Wie kommt das Neue in die Welt? Schwarz mit rotem Rand.

Wer sehen will, muss schauen.“ Elias Canetti

Ein Zitat, gefunden im Juli 2003. Der Kalender hängt noch immer. Weil das Verstehen auf sich warten lässt. Dabei sehen wir, sobald wir die Augen öffnen. Schauen ist anders, zielgerichteter. Wer schaut, schaut hin oder schaut weg. Ich schaue in den Himmel und sehe den Mond. Ich kann auch dich sehen. Aber schauen kann ich dich nicht. Nur anschauen, minutenlang, ein Leben lang. Was ich sehe, wenn ich schaue? Und was siehst du, wenn du mich siehst? Siehst du mich da, von wo ich auf dich schaue? Sehen ist Aktion und Ergebnis. Wer genau hinschaut, kann sehen, wie unsere Wahrnehmung funktioniert. Unsere Werkzeuge, Glaubenssätze bestimmen, was wir sehen und was nicht. Wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem aus wie ein Nagel. Wahrnehmung als Metapher. Wie sieht dein Problem aus?

Jeder Blick ist eine Einstellung, mit der wir uns der Welt nähern. Thomas S. Kuhn meint, dass wir nur das sehen, was unser vorgefertigtes Weltbild uns zu sehen erlaubt und dass „für die Wahrnehmung selbst so etwas wie ein Paradigma vorausgesetzt werden muss.“ (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, s.125)

Und wie kommt dann das Neue in die Welt?

Eine Frage, die jeden beschäftigt, der mit Veränderung zu tun hat. Für Thomas S. Kuhn steht fest, dass das Neue auch in uns passieren muss, indem wir eine neue Einstellung zur Welt finden und das alte Wahrnehmungsparadigma, in dem wir gefangen sind, durchbrechen. Ähnlich wie bei dominanten Geschichten sehen wir auch innerhalb eines Paradigmas nur das, was in den vorgegebenen Rahmen passt. Den Rest blenden wir aus. „Was ein Mensch sieht, hängt sowohl davon ab, worauf er blickt, wie davon, worauf zu sehen ihn seine visuell-begriffliche Erfahrung gelehrt hat.“ (Kuhn: ebenda)

herz4c_schwarzVor diesem Hintergrund ist es naheliegend, im Coaching die Werte, Normen und Glaubenssätze zu beleuchten, die bestimmten Einstellungen/Wahrnehmungen zugrunde liegen. Kuhn erwähnt in diesem Zusammenhang das psychologische „Experiment mit den anomalen Spielkarten“ von Jerome S. Bruner und Leo Postman, bei dem Versuchspersonen aufgefordert wurden, eine Reihe von Spielkarten nach kurzer und kontrollierter Darbietung zu identifizieren.

Viele der Karten waren normal, aber einige waren verändert worden. So gab es unter anderem eine rote Pik Sechs und eine schwarze Herz Vier. Jede Sitzung bestand darin, dass einer Person in einer Serie allmählich immer länger werdender Darbietungszeiten jeweils eine Karte gezeigt wurde. Nach jeder Darbietung wurde die Versuchsperson gefragt, was sie gesehen hatte, und die Sitzung endete, wenn die Karte zweimal hintereinander richtig erkannt wurde. Sogar bei kürzesten Darbietungszeiten identifizierten viele Versuchspersonen die Mehrzahl der Karten, und nach einer geringen Verlängerung identifizierten alle Personen alle Karten.

Der springende Punkt: Während bei den normalen Karten die Identifizierungen gewöhnlich richtig waren, wurden die abgeänderten Karten fast immer, ohne sichtbares Zögern oder Überraschung, als normale Karten bezeichnet. So wurde die schwarze Herz Vier beispielsweise als Pik Vier  oder Herz Vier identifiziert und ohne jedes Bewusstsein von Schwierigkeiten sofort in eine der von vorangegangenen Erfahrungen bereitgestellten Begriffskategorien eingeordnet. Man kann nicht einmal sagen, die Versuchspersonen hätten etwas anderes gesehen, als sie angaben. Bei einer weiteren Verlängerung der Darbietungszeit für die nicht normalen Karten begannen die Versuchspersonen zu zögern und zeigten, dass sie sich der Anomalie bewusst wurden. Als ihnen beispielsweise die rote Pik Sechs vorgelegt wurde, sagten einige: das ist die Pik Sechs, aber etwas stimmt damit nicht – das Schwarz hatte einen roten Rand. Eine weitere Verlängerung der Darbietungszeit ergab noch mehr Zögern und Verwirrung, bis schließlich, und manchmal recht plötzlich, die meisten Versuchspersonen die richtige Identifizierung ohne Zögern nannten. Außerdem hatten sie, nachdem sie das bei zwei oder drei anomalen Karten getan hatten, nur noch Schwierigkeiten bei den anderen. Einige Versuchspersonen waren allerdings überhaupt nicht in der Lage, die erforderlichen Korrekturen an ihren Kategorien vorzunehmen. Auch bei einer Verlängerung der für das richtige Identifizieren von  normalen Karten erforderlichen durchschnittlichen Darbietungsdauer auf das Vierzigfache wurden noch immer mehr als zehn Prozent der anomalen Karten nicht richtig bezeichnet. Und die Versuchspersonen, die dann noch versagten, empfanden oft starke Frustration. Eine rief: „Ich kann die Farbe nicht erkennen, gleichgültig welche es ist. Diesmal sah es nicht einmal wie eine Karte aus. Ich weiß nicht, ob es jetzt Rot oder Schwarz ist, und ob es Pik oder Herz ist. Ich bin jetzt nicht einmal mehr sicher, wie ein Pik aussieht. Ach du lieber Gott!“

Eine Pikanterie am Rande, die Kuhn in seinen Anmerkungen erwähnt: Selbst Leo Postman, der Apparatur und Darbietung kannte, erzählt, er habe das Betrachten der widersinnigen Karten als akut unbehaglich empfunden. Dieses Unbehagen sollten wir im Auge behalten, wenn wir Veränderungsprozesse begleiten. Es mit Widerstand gleichzusetzen wird der Sache nicht gerecht.

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