich umgeben und formen, zu kommunizieren. Miteinander. Und wie durch Glasscheiben „unantastbarer Motive“ hindurch. Die Gesten, zu denen sie sich dabei hinreißen lassen, wirken wie an dünnen Fäden gezogen. Wir sind wie Re-Präsentanten eines Films, den unser Leben dreht. Sein Plot sind die Geschichten, die wir über uns erzählen. Oder mit den Worten Almas:

Die Entdeckung des Vorhandenseins ist ein Ereignis.“

A Reader’s Travel

First it was not more than a vague idea. About a book that is able to prolong and enspirit the conversations we will have during and after the conference in Hamburg on a different level. Nothing heavy, nothing academic, but something very human. Something that can provoke, surprise and make us laugh. A pillow book, one can open and crossread between night and day dreams.

Then the team jumped up the READER TRAIN and the project picked up pace. We started to collect, to choose, to sort out and to outline a bigger picture. And over time the monomanie in our heads has started breathing.

Now that the conference is already an event we have to turn around to see it on our timeline, we feel that the READER´s time is just coming – as it is being passed on and read now also outside the participants circles. And as our baby starts coming around – from New Zealand to Canada, from India to the US – we think that the time has come to offer it as a PDF, publicly and free for everyone who is interested and caring. Here is the link for download!

By the way: I found my feather last week. Of course, in a rocky terrain. Have a look. The new READER will be co-written with this feather.

Helsinki Games

Some months ago we have been shooting in beautiful and vibrant Helsinki at NextGames. It was cool to talk to people who are just defining the future of game play in terms of augmented reality. Nowadays games are services provided through the cloud. Especially when they are location based and played globally, there seems no other option to dynamically inject events into the game and interact with the players in real time.

And regarding the realism of the game, you just have to look around to see that the walkers eventually become part of our life. Whether you are a player or not.

Hamburg – one month later

First, it had the shape of an idea. Then, it became a location, a structure, a content. At the end, it was “a place to gather”, the relationships we have been able to build. When I am re-membering the conversations, the laughter and the secret insights carried by and made possible through this community @BST18 it feels painfully far away from a reality I am thrown into again – not having found my feather yet.

Europe! What a sparkling and sad name. The bewitching Phoenician princess, kidnapped and violated by conquerors, murders, dictators, slave traders and transnational companies to serve their inhumane interests. Protected and encouraged by illiterate and blinkered politicians in Rome, Munich, Vienna and Budapest who stand up to defend the prosperity gained on the back of others, proudly erecting the walls of a new fortress called Europe and cutting the last rescue bridges for refugees.

The wonderful and sharp-witted writer Christoph Ransmayr has recently called Europe “the heart of darkness”. In his speech he tells a story about his quest for the last Gorillas in the border region between Uganda, Ruanda and Kongo. A small wispy girl in a shredded dress, barefoot in the middle of nowhere, hefting a massive water can through the wildness without an obvious destination passes the travel group while changing the tires of their truck. This was the first encounter of being seen from far away. The second one was finally with a silverback, after hours of an arduous ascent, not less mysterious than the first one. He “looked at us, so long and deep down into our souls – or whatever Europeans might hold in their chests – that we suddenly felt like one of them.”

It is a different story about Europe. It’s a sliver of a story about the power of community.


More harvesting on BST2018 you can find on: https://www.beyondstorytelling.com/harvest-bst-2018

Schwerpunkt Heimat. Die neue „gangart“ zum Nachlesen

 

Heimat kann ein unscheinbares Bankerl sein oder ein Ritual, das weit in die Kindheit reicht. Eine Melodie. Ein Geruch. Die feuchte Erde nach dem letzten Schnee und vor der ersten Gülle. Ein Gefühl der Geborgenheit, aber auch ein Gefühl der Enge, wenn das Gewand zur Uniform wird, hinter der man sich versteckt oder andere bevormundet. Alles, was echt ist. „Ein jeder hat ein anderes Gesicht, aber alle haben den gleichen Hut auf, weil sie das gleiche Hirn haben“, heißt es bei Herbert Achternbusch, dem streitbaren Poeten in Sachen Heimat. Heimat als penibler Ordnungsbegriff. Heimat als Bastion gegen den Kitsch. Zwischen Blut und Boden. Alles, was recht ist. Zucht und Ordnung geben sich die Hand. Heimat – zwischen Tracht und Prügel.

heimat-coverZUM LESEN EINFACH DAS COVERBILD KLICKEN. DEN SCHWERPUNKT ÜBER DIE HEIMAT FINDEN SIE AUF DEN SEITEN 12ff.

Zehn „gangart“-Ausgaben sind es nun, seit wir uns auf den Weg gemacht haben. Die Richtung stimmt, das Ziel kennen wir nicht. Heimat ist eine Hütte, vor der wir Rast machen und uns neu orientieren.

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Und zur Verkostung erbat ich mir diesmal mit dem Rauhnacht-Trio Verstärkung aus meiner geografischen Heimat. Sie kamen und der Schmäh lief. Auch dass kann Heimat sein, dass man nach Jahren dort ansetzt, wo man stehengeblieben ist. Danke Franz, Christian und Ernst! Und danke auch Sandro für die Fotos und die Kastanie in deinem Hosensack!

Landebahnen der Zukunft

Ein Tag mit Otto Scharmer. Ausbrechen aus der Matrix. Gekrümmte Räume begehbar machen und neue Erfahrungsräume schaffen. Achtsam erkunden, was da ist. Immer von innen, nach außen. Vom Ich zum Du. In die Zukunft hineinstarrren bringt nichts. Wir müssen den Blick umwenden. Und vergegenwärtigen, wo wir stehen und worauf wir stehen.

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Das Jetzt von der Zukunft her erleben, kann man, indem man Skulpturen baut oder theatralische Räume öffnet. Man kann es aber auch, indem man das Zuhören kultiviert, die Aufmerksamkeitsfähigkeit vertieft und die vom wabernden Mehrheitsdiskurs verschütteten Momente narrativ freilegt und solange verdichtet, bis sie zu leuchten beginnen. Landebahnen der Zukunft erzählend entwirft, die dem Lärm rundherum eine Stille entgegensetzen, die unüberhörbar ist.

Die Alchemie des Augenblicks

Wo PRESENCING und RE-AUTHORING sich treffen, entstehen gemeinsame Denk- und Erfahrungsräume jenseits von Angst, Argwohn, Missgunst und Ignoranz. Das Nadelör der Zukunft ist unsere emotionale Intelligenz, wenn Systemisches und Persönliches ineinanderfließen. Wenn es uns gelingt, das vorschnelle Bewerten anzuhalten und selbstversunken in die Sache einzutauchen, um daraus einen Boden zu kultivieren, auf dem neue Werte blühen.

Große Theorien sind mit Vorsicht zu genießen, weil sie sich gern abschotten vom Fluss des Lebens zugunsten theoretischer Konsistenz. Anders die „Theorie U“ – sie vertraut auf das werdende Selbst als einziges Werkzeug, worauf wir uns verlassen können. Wer systemisch wirksam werden will, kann auf das sich dynamisch konstruierende Subjekt nicht verzichten. Weil durch die individuellen Bruchstellen das Licht dringt, das in die Zukunft weist. Die U-Labs, die Otto Scharmer begründet, stellen die Athenische Schule vom Kopf auf die Füße:

let no one enter who cannot see that the issues outside are a mirror of the issues inside“

Mehr dazu am 8. und 9. Juni in Hamburg und hier!