Heraklit reloaded

Panta rhei“, „alles fließt“, sagte der dunkle Heraklit zu sich selbst, als er am Fluss Kaystros sitzend über die Vergänglichkeit des Lebens sinnierte. Ich höre das Rauschen, das ihn umgab, als Hintergrundmusik, die große Gedanken entstehen ließ.

Heute, mehr als 2500 Jahre später, umgibt uns das Rauschen der Information. Und aus dem Fluss ist eine Dusche geworden, aus der es im Online-Modus kein Entkommen gibt. Wir nähren uns von Information, wir kleiden uns in Information und wir sind Information. Und wir agieren wie getriebene Hunde der Informationsversprechen, die hinter jedem neuen Link warten.

Wir zwitschern, wir chatten und streamen, was das Zeug hält – Audio-Content, Video-Content, Anwendungen, unser ganzes Leben. In einer solchen Situation scheint die Klage vom „Information Overload“ nur noch Indiz für eine überholte Bewusstseinslage. Denn der „Livestream“, der uns umgibt, mitunter einlullt oder nervt, ist nicht etwas, gegen das man ankämpfen kann, indem man seine Inbox entleert oder ein Dokument in den richtigen Ordner legt. Wenn alles fließt, wird man bei dem Versuch scheitern, die Dinge festzuhalten, zu katalogisieren oder in Ordnern abzulegen.

Vielleicht sollten wir uns anstatt um die Trockenlegung des Flusses um eine neue Haltung bemühen. Dabei könnte Heraklit eine Hilfe sein, der dem Geräusch des Flusses schließlich einen Sinn entlockte; oder Larry Channel, der seinen Blogpost scharfsichtig mit den Worten von Dave Winner schließt, die er ihm beim Lunch mit erhobenem Finger an den Tellerrand legte:

Think about Twitter as a rope of information — at the outset you assume you can hold on to the rope. That you can read all the posts, handle all the replies and use Twitter as a communications tool, similar to IM — then at some point, as the number of people you follow and follow you rises — your hands begin to burn. You realize you can’t hold the rope you need to just let go and observe the rope.”

Man vergleiche diese Anweisung mit der Jacob Burckhardts, die er im Jahre 1840 den Eisenbahnreisenden mit auf den Weg gab, damit sie im Projektil eingeschlossen, die Landschaft genießen können, anstatt sich andauernd zu übergeben:

Die nächsten Gegenstände, Bäume, Hütten und dergleichen kann man gar nicht recht unterscheiden; so wie man sich danach umsehen will, sind sie schon lange vorbei. Wer ein gutes Auge hat …, gewöhne sich gleich daran, alles, was sich ihm während der Fahrt darbietet, aus einiger Entfernung zu beobachten, und es wird ihm selbst während der allergrößten Schnelligkeit, bei einiger Beobachtungsgabe, nicht das Geringste verloren gehen.“

Was war passiert? Die Menschen, die Anfangs noch zwanghaft den Vordergrund fixierten, hatten sich angeeignet, was Walter Benjamin „panoramatische Wahrnehmung“ nennt. Wir brauchen sie heute jeden Tag, um nicht im Supermarkt unseren Verstand zu verlieren. Oder im Nachrichtenstrom.

Die Frage ist, ob die damit einhergehende panoramatische Gelassenheit, die die Dinge als Hintergrund vorbeiziehen lässt als beträfen sie einen nicht, wirklich unsere Rettung ist; beziehungsweise, was damit auf der Strecke bleibt.

Wenige Jahre später, 1864, schrieb Gustave Flaubert an einen Freund:

Ich langweile mich derart in der Eisenbahn, dass ich nach fünf Minuten vor Stumpfsinn zu heulen beginnen könnte.“

Wusste Flaubert davon? Und warum brennen meine Hände, während ich dies notiere?

By:

Posted in:


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: