Sich selbst erzählen: Auf Augenhöhe präsent mit der Kraft der Improvisation.

Narrative Arbeit bedeutet, mit den Menschen, die uns vertrauen, ein Stück des Weges mitzugehen. Und das ist nur möglich, wenn wir uns selbst einbringen, involvieren. Einen Raum schaffen, in dem sich Geschichten entfalten können.

In Anlehnung an den ersten Teil unseres Blog-Beitrags Sich selbst erzählen, geben wir den zweiten Teil unseres narrativen Zwiegesprächs preis, und zeigen damit einmal mehr, was in uns brennt. Dieses Zwiegespräch ermöglichte, uns nicht nur gegenseitig, sondern vor allem auch uns selbst, kennenzulernen. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Eine narrative Reise…

In einer Familie als letzter von fünf Geschwistern aufzuwachsen, ist nicht immer leicht. Klar, es gibt Gelegenheit für Vorbilder. Gute Chancen so manchen Fehler nicht zu wiederholen. Ein ideales Lernumfeld um soziale Interaktion zu lernen, im Schutz der Familie. Das Glück des Spätgeborenen. Das bedeutete für mich aber oft auch und immer mehr, die Dinge zu tun, die andere vorgeben. Zum einen um gut durchs Leben zu kommen und zum anderen um Anerkennung zu erhalten.

RUHIG GESTELLT

Als Kleinster ist mit Kämpfen nicht viel zu erreichen. Lohnender ist da schon nachzuahmen und nachzueifern und vor allem, diplomatisch zu agieren. Überspitzt formuliert könnte man auch sagen: klein beizugeben. Doch was davon kommt dann noch von einem selbst und was ist reine Imitation oder wird bloß getan, um zu gefallen? Die Grenze ist fließend und löst sich über die Jahre vor allem im Berufsleben zunehmend im Nebel auf. Denn auch das soziale Umfeld in Organisationen birgt Chancen für Nachahmung der familiären Kommunikationsmuster. Die Karriere war nicht immer geplant. Da war oft jemand, der wusste was gut für mich sein könnte. Optionen ergaben sich quasi von selbst. Was aber, wenn keiner da ist, der weiß, was gut ist? – Entscheidungen fallen da manchmal schwer.

Der Ruhig-Gestellte ist der kleine Bruder, der nicht viel zu sagen hat und damit auch stiller und vorsichtiger wird. Wenn er etwas zu sagen hat, dann kurz, knapp und prägnant, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Vorsicht, um keine Fehler zu machen, aber auch Vorsicht aus Angst. Angst davor, für Missgeschicke belächelt zu werden. Aus einem positiven Wort wie Ruhe wird fast ein Schimpfwort. „Du bist immer so ruhig“ – noch heute verfalle ich mitunter in Schockstarre, wenn ich diesen Satz höre. Vielleicht desshalb, weil die Ruhe nicht immer freiwillig gewählt war.

Wie soll man als kleiner Bruder die Welt verstehen, wenn sich schon die Großen so schwer damit tun? Vielleicht auch daher manchmal der heimliche Wunsch als Kind, lieber ein Mädchen zu sein. Vielleicht wäre das Leben dann einfacher? Und man könnte zumindest den großen Themen wie Krieg einfacher entkommen, was für mich als Kind meiner Eltern, welche den Krieg hautnah miterlebt haben, sehr prägend war. Nicht umsonst hab ich als kleiner Junge davon geträumt, dass „die Russen“ wieder kommen. Panzer fahren über den Marktplatz unseres kleinen Ortes. Ich will nach Hause laufen und falle, rutsche am Hosenboden den Berg runter, komme nicht voran, und… wache schwer atmend auf.

AUF AUGENHÖHE PRÄSENT MIT DER KRAFT DER IMPROVISATION

Ich merke, Kommunikation gelingt, gelingt sogar sehr gut. Wenn ich mit einem Thema und dem Umfeld vertraut bin. Wenn ich ganz ich selbst bin. Ein Vortrag, ein Konzert, eine kritische Besprechung, eine große Gruppe moderieren – all das gelingt sehr gut. Die Ruhe bekommt hier einen positiven Kontext. Sie wirkt als Kraftraum und Pufferzone.

Was ich denke, sage und tue ist wichtig. Nicht nur für mich, sondern auch für andere. Diese Erkenntnis war nicht immer da. Diese Erkenntnis erfordert eine bewusste innere geistige Bewegung, die in hektischen Situationen oder unter Druck nicht immer möglich war. Die Vorsicht in mir gemahnte nach kompetenten, präzisen Antworten auf die Fragen der Welt.

Eines Tages höre ich mich selbst fast schreien: „Ich bin nicht ruhig, ich bin nur präzise, das braucht Zeit, und die will ich mir auch nehmen“. Die Kollegen aus der Coaching-Ausbildung sehen mich mit großen, aber leuchtenden Augen an, denn auch sie erkennen den Gabelpunkt in meinem Leben.

Die Vorsicht will gehört werden, sie liefert wertvolle Hinweisschilder. Die Vorsicht wird jetzt jedoch zunehmend ihrer Kompetenz enthoben, ihrer Kompetenz ruhig zu stellen. Diese Kompetenz wird an Mut und Kraft delegiert. Mut und Kraft, um auch mal was Falsches, Peinliches, Unangebrachtes zu sagen – und dennoch auf Augenhöhe zu bleiben.

Kinder spielen immer ernst, sagt man. Denn gespielt ist letztlich nur dann gut, wenn es authentisch bleibt. Spielen bedeutet nicht, sich anders zu geben. Heißt aber, aus sich herauszugehen, etwas zu wagen, etwas von sich preiszugeben. Der Jazz lebt vom Preisgeben innerer Gefühle im Rahmen der Improvisation. So wandelt sich der Jazz für mich von der musikalischen Stilrichtung zur Lebenseinstellung.

Auf Augenhöhe präsent mit der Kraft der Improvisation.

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